Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Die Axt zum gerechten Leben

Die Axt schafft Gerechtigkeit.
Die Axt schafft Gerechtigkeit.

Wofür steht die Axt? Die Axt schafft Gerechtigkeit. Sie trennt das Richtige vom Falschen. Zwar ist es nicht das Recht. Doch wohnt die Moral in ihrer scharfen Klinge. Dazu schrieb einst ein weiser Mensch sein kluges Gedicht.

Wahrheit mit Tatsachen
Einklang mit Irrtum
Wirklichkeit mit Widerstreit
Durch mich Gutes

Geist der Gewalt
Zorn der Vergeltung
Der in mir
Mächtig werden will

Mit seinem Blut
Zahlt er meine
Schuld vollkommen ab
Mit aller Gewalt

Bewahrt mich der
Wille meiner Axt
In seinem Haupt
Vor der Sühne

Die Axt ist klug und gerecht

Die präzise geschliffene Klinge ist wunderbar scharf. Ihr bloßes Gewicht teilt mühelos den goldenen Apfel in zwei glatte Hälften. Die Hälften zerfallen unter ihr in Viertel. Die Viertel in Achtel und diese wiederum in zarte Sechzehntel. Sie ist genau und stets gerecht. Kein Stück behält zu viel von der Frucht. Keines hat zu wenig vom weißen Fleisch.

Die Gerechtigkeit ist in sie hinein geschmiedet, unauflösbar mit Klugheit und Weisheit verbunden. Sie weiß, wo sie trifft im großen Hieb, sie kennt die rechte Mitte, korrigiert noch in letzter Sekunde ihren schnellen Flug ins Zentrum der Materie. Auch die Besonnenheit ist ihr zu eigen. Sie schmiegt sich in die Hand als Teil des Arms, den Sinn ihres Seins erkennend fühlt sie sich schneidend durchs Innere der Substanz. Gerechtigkeit und Besonnenheit schenken ihr die Weisheit zu sein was sie ist.

Die Axt ist Werkzeug und Waffe in Tateinheit mit mir. Freundlich teilt sie ihre Tugenden, schenkt mir das Glück im Augenblick des Schlages, der besonnen und klug die ersehnte Gerechtigkeit erschafft. Wo die stählerne Klinge zwischen die Hälften fährt, tilgt sie das Unrecht.

Ich liebe meine Axt

Kreischend bremst die Straßenbahn. Fünf Studentinnen mit schweren Büchern und Notizblock unter dem Arm steigen aus. Die Frauen hasten zwischen den lärmenden und stinkenden Autos hindurch zur Universität. Jemand hupt, die Studentin zeigt den erigierten Mittelfinger, ihre Bücher fallen zu Boden, das hupende Auto rollt darüber.

Mein Blick löst einen hochgewachsenen Mann aus der bunten Masse. Unter der Magnolie geht er im blauen Anzug hindurch zur offenen Tür der Bahn. Die rasierten Lippen spitz nach vorne pfeift er die Marseillaise. Den Regenschirm als Spazierstock schwingend nimmt er den Einstieg. Der graue Kopf zuckt nach unten, er fürchtet sich gegen die Stirn zu stoßen. Der Motor heult auf, die Bahn fährt ab und ich schaue vom Fenster zurück auf den Monitor.

Die Axt auf Robespierres Richtblock

Bald werde ich zuhause sein, wo die Axt im Keller auf Maximilien de Robespierres Richtblock neuen Taten entgegen sieht. Am Samstag verlasse ich Karlsruhe durch das Zwischenland.

Mir, dem ehrgeizigem Pressesklaven, bleibt nur mit Vollgas für eine winzige Zeit hinter die Wälder zu entschwinden. Dorthin, wo ich mich mit meiner Axt vereine. Wo meine Rache in Erfüllung geht. Theophil Meisterberg wird schon in in meinem Hause weilen.

Ich kaufe frische Tomaten, die langen Spaghetti, frische Kräuter und reibe sorgsam den Parmesan. Theophil liebt Spaghetti Napoli. Ich werde das Gericht als Versöhnungsmahl servieren. Wenn er voller Inbrunst die Nudeln in den Löffel dreht und zufrieden am Weinglas nippt, werde ich hinter ihm sein. Dann werde ich und den Tugenden meiner Axt den freien Lauf gewähren, seine falschen Vorwürfe tilgen.

Denn was sagte er über das Gute, der Maximilien de Robespierre? Das hier: „Wir wollen mit einem Wort die Wünsche der Natur erfüllen, das Schicksal der Menschheit vollenden, die Versprechungen der Philosophie halten, die Vorsehung freisprechen von der langen Herrschaft des Verbrechens und der Tyrannei.“

Also will ich nichts als Gerechtigkeit. Nach ihr strebe ich. Niemals bin ich verlogen, wenn ich um sie kämpfe. Dieses ist es wohl dass all mein Tun noch ausmacht.

Bericht: Claude Otisse
Foto: Claude Otisse

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