Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Geldherrschaft: Der kommende Aufstand

Geldherrschaft: Blau gefärbte Münzen liegen auf einem Tisch
„So gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“ , so die Bibel, Matthäus 22,21.

In der Pirmasenser Kolonie lebt es sich gut. Sehr gut sogar. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit. Die Kolonistinnen nehmen ihre Nächsten an, wie sie sind. Sie teilen alles miteinander. Trotz der Gleichheit ist niemand einem anderen gleich. Uniformität finde ich nicht in der Kolonie. Geldherrschaft gibt es dort nicht.

Dennoch gibt es in der Pirmasenser Kolonie ein Problem. Zwar ist Gott nach langer Wartezeit zu den Menschen zurückgekehrt. Dann hat sich die Gottheit in Gestalt einer transsexuellen Frau in Pirmasens niedergelassen. Immerhin hat sie mit ihrer Wiederkehr die biblische Prophezeiung in grundlegenden Zügen erfüllt. Allerdings folgt Gott den Dogmen der Kirchen nicht. Sie verhält sich nicht so, wie es seit alters her prophezeit und wie es deswegen noch heute von Gott erwartet wird.

Gott verweigert die Herrschaft

Hier kommt die Nuss, die wir zu knacken haben: Gott will nicht herrschen! Diese Weigerung stürzt die Geistliche Hütte in eine tiefe Krise. Theophil Meisterberg, Lukas der Prophet und Fetthans sind entsetzt. Nur Ester Berlin begrüßt das Wort Gottes. „Gott hat Recht. Wir brauchen keine totalitäre Herrschaft. Auch nicht als Herrschaft Gottes. Schließlich wären wir dann ja auch nicht anders, als die Gesellschaft draußen.“ So meinte Ester, als wir in diesen Tagen das jüngste Tonband mit der Stimme Gottes abhörten und von der Weigerung Gottes erfuhren, die ihr von den Menschen zugedachte Rolle zu spielen.

Vielmehr als diktatorisch selber zu herrschen verlangt Gott eine demokratische Selbstverwaltung von der Pirmasenser Kolonie. „Diskutiert es aus und schreibt euch die Gesetze auf“, sagte Gott mit zarter Stimme. Von Posaunenschall und Donnerschlägen ist vom Tonband nichts zu hören.

Aus der Stadt erschallt Heulen und Zähneklappern

Statt dessen höre ich draußen in der Stadt das Heulen und Zähneklappern der vom Flimmern der Bildschirme gefärbten, blaugrünen Familien. Jedoch fürchten die Blaugrünen weder Gott noch Moral. Alleine die Angst vor dem Verlust des Ersparten, der Rente und ihres Besitzes lässt diese Menschen erzittern. Dann das, so glauben sie, sei das Wesen und der Sinn des Daseins. Somit haben sie sich selbst eine Gottheit geschaffen.

Geld soll dem Menschen dienen, nicht der Mensch dem Geld

Joseph erdachte einst in Ägypten die Getreidespeicher. Diese Vorräte sicherten die Ernährung in den schlechten Jahren. Letztlich jedoch diente Josephs Wirken unter dem Pharao einzig der Befreiung des Volkes Gottes aus der Knechtschaft. Doch die Gesellschaft vor den Toren der Pirmasenser Kolonie nahm dem Wirtschaften seinen ursprünglichen, dem Dasein dienenden Zweck und erhob die Vorratshaltung zur alles bestimmenden Gottheit.

Geldherrschaft: Die Ideologie vom Wirtschafts-Gott

Umso mehr, als die Blaugrünen zittern, desto mehr verlieren sie“, weiß Ester. Weil sie erkennen, wie der Gott der Geldherrschaft all das Erarbeitete und Verdiente in seiner Gier hinweg reißt, erschaffen sie sich jeden Tag nach seinem Bilde neu. „Du hörst sie sprechen: Nein, wir sind nicht religiös. Wir glauben nur, was wir sehen.“

Ester hat Recht. In Wahrheit folgen sie blind den Zahlen. Doch die Zahlen sind Ideen. Somit ist die Rede von den Zahlen eine Ideologie. Eine Vorstellung davon, dass die Größe eine Zahl auf dem Kontoauszug die Erlösung vom eigenen Elend bringen möge. Es ist also nicht das, was die Leute mit den Augen sehen, sondern das, was die Menschen in dem zu erkennen glauben, was ihre Augen erblicken.

Wer investiert, verliert

Jedoch wirkt der Götze nicht. Denn Geld ist nichts. Aber du kennst ja den Satz: Wer nichts hat, dem wird auch noch das Letzte genommen.“ Tatsächlich beobachte auch  ich bei meiner Arbeit als Journalist, wie Menschen ihre ganze Kraft und ihr Wirken der Geldherrschaft verschreiben. Zugleich verachten diese Gläubigen mit aller religiösen Inbrunst die Erschafferinnen ihres Reichtums. „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagen sie zu ihren Sklaven. Während ihre Komplizen von der Justiz dem Endsieg der Geldherrschaft mit Gesetzen und Urteilen entgegenstreben. Aber: „Wer in den Terror der Wirtschaftsdiktatur investiert, verliert.“

Die Kunst ist gekauft, aber nicht revolutionär

Ester und ich gehen weiter auf unserem herbstlichen Spaziergang durch die Kolonie. Dabei kommen wir auf die Skulpturen der fleißigen Schuhmädchen vor dem Kulturzentrum zu sprechen. Ich frage sie: „Ist es die Kultur? Sind es Malerei, Dichtung und Wissenschaft, welche die Revolution bringen?“ Ester entfernt sich einige Schritte von mir. Anfangs geht sie betont langsam. Doch dann wird das Klacken ihrer Absätze schneller und sie versucht sich hinter einem der Schuhmädchen zu verstecken. Obwohl das Mädchen einen großen Korb auf dem Kopf trägt, sehe ich Ester hinter der Skulptur, die zum Versteck nicht taugt.

Die Geldherrschaft macht alles gleich

Nein, hinter der Kultur verbirgt sich nichts mehr. Jedes Werk bekommt einen Schätzwert und wird der Geldherrschaft einverleibt. Danach hängen die Bilder in den Fluren der Banken und Unternehmensberater. Die Kunst dient den Hohepriestern des Geldes, die sie zuvor kritisieren wollte. Weil der Geldglaube Menschen gleich macht, weil er alle Dinge gleich macht und die Menschen den Dingen gleich macht“, sagte Ester.

Liebe in Erwartung des letzten Krieges

Ich frage wieder nach Gottes Weigerung: Was machen wir jetzt in der Pirmasenser Kolonie? Wenn Gott nicht herrschen will?“ Ester tritt hinter dem Schuhmädchen hervor und schaut mich an. „Wir bilden Räte, beraten uns, leben nach Recht und Gesetz und gründen das auf Gottes Liebe. Wir machen die Politik, zu der die blaugrüne Wirtschaftsdiktatur nicht fähig ist.“ Bevor wir uns schweigend zum Schlafen legten, sagte Ester noch dieses: „Weil wir eine gerechte Politik machen, wird uns das totalitäre System den Krieg erklären. Du musst dich für eine Seite entscheiden, Otisse. Jetzt!“

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