Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Isolation: Das schwere Kreuz der Quarantäne

Aus der Isolation geflüchtet steht Pfarrer Theophil Meisterberg nachts hinter dem Pirmasenser Krankenhaus.
Theophil Meisterberg flüchtet aus der hauslichen Quarantäne und wird nachts hinter dem Pirmasenser Krankenhaus aufgegriffen.

Isolation haben sie über mich verhängt. 40 Tage lang sperren sie mich ein. Mein Zimmer ist mein Gefängnis. Mein Bett ist meine Pritsche. Ich spreche mit dem Computer, mit den Büchern, mit den Zeitungen und am meisten mit mir selbst. Dabei bin ich die Person, die ich am wenigsten ertrage. Deswegen drehe ich den Spiegel um.

Isolation, Quarantäne. Ich gehe im Zimmer auf und ab. Am Fenster kullern die Regentropfen. Ich sehe den Flieder seine zarten Knospen treiben durch winterschlieriges Glas. Lüften soll ich. Also öffne ich das Fenster. Ich höre die Vögel wie sie zwitschern und singend um die große Liebe des Frühlings werben. Doch für mich ist die Erotik des Frühlings abgesagt. Quarantäne. 40 Tage eingesperrt in mir selbst und meinem Leben.

Die Freunde kommen. Aber sie bleiben mir freundlich fern. Zwei Meter mindestens. Dabei tragen sie Masken. „Wie geht es dir heute?“ fragt Ester Berlin durch die spaltbreit geöffnete Tür. „Gut. Es geht mir gut“, antworte ich. Aber das ist respektvoll gelogen.

Sie reicht mir Gottbier, Ölsardinen, Tabak für Selbstdreher und einen großen Stoffbeutel. Darin sind Äpfel, Orangen, Kiwi und Bananen. „Du musst Vitamine zu dir nehmen. Das stärkt die Abwehrkräfte“, sagt Ester bevor sie geht.

Zu mir herein kommt sie nicht. Isolation eines Risikopatienten. Doch ich weiß es dem Verstande nach. Das alles geschieht nur zu meinem Schutz. Aus Angst vor dem Coronavirus. Sie meinen es gut mit mir, wollen mich nicht verlieren.

Isolation und das Kreuz der Einsamkeit

Die Einsamkeit ist ein schweres Kreuz. Das muss ich jetzt tragen. Auch wenn es unablässig schmerzt. Immer wieder spreche ich mir vor: Du musst das Notwendige tun. Isolation, Quarantäne. Das Mantra des Unausweichlichen. Sie haben mir dieses Kreuz auferlegt.

Weil ich krank war und geschwächt bin. „Wenn du die Seuche bekommst, werden dich die Ärzte vielleicht nicht behandeln. Deine Chancen auf Genesung sind zu gering. Die Betten sind für aussichtsreiche Kranke da“, erklärt mir Claude Otisse. Mein Freund, der gesunde Journalist. Der muss es wissen. Schließlich befragt er die Fachleute nach der schlimmen Seuche.

Isolation und Quarantäne weil ich Krebs hatte. Weil ich den Kreuzweg zum Tode schon einmal antrat, aber doch die Gnade fand, noch einmal umkehren zu dürfen. Doch jetzt kommen sie heran und laden mir das Kreuz aufs Neue auf. Zwar ist es ein anderes. Aber wer hilft mir beim Tragen?