Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Bernd Buchhalter feiert eine Corona-Party

Bernd Buchhalter versucht Coronaviren zu verscheuchen.
Bernd Buchhalter versucht verzweifelt, die bunten Coronaviren zu verscheuchen. (Foto: Fetthans Pirmasens illustriert die Beschreibungen Thomas Busenbergers.)

Am Montag habe ich Bernd Buchhalter auf dem Waldfriedhof in Pirmasens getroffen. Das Treffen geschah ganz zufällig. Ich hatte auf dem Friedhof zu tun, weil mir noch ein paar Schnittblumen fehlten und ich gerade kein Geld in der Tasche hatte. Bei meinem Rundgang um die Gräber habe ich den seltsamen Kauz gesehen und sprach ihn an. Was ist dann passiert?

Bernd Buchhalter stand sehr seltsam gekleidet an einer Hecke und fuchtelte wild mit den Armen. Genauso sah das aus, als wollte der dicke Mann im blau-weiß geringelten Strampelanzug eine Wolke von Stechmücken verscheuchen. Bernd Buchhalter wirkte dabei wie ein riesiges Baby. Nur dass diese Erscheinung eine tiefe Stimme und Bartstoppeln besaß. Alldieweil ich meine Blumen für Irina bereits gesammelt hatte, sprach ich den Kindmann aus purer Neugier an. Daher erfuhr ich auch bald seinen Namen.

„Guten Tag! Entschuldigen sie bitte die Störung. Aber ich bin neugierig, was sie hier machen. Warum fuchteln sie so wild in der Luft herum?“ Zunächst sah er mich erstaunt, fast erschrocken mit großen Augen an. Vielleicht war es die Tatsache, das in Seuchenzeiten überhaupt jemand außer ihm selbst im Waldfriedhof umher lief, die ihn staunen ließ. Oder die bloße Ansprache rief sein Staunen hervor. Aber Bernd Buchhalters erschrockenes Staunen tiefer zu ergründen, erlaubte er mir nicht. Denn die Antwort kam prompt.

Bernd Buchhalter flieht vor der Einsamkeit

„Ach wissen sie, ich habe ‚mal wieder das Grab meiner Eltern besucht. Mama und Papa sind seit zwei Jahren tot. Seither fühle ich mich immer so einsam. Manchmal komme ich deswegen ans Grab. Dort kann ich reden“, sagte Bernd Buchhalter. Obwohl wegen der abrupt beendeten, rudernden Bewegung der Arme leicht außer Atem, sprach der Mann mit fester Stimme.

„Mein aufrichtiges Beileid“, gab ich höflich zurück. Aber dann führ ich mit meinen Fragen fort. „Verstehen sie mich bitte nicht falsch. Ich möchte ihnen nicht zu nahe treten. Es ist die pure Neugier, die mich zu dieser Frage treibt. Warum schlagen sie so wild mit den Armen durch die Luft?“

Er fühlt sich von Coronaviren verfolgt

Bernd Buchhalter sah ich um. So als wollte er die Umgebung auf Sicherheit überprüfen. Offenkundig erschien ihm die Lage im Augenblick sicher genug. Denn er schlug nicht mehr um sich und sagte leise: „Ich werde verfolgt!“ Nach einer weiteren Pause fügte er fast flüsternd hinzu: „Es sind die Coronaviren! Sie sind überall. Sie sind zu Tausenden hinter mir her. Ich werde sie einfach nicht los! Übrigens: Ich heiße Bernd. Bernd Buchhalter.“

Ich nahm seine Rede zur Kenntnis und betrachtete für eine Weile den Blumenstrauß in meinen Händen. Für meine momentane Geliebte Irina habe ich ihn von den Gräbern gesammelt. Vier rote Rosen, zwei weiße Rosen, drei Tulpen, eine Calla, eine Orchidee und etwas Zierkraut waren dabei. Für diesen netten Strauß der Liebe wanderte ich an diesem Nachmittag einige Kilometer zwischen den Grabreihen entlang. Doch wie ich sehe, hat sich die kleine Wanderung gelohnt.

Die Strecke war deshalb so lang, weil ich nie einen kompletten Strauß von einem Grab mitnehme. Denn das empfinde ich als ungerecht. Schließlich wäre es denkbar, dass wegen des Verschwindens eines ganzen Straußes ein Streit zwischen den Angehörigen der Toten ausbrechen könnte. Wenn etwa der eine das Grab pflegt und seinem Geschwister dann vorwirft, die Eltern wären dem anderen nicht einmal einen Strauß wert. Ich möchte nicht an diesem Streit schuld sein.

