Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Grauer Anzug: Der Wahnsinn rast im SUV davon

Grauer Anzug und ein SUV von Volkswagen. Eine gefahr für leib und Leben.
Raser auf Landstrasse.

Grauer Anzug? Wozu ist der noch gut? Das Leben wird immer wieder neu. Jeder neue Tag, jede Stunde, Minute, Sekunde zeichnet einen noch nie gekannten Horizont unter den Himmel. Trotzdem erscheinen mir die Dinge auf Weise vertraut. Dort erhebt sich die Sonne überm Wald, da steigt der Nebel von der Wiese, hier wartet der Birnbaum mit geschlossenen Blüten auf die Frühlingswärme.

Also schaue ich an diesem Morgen behaglich aus dem Fenster. Ich stelle keine Fragen. Nein, ich frage die Sonne nicht, warum sie scheint. Ich frage den Birnbaum nicht, warum er blüht. Ich frage den Nebel nicht, warum er aufsteigt.

Denn diese Dinge sind und waren immer da. Gestern schon. Vorgestern und schon vor einem Jahr. Die Erinnerung betrügt mich nicht. Also lächle ich. Dann vergesse ich die Träume der Nacht und freue mich auf den neuen Tag. Vielmehr als die Freude auf den Tag wird mich dieser Morgen in Schuldgefühle stürzen. Daran ist auch ein grauer Anzug schuld.

Grauer Anzug erinnert an vergangenen Triumph

Die Eichendielen der Geistlichen Hütte sind mit Kefir überflutet. In der Mitte des Raumes hat der große Eichentisch seinen Platz hat. Doch nun ist der Tisch beiseite geschoben. Wo zuvor der Tisch gestanden hat, sitzt jetzt Hunde-Tommy, der ehemalige Augenarzt. Er trägt seinen grauen Anzug, das weiße Hemd, die rote Krawatte und die schwarzen Lackschuhe. Die Kleider also, die er damals zu seiner Doktorfeier trug. Seiner Stunde des Triumphs. Eine der wenigen, die er genießen durfte. Allerdings ist jetzt die Hose völlig von Kefir durchtränkt.

Hunde-Tommy erhält Befehle von Plastikbechern

Hunde-Tommys Brille liegt auf der Kommode neben Fetthans‘ Zimmertür. Überdies liegen unzählige leere Kefir-Becher über den Boden verteilt. Hunde-Tommy hält eines dieser bunt bedruckten Plastikgefäße mit beiden Händen vor seinem Gesicht. gerade so, als wollte er sich daran festhalten. Zugleich verschonen Hunde-Tommys Hände den Kefir-Becher. Denn der Griff seiner Hände bleibt sanft und ehrfürchtig.

Als sei ein Damm gebrochen. Soströmt nun aus Hunde-Tommy dieses Unbekannte frei und ungehemmt hervor. Die Flut schäumt heran. Sie überflutet den ganzen Mann. Sie treibt den ganzen Menschen an einen anderen, unbekannten Ort. Er spricht zu dem Kefir-Becher in seinen Händen. Dann lauscht aufmerksam der Antwort, die aus dem gefäß zu kommen scheint. „Ja, das mache ich“, sagt er und nickt dem Becher unterwürfig zu, küsst ihn liebevoll.

Nun kommt auch Fetthans Pirmasens aus seiner Kammer. Mit forschem Schritt betritt Fetthans den Raum. Obwohl von schmaler, fast zielicher Gestalt, gelingt es Fetthans mit Hilfe seines Auftretens, seiner Erscheinung ein hohes Gewicht und damit Bedeutung zu verleihen. Fetthans ist einer jeder Menschen, die niemals übersehen werden, wenn sie einen Raum betreten.

Vielleicht ist es genau Fetthans‘ bedeutsamer Auftritt, welcher das Bild vor meinen Augen entscheidend verändert. Zuvor wirkte die Szene zwar bizarr. Aber sie war immerhin noch friedlich. Nunmehr verlässt Hunde-Tommy den Lotossitz, richtet sich auf und starrt Fetthans unentwegt an. So wie ein eine Katze die Maus anstarrt, bevor sie zubeißt.

Der SUV durchbricht die Buchshecke

Aus der Tasche seiner von vergorener Milch durchtränkten Hose zieht Hunde-Tommy den Schlüssel des VW Tuareg der Dorida-Drillinge. Obwohl ich dieses Autos gar nicht mag, erlaubte unsere Vorsitzende Lisa Berg den Rumänen, den Wagen am Rande der Kolonie zu parken. Den Schlüssel verwahrte ich in der Kommode, wo ihn Hunde-Tommy jetz gefunden haben muss. Weshalb ich mich jetzt schuld fühle. Denn ich hätte den Schlüssel besser verstecken sollen. Aber der gedanke kommt zu spät.

Hunde-Tommy wendet den irren Blick noch kurz zu mir. Dann rennt er los und verlässt die Geistliche Hütte. Danach dauert es nur noch ein paar Sekunden. Der Motor heult auf. Schließlich durchbricht Hunde-Tommy mit dem schweren Wagen die Buchshecke und rast davon. Wir bleiben ratlos zurück.

„Was nun, Theophil?“
„Nichts. Er hat einen psychotischen Schub.“

„Sollen wir die Polizei alarmieren?“
„Nein. Grauer Anzug Hunde-Tommy beruhigt sich wieder.
Wir warten ab, bis er wiederkommt.“

„Ich schalte das Radio ein.“
„Genau, mach‘ das, Fetthans.“
„Damit wir erfahren, wenn es Tote gibt.“

Bericht: Theophil Meisterberg
Digitales Bild: Fetthans

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