Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Nacht der Ölsardinen: Theophils Berufung

Bierdusche und Ölsardinen. Gottes Auserwählte feiern in der Pirmasenser Kolonie Theophil Meisterbergs Berufung.
Hunde-Tommy unter der Bierdusche.

All diese Heilsversprechen erweisen sich als Lug und Trug. Die Lügen des Geldes, des Erfolgs, des freien Marktes. Nichts wird heil, nichts wird gut. Angst und Depression ergreifen die Menschen im Innersten. Vor den Schulen verteilen Mütter viele bunte Stillsitzpillen. Weil es die Kinder zu etwas bringen sollen, müssen die Kleinen stillsitzen. Entweder Einser-Abi oder asozial. Aber Gottes Friedensreich sieht so natürlich nicht aus. Auch wenn die Auserwählten manchmal Ölsardinen essen und Bier trinken.

Zisch! Die erste Flasche Export

Gerade jetzt, in diesem Augenblick, in dieser Zeit des Aufbruchs, da wir nach Wegen aus dem stählernen Käfig suchen, kommt dieser junge Mann daher. Er stellt sich auf den Schlossplatz. Er sagt, er sei Lukas, der Prophet und behauptet:

Gott ist in Pirmasens!“

Zurück in in der Kolonie. Zwischen den Obstbäumen spannt schräg eine große Plane aus Plastik. In der Mitte darunter findet die Kiste Parkbräu-Export ihren guten Platz. Sogar der Magen ist mit Resten von gestern bestens gefüllt. Es gibt frisch gewilderten Wildschweinbraten. Nur sind leider die Kartoffeln aus. Dazu reicht der Küchenchef eine große Kanne mit reichlich gesüßtem Apfelmus. Neben den Isomatten, Schlafsäcken und Decken ist die Mahlzeit eine brauchbare Grundlage fürs Reden über Gott. Zisch! Schon ist eine Flasche Export entkorkt.

Warum ausgerechnet ich?

„Was hast du uns zu sagen, Lukas, der Prophet?“ Lukas setzt seine Flasche an den Mund, trinkt drei große Züge und spricht: „Gott ist nach Pirmasens gekommen. Sie hat ihren Tempel auf dem Berg Horeb errichtet. Du, Theophil Meisterberg, sollst am Sonntag zu ihr kommen, um ihre Botschaft entgegen zu nehmen.“

Rockmusik vom Band

„Weil Gott das so will. Ich werde dir jetzt mitteilen, was du zu tun hast. Bis Sonntag wirst du ein Tonbandgerät der Marke Philipps auftreiben, Typ N4415. Es muss ein Magnetband aufgelegt sein, das zur Hälfte mit Musik von Emerson, Lake & Palmer bespielt ist. Auf der leeren Hälfte des Bandes wirst du Gottes Botschaft finden, wenn du vom Horeb zurück bist und das Band abhörst. Sobald du das Gerät in deinen Händen hältst, erkläre ich dir den Weg zu Gott. Es gibt nur einen.“

Nach dieser Ansage verschlägt es mir die Sprache. Zisch! Ich öffne mit dem Feuerzeug ein Export, ziehe die Flasche auf einmal leer und drehe mich rülpsend auf den Rücken. Ich will zum Himmel schauen, aber mein Blick endet an der Plastikplane. Immerhin, das Ding ist blau. Eine Zigarette, ja. Aber das Drehen gelingt mir nicht auf Anhieb; meine Finger zittern so sehr, dass mir der Tabak aus dem Blättchen fällt. Was ist das? Parkinson?

Wille und Überwindung

Auch Hunde-Tommy zuckt nervös und ist offensichtlich kurz davor, die Fassung zu verlieren. Er zappelt wie ein Gymnasiast auf Ritalin-Entzug. Er steht auf, läuft zwischen Zwetschgen- und Birnbaum auf und ab, nimmt einen Schluck aus der Flasche, verschluckt sich so heftig, dass ihm das Export zur Nase herausläuft. Noch immer hustend würgt er seine Frage über seine Lippen:

„Gott ist eine Frau?“

„Gott war schon immer beides: Frau und Mann. Sie schuf euch nach seinem Bilde. Habt ihr das vergessen?“ Zisch! Lukas, der Prophet greift in den Kasten und öffnet ein neues Export. Er schaut lächelnd auf die Flasche und spricht: „Über Gott reden und Bier trinken gefällt mir. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Parkbräu-Export schmeckt göttlich. Gibt es auch Pils?“

Ich nicke. Natürlich braut die Parkbrauerei ein gutes Pils. In der Hütte habe ich sogar noch eine Kiste davon als Reserve stehen. „Möchtest du ein Pils probieren, Lukas?“

Theophils Trägheit

Selbstverständlich will er. Und ob er will. Auch ich will. Und zwar will ich aufstehen und das Pils für den Propheten aus der Hütte holen. Da ich jedoch träge, müde und schon leicht besoffen bin, muss ich mich selbst überwinden. Wenn ich von der Isomatte aufstehe, bin ich zugleich Überwinder und Überwundener.

So wie jeder Mensch zugleich Überwinder und Überwundener sein muss. Sofern er sich selbst zum Gegenstand seines Denkens und Wollens wählt. Freilich, das Pils nur wollen reicht alleine nicht aus. Sonst bleibt das Pils eine Vorstellung im Geiste und wird niemals Wirklichkeit. Es müssen Taten folgen, welche die Realität an die Fantasie anpassen. Nur so ist der Wille zum Pils von Erfolg gekrönt.

