Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Konferenz mit Chef: Familie im Faktencheck

Konferenz mit Chefredakteur Bernd Benz. Er will hoch hinaus.
Chefredakteur Bernd Benz vor dem Verlagsgebäude.

Chefredakteur Bernd Benz ruft um 10.30 Uhr in den gläsernen Saal zur Konferenz. Einen echten Faktencheck will er haben. Sämtliche Ressorts unserer Zeitung – einschließlich der wichtigsten Fotografen und Reporter – sollen ihr Wissen und Meinen zum Fall Debusius einbringen. Erscheinen ist Pflicht. Um das zu sagen, braucht Bernd Benz keine Worte. Blick und Gesten reichen. Außerdem sprechen Ort und Zeit eine eindeutige Sprache. Das hier ist wichtig. Bernd Benz meint: „Beginn: halb elf. Nur Kinder, Schullehrer und Kühe stehen früher auf.“

Das Verbrechen an der Familie Debusius ist noch immer nicht aufgeklärt. Der kleine Elias bleibt verschwunden. Weder ist ein Erpresserbrief noch sonst irgendein Lebenszeichen aufgetaucht. Der Polizei fehlt jede Spur. Niemand weiß etwas über Hilde und ihre Dienerinnen. Sogar unsere eigenen Recherchen förderten keine Erkenntnisse über die Täterinnen zu Tage.

Das geblümte Sommerkleid

Sekretärin Bettina richtet im geblümten Sommerkleid die Tische im gläsernen Saal. Sie beugt sich vorne über. In dieser Haltung rückt sie die Teller mit den Butterkeksen in die Mitte der weißen Tische. Dabei verrutscht der helle, dünne Stoff und gibt den Blick auf ihre Brüste frei.

Bettinas Erscheinung wirkt verführerisch. Ich beobachte das Spiel ihrer birnenförmigen Pobacken unter dem leichten Textil. Wie gerne würde ich ihr näher kommen! Aber diese Annäherung hätte fatale Folgen. Denn wie die Fleischwurst im Kühlschrank, so zählt auch Bettina zum Besitz von Chef Bernd Benz. „Wenn ihr mich schon nicht Bernhard nennen wollt, dann nennt mich eben Bernd. Aber lasst mir meine Wurst. Wer da anlangt, fliegt raus!“ Eine klare Ansage vom Chef.

Nie würde der Chefredakteur auf die Wurst verzichten

Der Chef ist ein achtenswerter Mann. Er weiß, was er will. Neben überragender journalistischer Fähigkeit und geistiger Brillanz zeichnet ihn seine enorme Durchsetzungskraft aus. Er wird niemals auf eine Frau wie Bettina und die frische Fleischwurst verzichten.

Es wäre der wohl der entsetzlichste Fehler, wenn ich gegen diesen Menschen aufbegehrte. Wenn ich mit Absicht oder aus Versehen seine Grenzen überschreiten würde. Er verfasste seine Abschlussarbeiten über die Philosophie Hegels und Machiavellis. Bernd Benz ist ein Wiedergänger des Il Principe. Er ist der Fürst, der Erste über Ungleichen. So wie Machiavellis Helden handelt Bernd völlig losgelöst von den Gesetz und Moral.

Daher respektiere ich lieber die vom Chef gesetzten Grenzen. Die Grenzen vor der Fleischwurst und vor Bettinas draller Weiblichkeit. Diese Linien sind schließlich kaum zu übersehen. Denn um seinen Besitz zieht Bernd Benz eine unsichtbare Mauer und betoniert oben Glasscherben ein. Damit das Bollwerk für sämtliche auch nur denkbaren Zufälle und Widrigkeiten des Lebens unübersteigbar ist.

Im Ursprung des Victory-Vau

Die Zwölf folgen dem Ruf ihres Chefs. Jetzt sitzen sie an den Tischen. Eben verrückte Bettina die Möbel bis auf den Millimeter genau zu einem Vau. Vau wie Victory, Sieg. Die gespreizten Schenkel des Vau bieten je sechs Plätze. Die Schenkel zeigen zeigen wie Pfeile auf Bernd Benz‘ Chefsessel.

Exakt im Ursprung des Vau und zugleich des von gläsernen Wänden umgebenen Geschehens, residiert der Chef. Er erhebt die Stimme: „Ich sehe, es sind alle da. Wir kommen gleich zur Sache. Was wisst Ihr über den Fall Debusius?“

Marius meldet sich zu Wort. Der Reporter und Fotograf. Der dicke Mann mit dem glatten Gesicht und dem fettigen Haar trägt eine lederne Motorradjacke und schwitzt bereits im Sitzen. Aus der wabernden Schäbigkeit seiner zerlaufenen Gestalt ertönt eine überraschend feste und klare Stimme.

Marius: „Ja, Chef. In der Wohnung war nichts Besonderes zu sehen. Ungeöffnete Rechnungen, Mahnungen, Schnaps, Beruhigungstabletten, Antidepressiva, Ritalin und viel Dreck unter den Betten. In eine Familie schauen? Das ist wie wenn das Endoskop in einen Dickdarm voller Krebsgeschwüre fährt. Das ist bei den Debusius‘ nicht anders.“

Über die Statik getunkter Butterkekse

Während Marius aus dem Heim der Familie Debusius berichtet, befasst sich Bernd Benz mit der Statik eines getunkten Butterkekses. Das mit Kaffee vollgesogene Gebäck verweigert sich seiner Absicht, Absicht, den Keks nach dem Tauchgang in die Mundhöhle einzuführen. Der Keks bricht nach einem Drittel des Weges ab. Dann patscht er als zäher, brauner Brei auf die weiße Tischplatte.

