Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Ex-Terroristin Svetlana

Die Terroristin Svetlana lässt sich nicht fotografieren. Jedoch gestattet sie uns, ihre Erscheinung mit Hilfe eines 3D-Programms nachzuzeichnen.
Die Terroristin Svetlana lässt sich nicht gerne fotografieren. Die Redaktion hat ihre Erscheinung daher am Computer auf Grundlage eines privaten Fotos nachgezeichnet. Svetlana hat der Veröffentlichung dieses Bildes zugestimmt, weil es ihre besonderen Merkmale verbirgt.

Terroristin. Das ist mein Beruf. Exakt: Aktivistin der Rote Armee Fraktion. Kurz: RAF. Das heißt, ich bin berufen zum bewaffneten Kampf gegen den Imperialismus und seine Repräsentanten. Seit 36 Jahren lebe ich diese revolutionäre Identität. Terroristin zu sein bedeutet, eine bewusste und unumkehrbare Entscheidung dafür zu treffen, den Kampf für die Umwälzung der Verhältnisse zum Sinn und Inhalt des eigenen Lebens zu bestimmen.

Bereue ich diese Entscheidung? Nein. Ich bereue nichts. Jede gezündete Bombe, jedes gelegte Feuer, jeder abgefeuerte Schuss war richtig. Jeder Tag im Untergrund war und ist es wert, gelebt zu werden. Reue darüber, Terroristin, Aktivistin und Revolutionärin zu sein, ist Verrat. Verrat an den Genossinnen von heute, Verrat an den Aktivistinnen, die ihr Leben für Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden gaben. Als lebenslang berufene Terroristin bleibe ich den Zielen für immer treu. Das ist der Schwur.

Vom Lebenszweck einer Terroristin

Das Ziel und der Sinn meines Lebens ist und bleibt es, die zerstörerische Kraft der Geldherrschaft zu stoppen und umzukehren. Ich will den Menschen die fassbare Aussicht auf das Ende imperialistischer Herrschaft und Barbarei eröffnen. Darin hat der Kampf an der Front in Mitteleuropa als Schauplatz des globalen Krieges um Menschenwürde und Gerechtigkeit seine besondere Bedeutung.

Der Kampf gegen konkrete Projekte in der imperialistischen Strategie muss mit dem Ziel geführt werden, den faschistischen Regierungen und Konzernen die politisch-materielle Grenze zu setzen. Also exakt ihre verbrecherischen Investitionen zu blockieren und zu verhindern, um ihre Strategien zu brechen und die Erosion des Systems voranzutreiben. Dafür, für diese Ziele stehe ich mit meinem Leben ein.

Svetlana kritisiert die Gruppe

Obwohl ich jeden dem Feind seit den 1970er bis in die 90er Jahre zugefügten Schaden für richtig halte, erkenne ich im Rückblick einige Fehler in der Strategie der damaligen Aktivistinnen. Zuallererst war es falsch, dass sie sich mit Antisemiten verbunden haben. Wenn eine Organisation wie die PFLP einen Befreiungskrieg führt, an dessen Ende ein weiteres repressives System und die Vernichtung Israels stehen soll, dann steht das im inneren Widerspruch zu meinen Zielen als Terroristin und Aktivistin.

Folglich ist aus meiner heutigen Sicht eine falsche Strategie, einen überzeugten Nazi wie Hanns Martin Schleyer nach der Gefangennahme hinzurichten. Das Kommando hätte ihn als lebendes Mahnmal gegen die Menschheitsverbrechen medienwirksam entlassen sollen.

Daraus folgt wiederum, ich halte auch die Hinrichtungen von Vorständen, Diplomaten und Politikern in den 1980er Jahren für strategisch falsch. Denn die vermeintliche Macht der Eliten des Systems beruht einzig auf dem Glauben an den Wert des Geldes. Exakt dieser muss zerstört werden.

Die neue Strategie

Statt der Hinrichtungen hätten wir schon damals die materiellen Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaftsordnung kriegerisch angreifen müssen. Nämlich alles was den Geldanlegern und Managern ihre Profite auf Kosten anderer erst möglich macht. Konkret: Knotenpunkte militärisch-industrieller Kommunikation, Transportwege, Verkehrsmittel, globale Rohstoffquellen und bestimmte Forschungseinrichtungen. Wie wirksam die Strategie ist, hat der Angriff auf den Knast von Weiterstadt im Jahr 1993 bewiesen.

Aber dieser Kampf ist die Aufgabe der nächsten Generation. Die findet sich und wächst zu neuen Terroristinnen heran. Sie besitzt Wissen, Waffen und Willen, dem Imperialismus die Grenzen der Gerechtigkeit aufzuzwingen. Was ich von all dem hatte, habe ich an die Jungen weitergegeben. Die Aktionsgruppen sind im Aufbau und wachsen sehr stark. Der Zulauf ist viel größer, als wir es uns zu Zeiten hätten erträumen können. Es wird ein Kampf von innen und von außen sein. Jedoch werde ich ihn nicht mehr führen. Bald werde ich 60 Jahre alt. Also ist für mich die Zeit des Abschieds gekommen.

Ja, ich bin müde. Müde vom Versteckspiel, müde von der Flucht, müde von den Entbehrungen des Untergrunds. Meine Augen sind zum Schießen zu schwach. Meine Beine versagen den schnellen Sprint. Jedoch ist mein Geist frisch und klar. Meine Überzeugung ist ungebrochen.

Unter der Führung Gottes und der Leitung von Ester Berlin werde ich an der Seite der Kolonistinnen in Pirmasens für eine bessere Welt kämpfen. In dieser Gemeinschaft haben Sexismus und Rassismus keinen Platz. Dieser Kampf wird allerdings nicht mehr mit Waffen ausgetragen, sondern mit Worten und Bildern. Ich werde lernen, diese Schlachten mit Tastatur und Knipse zu schlagen.

Svetlana

Das könnte dich auch interessieren …