Doch nun wendete ich meine Aufmerksamkeit wieder Bernd Buchhalter zu. Das war er also. Jener Bernd, der kurz vor Weihnachten in Pirmasens von einem kleinwüchsigen, unbewaffneten Punker ausgeraubt wurde. Darüber hat die ganze Stadt gelacht. Claude Otisse hat sogar ein Foto auf facebook gepostet. Während ich das gar nicht lustig fand. Im Gegenteil. Ich verstand den armen Bernd sehr gut. Warum sollte er sich wegen dem bisschen Geld von dem Punker zusammenschlagen lassen?

Ein Lächeln vertreibt die Angst

Es war nun an der Zeit, dass auch ich mich vorstellte. „Ich heiße Thomas Busenberger. Ich bin Augenarzt und lebe in der Pirmasenser Kolonie. Dort nennen sie mich Hunde-Tommy.“ Nunmehr hellten sich die Gesichtszüge des Bernd Buchhalter zusehends auf. Es schien mir, als fasste er sogar ein gewisses Vertrauen zu mir. Was mich freute. Denn meistens erlebe ich die Menschen in der Welt außerhalb der Kolonie eher argwöhnisch und abweisend.

Bernd Buchhalter lächelte sogar und schüttelte mir die Hand. „Von der Pirmasenser Kolonie habe ich schon viel gehört. Ist es wahr, dass man dort nie einsam sein muss und dass die Kolonistinnen auch Leute respektieren, die anders sind?“

„Ja das stimmt. Es ist gut in der Kolonie zu leben. Wer dort Aufnahme findet, erlebt bald die Heilung seiner kranken Seele. Trotzdem es ab und an auch in der Kolonie Streit gibt, weil wir doch Menschen bleiben. Alle dort haben ihre Geschichte und ihre Eigenheiten. Aber sagen sie mir, warum tragen sie mitten am Tag einen Schlafanzug?“

Bernd sieht überall bunte Kugeln

Offenbar beschämte ihn meine Frage doch etwas. Bernd Buchhalter sah der Länge nach an sich herunter, bis sich sein Blick an seinen braunen Lederstiefeletten verfing. Dieses Schuhwerk wollte natürlich überhaupt nicht zu dem geringelten Overall aus blau-weißem Frottee passen. Ein optischer Biss, der mich trotz allen Wohlwollens für diese seltsame Erscheinung zum Schmunzeln brachte.

„Ach wissen sie, Herr Doktor Busenberger, ich habe einfach vergessen, mich umzuziehen. Es ist niemand da, der mich hätte erinnern können. Wegen des Coronavirus arbeitet meine Firma nicht mehr. Jetzt sitze ich alleine zu Hause und sehe fern. Überall fliegen die haarigen, bunten Kugeln durch die Luft. Immer sind die da. Sogar nachts im Traum. Ich kann sie nicht verjagen. Ich habe Angst!“

Der Anflug von Heiterkeit war aus Bernd Buchhalters Gesicht verschwunden. Jetzt breitete sich wieder die Verzweiflung über seine Züge aus, die ich vorhin bei er ersten Annäherung bemerkt hatte. Und wieder begannen seine Arme in der Luft herum zu fuchteln und zu schlagen. Also trat ich zwei Schritte zurück, um nicht doch noch von der Panik dieses Mannes getroffen zu werden.

Schließlich wollte ich in einer halben Stunde zum Rendezvous mit Irina erscheinen. Irinas Mann muss heute in seinem Betrieb die Abrechnung machen. Deswegen haben wir sturmfreie Bude im Villenviertel am Berg Horeb. Obwohl mittlerweile leicht in Eile geraten, versucht ich Bernd Buchhalter zu beruhigen.

„Aber Herr Buchhalter! Bleiben sie doch ruhig! Alles wird gut! Die Coronaviren sind so winzig klein, dass man sie nur unter einem besonderen Mikroskop sehen kann. Außerdem sind die Viren nicht bunt. Die Farbe fügen die Forscherinnen hinzu, damit man diese Mikroorganismen überhaupt wahrnehmen kann. Hier sind keine Coronaviren, die sie verjagen müssen. Was sie sehen, sind die Spiegelungen ihrer Angst. Die Angst spielt uns manchmal böse Streiche.“

Bernd Buchhalter entspannt sich

Einen winzigen Moment schien es mir, als wollte Bernd Buchhalter davonlaufen. Aber denn wich die Anspannung aus seinem Körper. Das war unter dem dünnen Strampelanzug leicht zu beobachten. Er atmete tief durch. Dann nahm er seinen Mut zusammen und fragte mich: „Meinen sie, ich könnte auch in die Pirmasenser Kolonie aufgenommen werden?“

Ich bejahte und schrieb die Email-Adresse von Fetthans Pirmasens auf den Rücken eines verblichenen Kassenzettels aus meiner Hosentasche. Ich reichte Bernd Buchhalter den Zettel. Dann verabschiedete ich mich von ihm und ging eilig zum Auto auf dem Parkplatz vor der Leichenhalle.

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