Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

1000 Probleme sind endgültig gelöst

Probleme lösen: Aussicht vom Phare de Eckmuhl in Penmarc'h. Dort will Theophil Meisterberg hin.
Blick vom Phare d’Eckmuhl in Penmarc’h, Bretagne

Abgesehen davon, dass ich laut Diagnose zu Weihnachten sterben muss, glaube ich, die Probleme im Wesentlichen endgültig gelöst zu haben. Vielleicht verwundert es, wenn ich in dieser Lage einen solchen Satz niederschreibe. Zwar ist der Krebs eine weithin grassierende Krankheit. Dennoch schweigt die Mehrheit der Menschen darüber.

Sowie der Tod überhaupt eine vom Leben abgeschiedene Landschaft ist. Zu Lebzeiten will niemand etwas von ihm wissen. Seine Spuren finde ich an den selben Orten und Wegen an, wo auch die Zeichen Gottes zu sehen sind. Die sich stark und unsterblich wähnende Gesellschaft würgt und spuckt beide ganz weit aus: Tod und Gott. Weil aber Gott und Tod in machtvoller Personalunion das Naturgesetz der Sterblichkeit regieren, gibt es in Wahrheit kein Entkommen.

Die Probleme liegen im Verstand

Obwohl sie tagtäglich Gott und Tod zu entkommen versuchen, scheitern alle. Als Ödipus die böse Rätselkönigin von Theben mit seiner Antwort besiegte, wusste er noch nichts vom kommenden Elend seiner eigenen Regentschaft. Die Probleme begannen also vor langer Zeit.

Die Sphinx fragte den Ödipus: „Was ist das? Es ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig. Von allen Geschöpfen wechselt es allein mit der Zahl seiner Füße; aber eben wenn es die meisten Füße bewegt, sind Kraft und Schnelligkeit seiner Glieder ihm am geringsten.“

Ödipus’ richtige Antwort war: „Du meinst den Menschen, der am Morgen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füßen und zwei Händen kriecht. Ist er stark geworden, geht er am Mittag seines Lebens auf zwei Füßen, am Lebensabend, als Greis, bedarf er der Stütze und nimmt den Stab als dritten Fuß zu Hilfe.“

Nachdem der tapfere und kluge Ödipus die Sphinx aus der griechischen Stadt Theben vertrieben hatte, bestieg er den Thron als Herrscher. Von nun an vertrieb der Mensch nach und nach die Götter der Vergangenheit und setzte sich selbst über alles andere auf der Erde. Nichtsdestotrotz vermochte der Verstand ein Rätsel nicht zu lösen: Sterblichkeit.

Denn diese nun ist Gottes letzte verbliebene Bastion. Kurzum: Weil Gott mit Hilfe des Todes ins menschliche Leben hinein regiert, erschafft er oder sie dem rechnenden Verstand die bitterste Niederlage. Daher rechnen die Geldgläubigen am liebsten Tod und Gott aus ihrem Bewusstsein heraus. Sowie sie jene  Träumer ausspeien, welche sich dem irrationalen Tauschkalkül von Arbeitskraft, Geld und Waren entziehen.

Das Reich Gottes gehört den Träumerinnen

Gott sagt es den Ihren im Traum. Demnach sind die Träume die Eintrittskarte zum Reich Gottes. Dieses in der Wirklichkeit der Zeit zu begründen, ist die Aufgabe der Pirmasenser Kolonie. Die Menschen hier haben beschlossen, dem Ruf zu folgen und nicht mehr nach als ein purer Geldwert genormt und berechenbar zu sein. Was vor Gott und den Mitkolonistinnen zählt, ist der Mensch an sich in all seiner Verschiedenheit und in seiner Beziehung zu Gott. Daher bin sich sehr froh und dankbar darüber, dass es in Pirmasens immer weniger sogenannte normale Menschen gibt. Was diese Entwicklung betrifft, darf ich getrost sagen: Ja, die Probleme sind im Wesentlichen endgültig gelöst.

Gottbier, Erika und Frankreich

Was meine Befindlichkeit angeht, so sind Wut und Zorn über meine schlimme Krankheit einem geborgenen Gefühl gewichen. Das sagt mir, ich bin am Ziel angekommen. Die Jahre der Wanderschaft, des Suchens in der Kälte und der Angst sind jetzt vorbei. Meine letzten Monate werde ich mit möglichst vielen Schmerzmitteln, reichlich Gottbier und meiner Geliebten Freundin Erika verbringen. Sofern es die Krankheit noch erlaubt, möchte ich im Herbst eine kleinen Reise nach Frankreich unternehmen.

Aber trotz allem bleibt auch mir die Hoffnung. Die Krankheit könnte noch per Spontanheilung verschwinden. Dann würde ich in jedem Fall als Seelsorger in der Pirmasenser Kolonie weiter arbeiten.

Bericht: Theophil Meisterberg
Digitales Bild: Theophil Meisterberg

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