Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Neid: Wem gebührt der Applaus?

Neid schafft einen Raum aus scharfen Kanten und Spiegeln
Freundinnen. Getrennt im Raum des Neides

Neid. Er glaubt wirklich, es sei mein Neid. Dieser missgönne ihm seine ruhige Zeit vor dem alten Tisch im Streuobstgarten. Meine Missgunst treibe ihn hinaus zur Arbeit wie einen Sklaven. Dabei ist die Wahrheit eine gänzlich andere. Wofür, warum und worum sollte ich Hunde-Tommy beneiden? Um nichts! Denn mein Neid gilt anderem.

Aber ja. Der Neid ist mir seit jeher ein intimer Bekannter. Obschon mein Neid mit wachsendem Alter nach und nach erschlafft, bedient er es bisweilen doch noch die Schalthebel der Macht. Freilich, ich wähle ihn nicht. Denn Neid ist nicht demokratisch. Neid kennt kein Menschenrecht. Weil der Neid ein schlimmer Diktator ist, und unversehens aus bloßer Willkür die Macht ergreift.

Dann kracht die Unzufriedenheit in mir wie ein explodierender Blindgänger aus dem letzten Weltkrieg hervor. So angegriffen, angefasst, angestoßen über die wundsten Stellen meines Unvermögens ergießt es sich dann. Das ist das böse Gefühl.

Neid: Nicht Karosse, nicht Mallorca

Aber ja. Dann missgönne ich jedem, was ich nicht habe, jedoch gerne besitzen möchte. Aber nein. Es sind sicher nicht der schöne Urlaub an den heißen Stränden von Mallorca und die funkelnde Karosse in der Garage. Obwohl auch ich gerne verreise und mit dem Auto fahre.

Ich erlaube es mir sogar, meine Nächsten spontan und völlig ohne jede Ankündigung zurückzulassen. Trotzdem das Gewissen gegen den Wandertrieb bis zum Äußersten streitet, besteige ich mein Motorrad und brause eilig davon.

Obschon mich niemals der Neid in die Ferne treibt, siegen nun doch der Überdruss und der Unfriede über Bande des Alltäglichen und dessen Menschen. Sowie sich die Pluspole zweier Magneten abstoßen, so stoße mich mich von allem ab, das mir eben noch lieb und wert erschien.

Der Bruder von Hass und Überdruss

Bloß dass Überdruss und Unzufriedenheit zwar dem Neid verwandt, vielleicht ein wesenhaftes Nebeneinander pflegen, dem Neid sogar eng verschwistert sein mögen, ihm womöglich gleichsam entspringen – all das gebe ich zu. Warum auch nicht? Schließlich lässt sich das Offensichtliche nie verstecken. Aber das Neidgefühl alleine treibt mich nicht davon und weg.

Sobald meine Seele dem bösen Gefühl zu huldigen beginnt, folgt eben nicht die Flucht durch die Einsamkeit schier unendlicher, hitziger, von Alleebäumen umstandener Landstraßen. Nicht das von müden Händen aufgestellte Leichtzelt ist die Unterkunft meiner Missgunst.

Camouflage des verlorenen Respekts

Dahingegen strebt diese Eifersucht nach gänzlich anderem. Denn sie will die Tarnplane, die lächelnde Camouflage des verlorenen Respekts, des geheuchelten Interesses und der kleinlichen Großzügigkeit, unter der er sich höchst wirkungsvoll versteckt. Darunter lädt er die schärfsten Geschosse in meine Worte und Sätze. Damit richtet er seine Herrschaft ein. Im Folgenden diktiert er unduldsam jene als Freundlichkeit verkleidete Missgunst.

Die zielt nicht auf Dr.Thomas Busenbergers meditative Liebesbeziehung zu diesem alten Tisch Nicht auf den Leiterstuhl, nicht auf seine sprechenden Kefir-Becher. Auch nicht auf seine Freiheit, als Psychotiker nicht mehr arbeiten zu müssen. Nein. Das hier ist es nicht.

Vielmehr erweckt anderen Leuten geltender Applaus meine Missgunst. Und zwar auch und bevorzugt, wenn sie Zuspruch und Anerkennung für Leistungen erhalten, die ich selbst zwar hätte erbringen können, aber stets verweigert habe. Gleichwohl: Ist nicht auch die Verweigerung der Ausdruck eines herrschenden Neids?

Danach kommt die Zeit der Abrechnung. Darum der High Noon, der Intensivbeschuss. Gefolgt von tödlich umarmendem Trommelfeuer. Mit anderen Worten, die Missgunst wird nicht mehr ruhen. Bevor seine Worte das fremde Schöne hässlich, das Gute schlecht und die Liebe zum Hass geredet haben, wird der nicht schweigen.

Der Applaus ist es, nur der Applaus

Solange nicht, bis der für andere bestimmte Applaus verdorrt. Dann erreicht die Neiderin ihr Ziel. Dann müde genug, um mich aus schmerzender Erschöpfung in Unzufriedenheit und Überdruss des eigenen Daseins hinauszutreiben. Somit geht es hinaus auf die kalten Straßen der Einsamkeit.

Aber auf unseren armen Hunde-Tommy zielt meine Missgunst nie. Schließlich applaudiert ihm schon längst niemand mehr. Seitdem der Augenarzt Dr. Thomas Busenberger alias Hunde-Tommy an Stelle einer Hornhautkorrektur die Augen einer Patientin mit dem befehlenden Löffelskalpell entfernte, ist sein Ruhm am Ende. Von mir aus darf er am alten Tisch unterm Birnbaum sitzen.

Und ich? Einstweilen gehe ich davon und schweige. Nichtsdestotrotz, die Arbeit wartet, oh ja. Ebenso gedemütigt wie gelangweilt trotte ich dahin. Ferner phantasierend vom Applaus.

Bericht: Claude Otisse
Foto: Claude Otisse

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