Nur das eingeklemmte Stück zwischen seinen Fingern erreicht das Ziel. Noch daran kauend hakt der Chef nach: „Es muss etwas geben, das die Familie Debusius von anderen Familien unterscheidet. Sabine hat Peter mit dem Küchenmesser in den Unterbauch gestochen. Sie wollte ihren Ehemann töten. Woher kommt der Vernichtungswille dieser Frau? Warum dieser Hass?“

Warum man den Chef niemals kritisieren sollte

Bernd! Wir müssen über Kekse sprechen. In jeder Konferenz lässt du diese Butterkekse auftragen. Dann beginnst du mit dem Tunken. Alle anderen machen es nach. Das braune Zeug fällt auf den Tisch. Multipliziert mit 13 ergibt das eine riesige Sauerei. Seit Jahren geht das schon so“, kritisiert Dr. Ruth Knopp-Labach, Leiterin des Feuilletons.

Bernd Benz rutscht aufs Heftigste erregt auf seinem Sessel zwischen den Schenkeln des Vaus herum. Er sieht so aus, als werde jeden Augenblick der geballte Zorn aus ihm hervorbrechen. Der Chef wird laut: „Ihr nehmt meine Kekse und brecht sie. Ihr nehmt meinen Kaffee und trinkt ihn. Wir tun das zum Gedenken an die Wahrheit. Eine Wahrheit, die nur Journalisten kennen. Ist die die Wahrheit zu krümelig, zu matschig, zu dreckig geworden, Frau Dr. Knopp-Labach?“

Worüber die Konferenz lacht

Die Feuilletonistin antwortet nicht auf Bernd Benz‘ zynischen Spott. „Ich muss aufs Klo“, sagt sie kurz und knapp, steht auf, dreht sich um und geht zur Tür des gläsernen Saales. Als hätte eine magische Hand ein Wunder gewirkt, dreht die Stimmung der Konferenz. Binnen einer halben Sekunde wird aus bedrohlicher Anspannung eine lachende Heiterkeit. Aber nicht Dr. Knopp-Labachs spontaner Toilettengang wirkt dieses Wunder.

Doch der Füllstand der kulturellen Blase hat darauf sicher keinen Einfluss. Die plötzliche Erheiterung ist einem leuchtend orangenen Preisschild mit schwarzer Schrift geschuldet. Das nämlich prangt über der rechten Arschbacke auf dem marineblauen Rock der stets fein und sorgfältig gekleideten Kultur-Redakteurin: „Heute billiger! 2,95 Euro, 1,95 Euro!“

Das wilde Gelächter über Dr. Knopp-Labachs Preisschild legt sich bald. Dann ergreift Marc Herscheid das Wort. „Chef, ich sprach vergangene Woche mit Peter Debusius. Er hat die Annullierung der Ehe beantragt. Das ist nach einem Mordversuch möglich. Weil das Recht niemand zwingt, mit seiner versuchten Mörderin verheiratet zu bleiben. Debusius sagte mir, dass sich seine Ex jedoch vor dem Angriff auf ihn stark verändert habe. Sie sei vor wenigen Monaten einer evangelisch-freikirchlichen Glaubensgemeinschaft im pfälzischen Landau beigetreten.“

Als Maulwurf in die Freikirche

Danke! sehr gut, Marc“, lobt Bernd Benz den Mann im eleganten Zweireiher. „Das ist immerhin eine Spur. Wäre das was für Dich, Otisse? Du schmuggelst Dich unter falschem Namen bei den frommen Typen ein, Dann fühlst denen mal ordentlich auf den Zahn. Danach können wir mit dem Sekten-Wildwuchs mal so richtig aufräumen.“

Ja. Das ist eine gute Idee. Ich mache das“, sage ich der Konferenz. Aber jetzt habe ich noch einen Vorschlag zum Keks-Problem. „Wenn zwei Butterkekse übereinander gelegt in den Kaffee getunkt werden, benötigt die Flüssigkeit mehr Zeit, um die Masse zu durchdringen. Der Zeitgewinn müsste ausreichen, damit die Kekse nicht vor dem Mund abbrechen und auf den Tisch fallen. Somit wäre die Sauerei auf den Tischen und dem Boden vermieden.“ Die Runde applaudierte.

Gut, dann war das unsere Mai-Konferenz im großen Rahmen. Ab an die Arbeit!“ Bernd Benz erhebt sich, alle anderen folgen. Als Dr. Knopp-Labach vom Klo zurück kommt, ist alles vorbei. Nur das Preisschild klebt noch auf ihrem Arsch. Aber niemand macht sie auf die Peinlichkeit aufmerksam. „Mir schwillt der Kamm, wenn ich diese Schnepfe sehe“, sagt der Chef nach der Konferenz deutlich vernehmbar.

Claude Otisse

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