Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Schnürsenkel vom einfühlsamen Hausierer Theophil

Der Hausierer Theophil Meisterberg, kommt und alle Türen gehen auf.
Wenn der Hausierer Theophil Meisterberg kommt, öffnen sich die Türen.

Schon das Klopfen an der Tür verrät ihn. Es sind der feinsinnige Rhythmus und die zart dosierte Kraft. Sie rufen ganz laut durchs Haus: Der Hausierer Theophil ist da! Die Tür und das Tor macht auf! Ja. Man kennt ihn gut, Land auf Land ab. Man erwartet ihn an vielen Orten. In Dörfern zu meist. Aber auch in kleinen Städten.

Der Hausierer Theophil zieht frei herum. Er klopft an jeder Tür. Und es ist fast ein Wunder. Denn obwohl ein Hausierer und Vagabund, wird er nie davon gejagt. Er findet Einlass selbst bei jenen, die in großen und feinen Häusern wohnen. Man erzählt sich, dass es Frauen gibt, die ihn besonders mögen. Sie bitten ihn ins Bad. Damit er sich reinigt vom Geruch der Straße und der Treppen.

Die Frauen lieben den Hausierer

Er selbst dagegen wohnt in keinem Haus. Theophil nennt keinen festen Unterschlupf sein Eigen. Der Hausierer übernachtet hier und dort. Sogar im Freien nächtigt er. Unter hohen Felsen, unter starken Bäumen und in tiefen Höhlen. Wird es kalt, so findet er ein möbliertes Zimmer mit Heizung, einen Traum von Luxus zur kurzen Frist. Die Frauen schenken ihm Quartier. Des nachts, wenn der Ehemann von der Arbeit müde schnarcht, schleichen sie leise zum Hausierer. Der erfüllt in kalten Winternächten die Sehnsucht ihres Lebens. Der Hausierer Theophil hört den Frauen zu.

Schnürsenkel und Bürsten und Grußkarten, die angeblich von armen Kindern gemalt wurden aber gefälscht sind. Das ist seine Ware. Deswegen trägt der Hausierer Theophil den kleinen Koffer aus Leder mit sich herum. Dazu stopft er seine Manteltaschen voll. Fehlt ihm das Geld für die Lieferanten, stiehlt er welches aus der Ladenkasse. Die Verkäuferin sieht den Wunsch in seinen Augen und lässt das Fach mit den Scheinen offen. Wenn er durch die Glastür geht, lächeln beide. Es ist ihr geheimes Glück.

Seine Lieferanten kennt er nicht beim Namen

Theophil bevorzugt gute und bester Ware. Allesamt Bänder und Bürsten von hoher Qualität. Die Kärtchen mögen zwar unecht sein. Doch sie sind ausgesprochen schön anzusehen. Die ihn beliefern kennt er nicht mit Namen. Er merkt sich niemals ihre Gesichter und Namen.

Nur die Orte, wo nachts die weißen Lieferwagen stehen, kennt Theophil gut. Hinter dem alten Bahnhof. An der zerfallenen Farbfabrik. Auf dem Parkplatz der Abdeckerei. Die Lieferwagen finden sich ein, wo sogar der Mond nicht mehr scheinen will.

Der Hausierer hört einfühlsam zu und nimmt die Sorgen mit

Da ist er nun endlich zu mir gekommen, der Theophil. Der Hausierer sitzt auf dem Weidenstuhl in meiner Küche. Seine Augen strahlen hell. So nippt er am heißen Kaffee. „Was schreiben Sie gerade?“ Theophil fragt mit wachem Interesse. Dabei sieht er mich an. So als gebe es sonst niemand auf dieser Welt, der irgendwie von Bedeutung wäre.

Dann erzähle ich von meinen Nöten. Die furchtbare Angst vor dem weißen Blatt. Ich rede von der Geschichte, die nicht fließen will. Die Worte müssen aber fließen. Der Termin zur Abgabe des Artikels ist nahe. Ich nehme meine Angst vor dem Versagen in den Mund und spucke sie aus. Schon wird mir leichter ums Herz. Ich atme ruhiger und sitze wieder aufrecht. Ich glaube, das ist es, weshalb die Leute Theophil lieben. Seine Wärme, sein Interesse und sein Mitgefühl, mit der er den Menschen begegnet. Der Hausierer richtet gebrochene Seelen wieder auf.

Fünf Paar Schnürsenkel will ich haben, ein Paar für die Laufschuhe, die andern für Schublade. Wo all die anderen Bänder und Bürsten sind und damit ich Theophil bezahlen darf. Er greift in die Tasche und reicht mir vier Paare. Dazu ein einzelnes, weißes Band. „Das eine ist noch gut“, erklärt er. Dabei zeigt sein Finger auf meine Laufschuhe neben dem Kamin.

Theophil verlässt mein Haus. Er zieht weiter in das nächste. Auch bei den Nachbarn ist er willkommen. Ich frage noch in der Tür, wann er wieder kommt. In drei, vier Wochen, vielleicht, schätzt er.

Bericht: Claude Otisse
Foto: Claude Otisse

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