Bittere Gaumenfreude

Ich erhebe mich also von der Matte und schleppe die Kiste Parkbräu-Pils und drei LED-Leuchten aus meiner Hütte herbei. Die Leuchten brauchen wir jetzt. Denn es wird bald dunkel und es beginnt zu regnen. Berauscht von Bier und Gott kann der Weg zum Abort in regennasser Finsternis durchaus gefährlich werden. Dafür brauche ich eine Erleuchtung.

Die kleinen Lampen erhellen die Augen. Denn nur im Licht erkennen wir, wo das Klohäuschen steht. Das Zwielicht mischt den vergehenden Tag mit der kommenden Nacht. Die Dämmerung ist Vergangenheit mit Zukunft in fahlem Schimmer. Wir machen uns fürs Unabwendbare bereit.

Ölsardinen und Vollrausch

Zisch! Lukas, der Prophet entkorkt sein Pils. „Aaahhhgrr, ist das bitter“, schmeckt er den Vergleich zum Export, und schüttelt sich wie ein nasser Hund. Aber dann saugt er die Flasche der Bitterkeit trotzend in zwei großen Zügen bis zur Neige aus. Der viele Hopfen weckt seinen Hunger.

„Habt ihr noch etwas zu essen?“

Ein Zehnerpack marokkanische Ölsardinen. Den habe ich in der Kommode hinter der Tür verstaut. Ölsardinen sind zwar nicht nach jedermanns Geschmack, jedoch werde ich nicht so schnell volltrunken, wenn ich ein paar Büchsen davon verschlinge.

Wollt ihr Ölsardinen?

Hunde-Tommy steht noch rauchend herum. Er muss sich nicht einmal erheben und macht sich auf meine Bitte hin sogar gerne auf den Weg und holt die Fischbüchsen. In der Bewegung agiert er seine Anspannung aus. Das wird ihn beruhigen.

Zisch! Zisch! Lukas, der Prophet und ich trinken weiter Export. Mit der Finsternis wird der Regen stärker. Die Tropfen prasseln schwer auf die Plane. Sie hält. Wir liegen trocken und warm in unseren Schlafsäcken. Bier trinken und über Gott reden ist einfach schön. Noch schöner wäre es für mich, wir könnten nicht nur über, sondern mit Gott jetzt und hier reden.

Die Ermahnung

Irgendwie sehe ich noch nicht so ganz ein, warum ich ein Tonbandgerät bei schaffen soll, von dem ich nicht einmal weiß, wie es aussieht. Dann soll ich das Ding auch noch auf einem von ihr festgelegten Weg auf den Horeb schaffen. Wozu der ganze Aufwand? Das soll mir Lukas, der Prophet jetzt mal näher erklären.

„Du bist auserwählt. So einfach ist das, Theophil. Gott ist eine Wesenheit, die über alle Vernunft hinausgeht. Wenn sie sich äußert und ihren Willen zum Ausdruck bringt, wird es wohl genug sein, damit du deinen trägen Arsch in Bewegung setzt. Das Tonbandgerät recherchierst du einfach im Internet. Oder willst du lieber Steintafeln auf den Berg Horeb tragen?“

„Nein, bitte keine Steintafeln. Ich bin doch nicht Moses. Aber ich wüsste wenigstens gerne, um was es überhaupt geht.“

Hunde-Tommy kommt mit den Ölsardinen. Gut, dass die Büchsen einen Ringverschluss haben. Besoffen im Taschenlampenschein mit dem Dosenöffner hantieren ist nicht wirklich ein Vergnügen.

Ölige Finger und eine Bierdusche

Weil Hunde-Tommy die Gabeln vergessen hat, essen wir den Fisch mit den Fingern. Das ist leicht. Zisch! Das Export ist ausgetrunken, also greifen wir in die Pils-Kiste. Hunde-Tommy ist noch immer nervös.

Eine geöffnete Flasche gleitet durch seine von den Ölsardinen fettigen Finger und fällt zu Boden. Das noch kohlensäurehaltige Bier schäumt auf und spritzt mich der Länge nach voll. Beide lachen herzlich und laut. Lukas, der Prophet klopft sich auf die Schenkel.

„Haha ha ha, eine Bierdusche!“

Plötzlich, wie abgerissen, erstirbt die Heiterkeit. Lukas schaut mich an und ermahnt mich: „Theophil, du hast den Menschen etwas zu geben. Die Zeit der Verweigerung und der Rebellion ist für dich vorbei. Jetzt.“

Ende der Rebellion

Nun, zu diesen Worten fällt mir keine Erwiderung mehr ein. Vielleicht bin ich zu betrunken und zu müde, denke nicht mehr klar. Aber doch. Lukas, der Prophet hat Recht.

Ja, ich werde meine Aufgabe annehmen und erfüllen.

Es ist still in dieser finsteren Nacht der Ölsardinen. Sogar der Regen hört auf, der Nebel kommt feucht und kühl über mein Gesicht. Es fallen schwere Tropfen von den Bäumen auf die Plane herab. Die LED-Leuchten sind aus und ich falle in einen tiefen Schlaf voller seltsamer Träume.

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