Das Rätsel der besoffenen Mütter

Enigma- Ein Hund schaut aufs Meer. Hat er des Rätsels Lösung?
Der Hund schaut in die Ferne. Ob er ahnt, was kommt?

Warum ausgerechnet Mütter immer unter Schlafstörungen, Albträumen leiden, wissen wir nicht. Das zu ergründen ist das uns aufgegebene Rätsel. Für uns Männer bedeutet das eine schwere Aufgabe. Da uns die Gabe der Geburt des Lebens vorenthalten ist, bleibt uns das Verständnis einer Mutterseele verwehrt.

Zwar sehe ich diese Frauen nicht so oft torkeln wie Hunde-Tommy und Otisse. Mir sind sie bisher nur vereinzelt aufgefallen. Womöglich begegnen Hunde-Tommy und Claude Otisse den wankenden Müttern deshalb öfter, weil die beiden regelmäßig in den Neubaugebieten oder in der Nähe zu tun haben.

In diesen Außenbezirken der Stadt gehe ich nur selten umher. Ich bevorzuge die Innenstadt. Denn dort kenne ich mich aus. So oft schon bin ich diese Straßen gegangen. So oft schon schritt ich durch die Gassen. Jede Hausecke trägt mir Erinnerungen vor. Jedes Haus erzählt mir eine Geschichte.

Die neuen Straßen und Häuser jedoch sind für mich fremd und leer. Ihre Häuser starren mich mit schmalen, finsteren Augen an. Schießscharten durchbrechen die Fassaden hinter den Farben des Harlekins. Sie wollen mich als Feind aus ihren engen Gräben mit dem Tod verjagen. Gepanzerte Türen, vergitterte Fenster verbergen die Herrinnen des Steingartens in der Gruft ihrer feindseligen Nachbarschaft.

Der SUV schützt vor neugierigen Blicken

Durch die Mitte der Stadt steuern diese Mütter ihre schweren Wagen. Wunderbar beschützt auf ledernen Sitzen rollen sie mit ihren Kinder die breite Straße entlang. Die Trunkenheit bleibt meinen Blicken verborgen. Die verwundeten Gesichter sieht man nicht. Es spiegelt allein geschwärztes Glas die toten Schatten. Sie sind der Donner des neuen Weltenbrands. Streng begleitet vom brennenden Gestank fossiler Verwesung.

So viele sind es also, deren verbunkerte Behausungen draußen am Rande stehen. Zur Flasche greifende Mütter im Rausch der gepressten Barbiturate. Ihre Ängste und Albträume leugnen die Warnungen der Wissenschaft. Sogar die Ratten im Kanal verdammt der mütterliche Urin zum Siechtum.

Die Kinder, die Mädchen und die Buben? Die entsteigen wunderlich beruhigt und langsam eilend dem Wagenschlag hin zum Unterricht. Auch die Quelle der kindlichen Ruhe ist den Nagern im Untergrund wohlbekannt.

Trotz des Wissens um die Welt der Randständigen geben uns die Berichte von Claude Otisse und die Erlebnisse von Hunde-Tommy ein großes Rätsel auf. Was mögen wohl die Gründe dieses Leidens sein? Welche Bedrohung wäre stark genug, diese Mütter vollständig zu durchdringen und sie in die Abgründe ihrer Albträume hinabzureißen?

Rätsel: Welche Bedrohung lastet auf den Müttern?

Des Rätsels Lösung kennt vielleicht Ester Berlin. Deshalb befragete ich die Leiterin der Geistlichen Hütte. Denn auch sie ist eine Mutter. Das ist ihre Antwort auf das Rätsel:

„Noch bevor wir Frauen unsere Kinder zur Welt bringen, sorgen wir uns schon um ihre Zukunft. Unbedingt und jede Sekunde. Viel mehr sorgen wir uns um die Kinder als ums eigene Schicksal. Mütter wollen das Beste für ihre Kinder. Gesundheit, einen guten Beruf und eine sichere Zukunft.“

Nach diesen Sätzen schwieg Ester für eine Weile. Sie sah an sich hinunter, fühlte mit beiden Händen sanft über ihren Bauch bis zum Schritt. Die Miniatur einer Klitoris-Gottes auf dem großen Eichentisch streichelnd fuhr sie fort:

„Ich weiß außerdem: Frauen und besonders Mütter besondere Sinne für Gefahren, die ihren Kindern drohen. Wenn die Vorahnungen aber so mächtig sind, dass den Müttern nur Hilflosigkeit übrig bleibt, dann werden manche von ihnen mit Albträumen und Sucht darauf reagieren. Nein, die Kinder und Jugendlichen von heute haben ganz sicher keine gute Zukunft. Ihre Mütter haben ein geheimes Wissen vom nahen Ende.“

Ester Berlin, Leiterin der Geistlichen Hütte der Pirmasenser Kolonie

Kinder ohne Zukunft

Das also sieht Ester Berlin als des Rätsels Lösung. Die Erklärung für die Beobachtungen von Claude Otisse und Hunde-Tommy. Eine naturgegebene und untrügliche Vorahnung, wie sie nur Mütter haben können. Aber sie schwieg über Hunde-Tommys Methode, sich ins Vertrauen der verzweifelten Frauen zu schleichen. Trost spendet er den Verzweifelten am Rande der Stadt nicht.

Saufen und Ficken im fremden Ehebett

Denn der Augenarzt Dr. Thomas Busenberger bietet sich keineswegs selbstlos als Zuhörer und Seelsorger an. Erst verführt er die Frauen mit seinen Schmeicheleien. Dann steigt er mit ihnen ins heimische Ehebett. Zu diesen „Bums-Events“ bringt er Irish Cream-Likör und andere süße Flaschen mit. Je nach dem, was seinen Verführungskünsten nützt. Denn mit Hilfe dieser Flaschen bringt er die Frauen dazu, noch mehr zu trinken als sie ohnehin in sich hinein schütten würden.

Was dem Doktor Laune macht

„Mir macht das Ficken mit den besoffenen Müttern wirklich Laune. Die sind ja super viel geiler als die Nutten in der Schachenstraße“, sagte Hunde-Tommy als ich ihn fragte, was er bei den Einfamilienhäusern hinterm Horeb eigentlich sucht. „Dafür höre ich gerne mal eine Stunde zu. Das zahlt sich aus. Das Neubaugebiet ist billiger als jeder Puff“, meinte der Arzt.

Außerdem fällt der Augenarzt noch mit etwas anderem auf. Denn Hunde-Tommy liebt es, in einem Schub seines Wahns mit dem weißen Geländewagen durch Pirmasens und Umgebung zu rasen. „Das Auto ist ein Panzer. Dem stellt sich niemand in den Weg!“ So freute er sich kürzlich vor der Ausfahrt, bevor er den Diesel startete.

Allerdings sind Hunde-Tommys Fahrten nicht unser Problem. Die Raserei kriegen wir in den Griff. Schwierig bleibt das Rätsel. Das wird die Kolonie trotz Esters Erklärung noch länger beschäftigen. Haben demnach auch die Verworfenen außerhalb der Pirmasenser Kolonie ein Wissen über die Zeichen der Endzeit? Vielleicht sollten wir Gott selbst nach einer Antwort fragen. Sofern Gott einmal anzutreffen ist. Meistens ist sie aber nicht auffindbar. „Der gute Hirte ist längst geflohen“, schreibt Hunde-Tommy. Aber daran glaube ich nicht.

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