Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Gewalt: Noch hält die bürgerliche Maske

Szene an einer öffentlichen Toilette. Niemand kann vorhersagen, wann und wo fantasierte Gewalt zur Wirklichkeit wird.
Niemand kann vorhersagen, wann und wo fantasierte Gewalt zur Wirklichkeit wird.

Der Puls rast hoch, der Blutdruck steigt. Gewalt. Die Stimme wird höher und auch laut. Gewalt. Die Muskeln spannen sich. Angriffslust. Zur Gewalt bereit von jetzt auf gleich. Ohne jeden äußeren Grund. Völlig unberechenbar. Die Religion kenne ich nicht mehr. Moral ist für die Tonne.

Was hat es auf sich mit diesem Augenblick? Kann das sein, dass einer wie ich so tickt? Ja, klar. Ich kenne Gandhi, ich habe Theologie studiert, habe immer weiter Bücherwissen angehäuft in hohen Bergen. Ich rede von Moral, von Ethik und der Liebe zu den Menschen. Aber das ist nur Fassade. Das ist die Maske, die Vermummung, die ich immer trage. Damit täusche ich die Menschen. Sie sehen in mir einen Menschen mit Verstand. Deswegen erkennen sie mich nicht als Feind. Doch genau der bin ich. Und mein Verstand ist kalt.

Fantasierte Gewalt im Supermarkt

Es stößt einer den Einkaufswagen an meine Ferse. Ich drehe mich um. Ich nehme Angriffshaltung ein. Das rechte Bein setze ich zurück. Den linken Fuß stemme nach vorne ein.. Die linke Hand geht vor die Brust. Die Rechte lauert unten. Mein Blick fixiert die Kehle. Den Körper ist angespannt. Ich bin bereit zu Schlag und Tritt mit voller Wucht und verharre stumm.

Der blanke Hass des Bürgers

Dabei empfinde ich nicht einmal richtige Wut, auch keinen echten Zorn. Nein. Es ist der pure Hass. Ich will einfach gerne nur noch zuschlagen. Unter dem Aufprall meines Handsporns das zerreißende Fleisch jetzt spüren. Hören, wie unter der Kraft des Tritts die Knochen bersten. Den Geruch des Blutes habe ich verlockend in der Nase. Ein Schlachthaus ist in meinem Kopf.

Es ist die Lust an der körperlichen Macht. Ich will jemand leiden sehen. Alles andere zählt nicht. Das Schicksal der Leute um mich herum ist mir egal. Was sie tun ist mir egal. Was sie fühlen ist mir egal. Es ist pure Freude am Ausbruch meines Seelenlebens. Diese Aggression bewegt mich. Sonst ist da nichts in mir in diesem Augenblick.

Aber ich schlage nicht zu. Der Impuls stößt auf Widerstand. Daher lasse ich das Schlagen lieber sein. Es gibt einfach zu viele Zeugen. Die würden mich bei der Polizei verraten und den Häschern preisgeben. Ja, die Greifer würden mich unweigerlich erwischen. Dann würden sie mich vor Gericht zerren. Aber Anklage, Verurteilung und der darauffolgenden Strafe will ich unbedingt entgehen. Das ist es, was mich hemmt. Sonst nichts. Was sollte mich außer dem Beschriebenen vom Hauen und Stechen abhalten?

Also setze setze ich meine gewohnte Maske wieder auf. Jetzt sehe ich wie ein nach Gesetz und Anstand lebender Mann beim Einkaufen aus. Derart vermummt bis zur Unkenntlichkeit lebe ich meine Fantasie im Inneren nun umso intensiver. Dabei bleibt es auch einstweilen. Aber nur solange, bis mir eine bestimmte Situation das Zuschlagen erlaubt.

Die Kultur ist aus, wir gehn‘ nach Haus‘

Ein finsterer Herbstabend wäre eine solche Situation. Vielleicht nach der Vernissage im Kulturzentrum oder nach dem Segen eines Gottesdienstes in der Stadtkirche. Dann nämlich sind die Straßen dunkel. Der Asphalt glänzt unter der Nässe des Nieselregens. Vom Grau des Novembers heben sich die Umrisse der Passanten kaum noch ab. Dennoch wäre diese Schwärze ihrer Mäntel und Jacken ein ausreichend erkennbares Ziel.

Dem Knüppel aus fester Eiche genügt dieser flache Kontrast fein zur Gewalt. So unterscheidet das Holz den Hinterkopf vom Rücken und der Schulter. Das Holz trifft den letzten Atemzug unerwartet und von hinten. Der Regen nimmt die Spuren mit. Die Dunkelheit frisst alle Zeugen. Danach gehe ich entspannt und heiter meiner freien Wege. Denn ich bleibe frei von Häschern, Anklage und Urteil. Dankbar bete ich das Vaterunser und sehe mich im Bauhaus um.

Cashmere und Mercedes zur Tarnung

Denn einen mich werden sie nicht suchen. Nicht den braven Bürger im Cashmere-Mantel. Nicht einen, der nach dem Gottesdienst in seinen schwarzen Mercedes steigt und auf dem Weg zum Eigenheim eine Kantate von J.S. Bach genießt.

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