Die Säule des Parmenides in Pirmasens

Die Säule des Parmenides erscheint mit Fetthans Pirmasens am Bahnhof.
Fetthans Pirmasens tritt hinter der Säule des Parmenides hervor.

Die Säule des Parmenides gab es für mich bis zu diesem Tag einfach nicht. Nicht einmal als Wort. Also fehlte mir jeder Begriff für diese Erscheinung. Und wenn sowohl Wort als auch Begriff für etwas fehlen, dann existiert dieses Etwas für den menschlichen Geist nicht. Genauso erging es mir bislang mit der besagten Säule des Parmenides. Bisher in der Dunkelheit des Unwissens gefangen, möchte ich mit diesen Zeilen mitteilen, wie endlich das Licht der Erkenntnis diese Finsternis erhellte.So erschien mir die besagte Säule des Parmenides an einem Ort, an dem ich gewiss nichts Ungewöhnliches erwartet hätte.

Einsam wartend am Hauptbahnhof

Also stand ich da, mitten auf dem Vorplatz des Pirmasenser Bahnhofs. Manche nennen diesen Ort auch Hauptbahnhof. Allerdings erscheint mir diese Bezeichnung angesichts der Größe dieses Ortes weit zu übertreiben. Denn mit dem Wort Hauptbahnhof verbinde ich gewöhnlich ausgedehnte Gleisknoten, wie sie Reisende in Mannheim, Karlsruhe, Saarbrücken und natürlich in Großstädten wie Paris und Berlin vorfinden. Hauptbahnhof meint also nach meiner Vorstellung eher das pulsieren des Lebens mit rund um die Uhr ankommenden und abfahrenden Zügen und unübersehbar vielen Menschen, deren Wege sich auf den Bahnsteigen kreuzen.

Diesen Ort in Pirmasens möchte ich doch lieber einen Bahnhaltepunkt nennen. Klein, überschaubar und von ländlichem Charakter ist das Getriebe der An- und Abreise. Nur ein einziges Gleis führt nach Pirmasens. Mit der Besonderheit, dass es an dieser Haltestelle endet. Sackbahnhof, Endstation. Ein Vorteil dieses Haltepunktes möchte ich allerdings nicht leugnen. Wenn man sich am Pirmasenser Bahnhof mit jemand verabredet, werden sich die Verabredeten nicht verfehlen. Wenigstens dann nicht, wenn sie sich an die ausgemachte Zeit halten. Und es gibt eine kleine Bar nach amerikanischem Vorbild mit einer Speisekarte und zahlreichen Bildschirmen zum Fußballschauen.

Rendezvous mit Fetthans Pirmasens

Keinen geringeren als Fetthans Pirmasens wollte ich an diesem wolkigen und etwas kühlen Sommerabend treffen. Weil ich von ihm mehr Details über die jüngsten Vorkommnisse in der Pirmasenser Kolonie zu erfahren erhoffte. Denn Theophil Meisterbergs schwere Erkrankung sowie der Zerfall der Moral geben wir nicht unbedeutende Besorgnis auf. Also fuhr ich dieser Verabredung wegen nach Pirmasens zum Bahnhof. Dort betrat ich die kleine Bar. Räume voller Leben. Menschen saßen an den Tischen, essend, trinkend und lachend, manche auch schweigend zu den Fernsehgeräten blickend.

Erinnerungen an die Kindheit

Doch ich suchte nach Fetthans. Die Gesichter der Gäste verschwanden hinter der dem Bild des gesuchten Mannes, das ich vor Augen hatte. Darum erschien mir die mit Gästen gefüllte Bar auf einmal leer und trist. Fetthans war noch nicht gekommen. Sodann beschloss ich, auf dem Vorplatz auf ihn zu warten.

Draußen sah ich mich ein wenig um. Unterdessen wanderten mit meinen Schritten über den kleinen Platz die Gedanken zu den Erinnerungen ans alte Pirmasens, wie ich es in meiner Kindheit kannte. Es gab eine Drehscheibe, auf der die Eisenbahner ihre schweren Lokomotiven wendeten. Genauso wie es mehrere Gleise gab, auf denen massige, rostbraune Güterwaggons ungezählte Briefe und Pakete zum Postgebäude schafften. Wenige Stücke davon ließ der Umbau des Bahngeländes übrig, um an die Geschichte des Ortes zu erinnern.

Ein eiserner Steg für die Reisenden

Damit Reisende, aber auch Einheimische die Gleise ohne Gefahr zu Fuß überqueren konnten, führte ein hoher, eiserner Steg vom Bahnhof hinüber zur Schlachthofstraße. Je nachdem, ob jemand zur Zweibrücker Straße mit ihren Gründerzeithäusern, zur Messe oder zum Exerzierplatz wollte, führte der Weg die Reisenden weiter in die Stadt hinein.

Als Kind entfernte ich mich bisweilen heimlich aus der Obhut der Eltern und schlich hinunter zum Bahnhof. Dann stand ich die Zeit vergessend dort oben auf dem Steg und schaute dem geschäftigen Treiben an den Bahnsteigen zu. Dabei fragte ich frei in die Luft hinein: „Wo kommen all die Leute her? Wo wollen sie hin?“ Nunmehr ist der Steg verschwunden. Auch die Drehscheibe, die Post und die Güterwaggons sind längst Vergangenheit.

