Traumbild: Ein Spaziergang und die Feuermönche

Ein Traumbild zeigt drei Feuermönche am Bahnhof in Pirmasens und die brennende Stadt im Hintergrund
Claude Otisses Traum von den Feuermönchen

Wiewohl dieser Spaziergang einem Traumbild gleicht, führen mich seine Wege ins gänzlich Unbekannte. Somit fragen mich die fremden Orte, ob und was ich denn wirklich bin, als einer, der von weiten Schritten getragen, zu ihnen kommt. Wie ein Eroberer, einem Hernán Cortés wohl gleich, nehme ich an Esters Seite all das in Augenschein, wohin sie und mein Inneres mich treiben.

Zuerst suche ich den Rand. Die äußerste Grenze des als bekannt und vertraut Geglaubten. Dort, in der Pirmasenser Kolonie, wo hinter Hecken und hohen Zäunen eine sorgsam bewachte neue Welt beginnt, finde ich Ester. Ihre Augen leuchten weit hinter dem längst verblühten Forsythienstrauch hervor. Aber Esters wilde und freie Blühte vermag kein irdisches Geschöpf außer ihr zu erreichen.

Das Traumbild ist die Erkundung der vergehenden Welt

Doch sie ist eine Eroberin. Und wenn sie nun an meiner Seite durch diese Stadt spaziert, so gerät diese abendliche Promenade zum Kreuzzug des Guten. Für Ester ist ein jeder Spaziergang die Erkundung der im Vergehen begriffenen Welt der Verworfenen.

Auch wenn die Ordnung der Besitz- und Geldgläubigen unerschütterlich erscheint, so ist sie doch längst von Gottes Engeln unterwandert. Sowie einst die Azteken die stolzen Segel von Hernán Cortés Flotte vor ihrem Strand nicht zu deuten wussten, erkennen auch die Götzendiener nicht, was ihnen die Stunde schlägt.

Dann tritt Ester vor das kleine Tor. Sie begrüßt mich lächelnd und umfängt mich freundlich mit den Armen, während eine Wächterin in zurückhaltender Höflichkeit an der Schwelle des Tores wartet. Nachdem sie ihren Gefühle für mich mit all ihrer Körperlichkeit den wärmsten Ausdruck verliehen hatte, wie es Worte nie zu sagen vermögen, deutet Ester auf die wartende Wächterin.

Ich gebe mein Smartphone ab

Gib ihr dein Smartphone, Otisse“, weist mich Ester an. Dann erklärt sie mir, was mit dem Gerät geschehen wird. Die Wächterin wird das Telefon ausschalten und in eine Metallkiste legen. „Somit hat das Gerät keine Verbindung zum System.“ Die Wächterin nimmt mein Handy mit ernsthaftem Blick entgegen und verschwindet damit hinter dem Tor.

Sogleich fasse ich unwillkürlich in meine nunmehr leere Hosentasche. Nackt fühle ich mich jetzt. Gleichsam isoliert und abgeschnitten. Getrennt von meiner Welt. „Aber dafür trittst du jetzt über die Schwelle eines neuen Daseins“, verspricht Ester. Sie hat meinen unwillkürlichen Griff nach dem Smartphone bemerkt.

Anfänglich noch befremdete Schritte über den bröckeligen Asphalt des Imserbühls tragen mich zur Innenstadt hinüber. Ester schweigt. Auch mir ist nicht nach reden zu Mute. Obwohl meine Zunge immer wieder Versuche unternimmt, die vielen Worte meiner Rechtfertigung zu formen und in Laute zu tauchen.

Vom Dasein eines Zauderers – Entscheidung?

Doch nein. Eben dieses unterdrücke ich mit meinem Willen. Daher bleiben die Gedanken stumm hinter meiner Stirn versteckt. Unsichtbar und unhörbar im Dunkel meiner zaudernden Unentschiedenheit. Sowie das Tun und Handeln ein eigenes, menschliches Dasein hervorbringt, ist auch das Zögern und Zaudern ein eigenes Dasein geworden. Nur eben ein fremdbestimmtes. Aber noch immer bin ich zu schwach. Trotz aller Erkenntnis: Keine Entscheidung. Somit bleibe ich an der Schwelle zur Kolonie und blicke fasziniert ins Traumbild hinein. Aber doch mit beiden Füßen in der Welt der Arbeitssklaven verwurzelt. Dem Friedensreich Gottes bin ich noch fern.

Ehe meine Angst vor dem Verlust nicht besiegt sein wird, bleibt dieser Spaziergang mit Ester stets getrennt in zwei verschiedene Ich. Erst wenn ich über die Grenze trete, erst wenn ich den Arbeitsplatz aufgebe, das Auto, die Wohnung und das Bankkonto kann es ein Wir mit Ester geben.

Die Feuermönche brennen die Sünde weg

Süßlicher, beißender Brandgeruch liegt über der Stadt. Ester hier, ich daneben, so führt der Weg über den Horeb das Gefälle der Herzogstraße hinab zum Hauptbahnhof. Ester deutet mit dem Finger nach rechts. Ich folge ihr unbeirrt. Schließlich sehe ich die Gleise unter der Brücke. Ester lächelt. Denn offensichtlich hat Theophil die Skulptur der Klitoris Gottes im Bahngelände aufbauen lassen. Davor steht Fetthans und betet. Während neben und auf den Gleisen einige Feuer lodern, beobachtet eine der bewaffneten Kolonistinnen das Geschehen vom Dach des Stellwerks aus.

Wer sind die drei merkwürdigen Gestalten?“, frage ich Ester, während ich meine Kamera ausrichte. „Das sind drei der sieben Mönche des Feuerordens“, antwortet Ester. Sie sollen die Welt mit der Kraft des Feuers vom Schmutz der Sünde reinigen. Sie kommen, um von der Kolonie aus ihr Gotteswerk zu verrichten.“

Endlich habe ich mein Handy wieder

Nach wenigen Kilometern endet mein Spaziergang mit Ester wo er begonnen hat. Die Wächterin gibt mir das Smartphone zurück. Noch bevor ich Ester zum Abschied die Hand reiche und mich für die Zeit mit ihr und dem Traumbild bedanke, schalte ich das Smartphone ein.

Bericht: Claude Otisse
Digitales Foto: Claude Otisse

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