Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Mond gefasst: Beschämt in Esters Händen

Der Mond macht was er will.
Der Mond zappelt am Firmament

Umso mehr, als der Mond mir seine Wahrheit sagt, schaut er nachts voller Häme in mein Gesicht. Weil der Mond immer weiter und ohne Unterlass von dieser Wahrheit spricht, zerbricht er nicht an meinem Grimm. Sooft bewarf ich den bösen Mond mit Steinen. Dann schlug ich ihn mit Stöcken und Knüppeln. Ich wollte ihn vom Firmament herunter reißen und sogleich an einem hohen Felsen zerschmettern.

Dem Mond bewundern

Doch dieser Mond beharrt meiner Wut aufs Ärgste widersetzlich auf seiner Wahrheit. Nicht ein einziges seiner Worte nimmt er je zurück. Satt dass er sich besinnen möge und meine Wahrheit auch nur einen Moment bedächte, zieht er sich in die Finsternis zurück. Dann wird er wenig und weniger, schmal und schmäler.

Jedoch nicht alleine das Schwinden des Mondes steigert meine Wut im kalten Licht. Bevor er vor meinem Zorn vollends entflieht, sticht er mich spitz und scharf mit seiner bösen Sichel und schneidet tief in meine Träume. Wie schwer er mich dabei verletzt, interessiert ihn nicht. Nur bewundern soll ich ihn. Das ist, was er von mir verlangt.

Böser Mond: Erinnerung an tröstende Worte

Sieh‘ nicht hin!“ So tröstete mich einst in Kindertagen meine Mutter mit sanfter Stimme in den Schlaf zurück, als der Mond durchs Fenster zwischen den Vorhängen hindurch, zu mir aufs Kissen stieg. Mutters Worte erklingen noch heute in mir, sobald der graue Trabant erscheint. Aber die Erinnerung erfüllt mich mit sehnsüchtiger Trauer.

Dennoch schaue ich in gebannter Ohnmacht zu dem Mond hinauf, der mich nicht hört. Weil ich nicht wert bin, Gehör zu finden. So spricht der Mond zu mir. Während ihm das Universum applaudiert, versinke ich in der heißen Scham des Unvermögens.

Wiewohl die Wut meine schweißigen Hände zu festen Fäusten ballt, so rede ich im Inneren mit meinem Selbst. Soll ich es trotz meines Versagens wieder wagen? Noch einmal Aufbegehren gegen das kalte Schweigen? Aus der wütenden Ohnmacht heraus?

Uniformierte springen von der Brücke

Aber Männer und Frauen in gleich geschnittenen Uniformen marschieren in einem Fort. Dort zieht eine Parade im Gleichschnitt und im Gleichschritt an mir vorbei. Anfangs waren es noch wenige. Doch nun schwingt der harte Schlag der Ledersohlen wie im Takt des Metronoms durch die stumme Menschenmasse. Die Tritte der Ledersohlen winden sich durch den Beton in die Spitzen meiner Zehen. Zur Treppe ziehen die Stummen hin.

Der wuchtige Tritt kommt vor dem freien Fall

Stufe um Stufe erklimmen die Uniformierten in ihren Kostümen und Anzügen. Dann sind sie oben auf dem Sockel. Ehe sie sich zum Sprungbrett wenden, erheben sie Arm und Hand als wortlosen Gruß der anderen. Dann folgt eine Uniform der anderen in den freien Fall.

Manche Uniform zögert aus angstvollen Zweifel. Doch zur Wende, zur letzten Umkehr der Schritte kommt es nicht. Denn im Angesicht des Abgrund sind die Uniformierten solidarisch. Somit erteilen sie sich Gegenseitig einen wuchtigen Tritt, einen kräftigen Schubs zum Flug von der Brücke in die Freiheit.

Der Mond macht was er will.

Ester fängt den Mond vom Himmel

Was ich nie vermochte, vermag Ester jetzt zu tun. Als wäre er bloß ein Medizinball aus Gummi. So leicht fängt die große, schöne und kluge Frau den kalten Mond vom Himmel. Danach hält sie den Trabanten in ihren schlanken Händen. Eine Leichtigkeit ist für diese Frau, was für mich all die Jahre eine Qual gewesen ist. Ester bannt die Gefahr, nimmt den Schmerz hinweg. In Esters Umarmung umarmt wechselt der Mond die Farbe. Nunmehr trägt er ein beschämtes Rot.

Nunmehr streckt Ester den erröteten Mond den Marschierenden entgegen. Eine uniforme Frau schreit auf. Sie fürchtet sich offenbar und will ungestört weiter schreiten zur Treppe hin. Soll ich eine Uniform anziehen und mitmarschieren? Um die Freiheit endlich im verdienten Sturz zu finden?

Ich darf bleiben wie ich bin

Otisse, Otisse, du redest ständig mit dir selbst! Wach‘ auf! Wir gehen über die Streckbrücke. Sie‘ doch die wundervolle Aussicht auf die Stadt der tausend Augenblicke!“ Die mich mit dieses Sätzen meinen Träumen entriss, war Ester. Ehe ich mich der äußeren Wirklichkeit besann und der Umgebung vollends gewahr wurde, fügte sie noch weitere Worte hinzu. Geradeso, als hätte sie meine Gedanken erraten: „Ich höre dich, Otisse. Aber ich will, dass du bleibst wie du bist. Du sollst leben!“

Infolge dieser Worte und ihres liebevollen Blicks verblassten die Bilder der Marschierenden und der Fallenden. Ich merkte, dass ich lächelte. Dann brachten wir unseren Spaziergang durch Pirmasens zu Ende. Später in der Nacht zeigte sich der Mond blutrot am Firmament. Aber ich fürchtete mich nicht in dieser heißen Sommernacht. Weil es Ester gibt, und weil sie mit ihrer Liebe den bösen Mond jederzeit einfangen kann.

Bericht: Claude Otisse
Digitales Bild: Claude Otisse

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