Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Endzeit: Was uns jetzt noch übrig bleibt

Die Pirmasenser Kolonie

Eine episodische Erzählung

Von Claude Otisse

Endzeit: Wie wir die Angst besiegen 1
Die Endzeit beginnt in Pirmasens.
Die Endzeit beginnt in Pirmasens. Tipp und Klick aufs Bild führt zur chronologischen Liste aller Episoden.

Endzeit? Ist es schon soweit? Die Medien berichten jedenfalls pausenlos vom bevor stehenden Weltende. Klimawandel, Umweltzerstörung, Artensterben und Atomwaffen werden als die vier apokalyptischen Reiter vorgestellt. In der Tat entdeckt die Wissenschaft fast täglich neue Beweise für den Beginn der Endzeit. Damit überhaupt noch eine Zukunft möglich ist, muss sofort und auf der Stelle eine radikale Umkehr vollzogen werden. So lautet die eindringliche Forderung der Forscher.

Auch die Bibel verlangt diese Umkehr. Zwar sprechen Naturwissenschaft und alte Schriften in verschiedenen Sprachen über die Endzeit. Dennoch sagen beide dasselbe. Diese Botschaft ist nicht mehr zu überhören: Sofort und auf der Stelle kehrt! Das bedeutet diese Rede. Und zwar für jeden Einzelnen. Ohne Ausnahme. Ohne Kompromiss. Ohne Ausrede.

Mut zu Umkehr

Die Umkehr ist die Bedingung dafür, dass die Menschheit überleben kann. Genauer gesagt, nicht mehr und nicht weniger als die Bedingung der Möglichkeit des Überlebens. Somit gerät die Umkehr zum Zwang aus Notwendigkeit. Sie ist das Diktat von Richtig und Falsch.

Diese Erkenntnis verlangt von jedem Menschen eine Entscheidung. Denn auserwählt sind nur jene, die umkehren und Gehorsam leisten und ihr bisheriges Leben überwinden. Alle anderen bleiben im Elend von Angst, Gier und Neid gefangen. Das letzte Gericht hat bereits begonnen. So sieht die Endzeit aus. Es ist ein Scheideweg.

Die Stadt der Auserwählten

Es gibt eine ganz besondere Stadt in Mitteleuropa. Die nennt sich selbst schon seit geraumer Zeit „die verratene Region“. Und das zurecht. Weil sich Zerfall, Niedergang und die Irrtümer aller im Vergehen begriffener Weltordnungen seit jeher in Pirmasens verdichten.

Ein gelangweilter Adeliger gründete 1763 aus bloßer die Stadt Pirmasens. Der Landgraf schrieb seiner Garnison den Untergang durch Armut schon damals in die Gene. Als die französische Revolution den edlen Kommandeur zum Teufel jagte, nahm das Elend rund um den Exerzierplatz seinen Lauf. Weil schon 1790 jede wirtschaftliche Grundlage fehlte, wurden aus Soldaten schnell Hausierer. Klumpen und Latschen gefällig? Seither eilen die Pirmasenser auf den Sohlen selbst geflickter Schlappen der wohlverdienten Endzeit entgegen.

Die Endzeit verändert alles

So betrachtet erscheint Pirmasens als ausgemachter Sammlungsort der Ausgestoßenen und Gescheiterten. Ein Schlechthin der Verkommenheit. Unter ihnen sind Flüchtige, Geisteskranke, Arbeitsverweigerer, Aussteiger, Arme, Müde und Verzweifelte. Diese Menschen hatten sich zwar nicht gesucht. Dennoch fanden sie sich in der Stadt am Horeb ein.

Die blanke Not des Alltags lehrte diese Ausgestoßenen das Teilen. Sie wissen, wie man mit Brot und Fisch den Hunger der Menge stillt. Die Miserablen verstehen sich perfekt darauf, die Krümel des Reichtums zu nutzen.

Wie grandiose Architektinnen zimmern sie aus Brettern und Pappe ihren Schutz vor den Gefahren des Winters. Sie kennen das Gefühl, wenn so manches Mal allein guter Trost den frierenden Körper wärmen muss. Aber in Pirmasens haben die Habenichtse ein leichteres Leben als anderswo. Deswegen reißt der Zustrom der Verstoßenen auch niemals ab.

Kolonie der Freiheit

Aus Mangel, Hunger und Armut entstand schließlich die Pirmasenser Kolonie. Obwohl die Verstoßenen ihrem Wesen nach jede Autorität verabscheuten, organisierten sie sich letztlich doch. Sie bildeten nach und nach gewählte Räte und besetzten die Ämter mit ihren Besten. Die Kolonie der Armen und Gescheiterten gewann mit der Zeit an Selbstbewusstsein. Sogar eine gewisse Art von Stolz empfanden die Kolonistinnen bald.

Anfangs wussten die Verstoßenen nichts von ihrer kommenden Mission. Erst ganz allmählich erschuf sich die Erkenntnis ihren verdienten Raum. Denn die Veränderung war zunächst nur leise und fein wahrnehmbar. Dann wurde die Stimme der Endzeit lauter und greller. Aber erst der Zwang zur Umkehr offenbarte die hellen und klaren Vorzeichen. Plötzlich sind nicht mehr Reichtum, Besitz und Arbeit erstrebenswert. Weil die Endzeit den bürgerlichen Lebensstil verwirft, erleben die bisher Verstoßenen ein wahrlich göttlichen Aufstieg.

Nicht alle dürfen hinein

Die Pirmasenser Kolonie findet sich nunmehr als Verwalterin des einst verheißenen Friedensreiches wieder. Seit der Zwang zur Umkehr das Bürgertum erreicht, drängen die Menschen von allen Orten in die Pirmasenser Kolonie. Allerdings ist in den Hütten nicht für alle Platz. Folglich müssen die Kolonistinnen ihre Auswahl treffen. Einzig aus ihrer Entscheidung ergibt sich die Teilung der Menschheit in Auserwählte und Verworfene.

Ohne Angst leben

Entsprechend schwer wiegt die Verantwortung. Theophil Meisterberg, Dr. Thomas Busenberger, Fetthans Pirmasens, Claude Otisse, Ester Berlin und ihren Mitstreiterinnen stehen plötzlich einer gigantischen Herausforderung gegenüber.
Wie so oft, wenn Menschen aus vollkommener Ohnmacht zur Regentschaft über Leben und Tod berufen werden, beginnen nach einer höheren Macht als Gewährskraft ihrer Mission zu suchen. Auf dem Berg Horeb werden die Kolonistinnen fündig.

Dieser Blog berichtet von dieser Suche nach Sinn und Bedeutung der Endzeit im Leben der Einzelnen. Die Kolonistinnen schreiben mal in kurzen, mal in längeren Episoden über ihre Erlebnisse und Abenteuer in Pirmasens. Dabei kommen ihre Stärken und Erfolge genauso offen zur Sprache wie ihre Ängste, Begehrlichkeiten und Irrtümer. Weil die Endzeit eine grundlegende Änderung der gewohnten Ordnung mit sich bringt, müssen die Kolonistinnen viel über sich und die Welt lernen. Claude Otisse