Die plötzliche Säule des Parmenides

Während meine Zeit unter dem abendlichen Farbenspiel des Pirmasenser Himmels sinnierend langsam verrann und die Sonne hinter dem Horizont versank, richtete sich die Säule des Parmenides unbemerkt hinter meinem Rücken auf. Als ich mich umdrehte, um nach Fetthans Ausschau zu halten, stand sie plötzlich da.

Wiewohl mich diese mächtige Erektion unwillkürlich einige Schritte zurückwarf und ich zur Seite wankte wie ein Betrunkener, nahte bereits die Erklärung der bislang ungeschauten Erscheinung. Fetthans trat lachend hinter der Säule hervor und kam geradewegs auf mich zu. Ich reichte ihm zur Begrüßung die Hand, während er sich höflich für die Verspätung entschuldigte. Sobald der Höflichkeit genüge getan war, fragte ich in aller Aufregung und zeigte mit dem Finger auf die Säule: „Was ist das hier für ein Ding?“

Eine Wahrheit, die uns Menschen nicht braucht

„Das ist die Säule des Parmenides!“ Nachdem Fetthans dem Ding einen Namen gab, wurde mir ganz schnell etwas leichter zumute. Eine Wahrheit die sich verhält wie eine Kugel, deren Hülle an allen Punkten in gleicher Entfernung zu ihrer Mitte liegt. Doch ehe ich die Kugel als solche zu erkennen vermag, brauche ich ein Wort, einen Begriff, eine Idee davon, was denn eine Kugel sei”, versuchte Fetthans zu erläutern.

Weil ich bis eben keinen Begriff von der Säule des Parmenides hatte, konnte ich sie zunächst nicht sehen und erschrak dann, als ich das unbekannte Bauwerk an diesem Ort zu dieser Zeit bemerkte. Ich sagte zu Fetthans: „Wie schön, dass die Stadt dem alten Philosophen ein Denkmal gesetzt hat.“

Ein fliegendes Hologramm

Hierauf grinste Fetthans zuerst breit und begann alsbald ein herzhaftes Lachen. „Aber nein, mein lieber Otisse. Nicht die Stadt hat Parmenides ein Denkmal gesetzt. Sondern es war der Elektronik-Künstler namens Parmenides, der dem Philosophen mit dem Namen Parmenides ein Denkmal setzte. Desweiteren stimmt es. Du konntest die Säule vorhin nicht sehen, weil sie noch nicht da war.“

Obzwar mich die heiteren Ausführungen des Fetthans gänzlich zu verwirren drohten, versuchte ich dennoch, meine Gedanken einigermaßen klar zu halten. Will er mich veräppeln? Schließlich ist es doch unmöglich, ein so großes und schweres Bauwerk derart schnell aufzurichten. Das kann nicht stimmen. Weil meine Vorstellung von einer antiken Säule eine gänzlich andere ist. Schwer und aus massivem Stein muss sie sein. Ein Denkmal widmet einen festen Ort der Erinnerung an eine Person oder an Ereignisse. Vielleicht gerät es mit der Zeit in Vergessenheit und zerfällt. Allerdings ist diese Säule ihrer Erscheinung nach gerade neu gebaut. Fetthans spürte, wie sehr ich an seinen Worten zweifelte.

Die Säule des Parmenides ist keine fliegende Untertasse

Daher fuhr er mit seinen Erläuterungen fort: „Die Säule des Parmenides ist eine fliegende Untertasse.“ Jetzt war ich derjenige, dessen schallendes Lachen über den Bahnhofsvorplatz schallte. Fetthans schwieg und sah mich abwartend an, bis ich wieder etwas zur Ruhe gekommen war. Dann sagte er:

„Nein, nein, Otisse! Sei beruhigt! Es ist nicht wie du es verstanden hast. Außerirdische sind keine in Pirmasens gelandet, die Säulen über die Plätze der Stadt verschieben. Kurzum: Es ist eine Drohne, ein kleines Fluggerät, eine durchweg irdische Technik. Ausgestattet mit einem speziellen Projektor fliegt die Untertasse von künstlicher Intelligenz gesteuert im Stadtgebiet umher. Sobald das Sonnenlicht in den Abendstunden schwächer wird, sucht sich die Untertasse einen geeigneten Platz und projiziert das Hologramm der Säule des Parmenides in die Luft.“

Wahrheit, wie sie nicht wahr sein kann

Dann verschwand die Säule des Parmenides vom Pirmasenser Bahnhofsvorplatz so plötzlich wie sie gekommen war. Endlich suchte ich mit Fetthans die kleinen Bar auf. Wenngleich wir wegen der vielen Gäste ein paar Minuten warten mussten, bis ein Tisch für uns frei wurde. Obwohl ich nun mehr über die Säule des Parmenides erfahren durfte, bleib ich voller Zweifel, weil das Erlebte meinem Verstand nach eigentlich nicht möglich war.

Bericht: Claude Otisse
Digitales Foto: Claude Otisse

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