Warum der alte Gott von einem Zug überfahren wurde

Der alte Gott geriet im Bahnhof von Leipzig unter die Räder eines Zuges.
Im Leipziger Bahnhof geriet der alte Gott unter einen Zug und verschwand spurlos.

Der alte Gott ist tot. Aber Nein. Ich war das nicht! Das Ende des alten Gottes war ein tragischer Unfall. Ich schwöre jeden Eid: Ich habe ihn nicht geschubst!

Es geschah, als gerade der Regionalexpress einfuhr. Der alte Gott stand zu dicht an der Bahnsteigkante. Deswegen erfasste der Luftsog des Zuges diese leichte Gestalt. Da ich nur einen halben Meter hinter ihm stand, konnte ich genau sehen wie er gegen den Wind kämpfte. Er ruderte mit den Armen, streckte dann die Hände abwehrend nach vorn. So als hoffte er, die Gewalt des Sogs einfach weg stemmen. Seine Mühen sahen fast aus wie ein Sportler bei der Liegestütz.

Doch die Kraft seiner zarten Arme genügte nicht. Also versuchte er, mit den Beinen einen neuen Halt auf dem steinernen Boden zu finden. Der Lärm des Zuges toste, die Bremsen quietschten, die Lichter aus den Abteilen flackerten wie das Stroboskop einer Diskothek über den alten Gott hinweg. Er blinkte und blitzte noch einmal auf. Dabei sah ich, wie er einen Schritt nach vorne machte. Dieser letzte, unfreiwillige, erzwungene, gesaugte Schritt brachte ihn noch näher zum Regionalzug.

Der alte Gott im Sog des Regionalzugs

Keine Hand passte jetzt noch zwischen den taumelnden alten Gott und die bremsenden Waggons. Schließlich drehte er sich einer Primaballerina gleich auf dem rechten Fuß. Doch dann riss ihn der Sog endgültig in den Abgrund. Der alte Gott verschwand in dem Spalt. In der Lücke, welche die Karosse des Zuges zur Bahnsteigkante noch übrig ließen. Dort unten schließlich, irgendwo in der Finsternis des Gleises, geriet der alte Gott unter die scharfen Reifen aus hartem Stahl.

Bis der Zug endlich zum Stillstand kam, schien mir eine Ewigkeit vergangen zu sein. Sogleich zischte die Pressluft. Es öffneten sich die Türen. Dann drängten die Reisenden aus den Waggons auf den Bahnsteig. Manche Reisende schleppten Rücksäcke und schwere Koffer mit sich herum. Andere entstiegen mit leichten Taschen dem Zug. Die kleinen Kunststoffräder der Trolleys klickerten über die Steine, während eine Männerstimme die Einfahrt das nächsten Zuges auf Gleis 3 ankündigte. Doch wo war der alte Gott geblieben?

Er verschwindet ohne Rest

Was dort unten mit dem alten Gott passierte, blieb meinem Blick verborgen. So sehr ich mich auch bückte, um unter die Waggons zu schauen, blieb meine Suche nach ihm erfolglos. Nichts mehr konnte ich von ihm entdecken. Kein Rest war vom alten Gott geblieben. Eine junge Frau kam vorbei und fragte freundlich: “Haben Sie etwas verloren? Da müssen sie an der Information fragen, ob man Ihnen hilft!”

Aber nein. Ich hatte nichts verloren. Alle meine Sachen trug ich im Rucksack auf dem Rücken. Die Taschen der Hose und der Winterjacke waren sorgsam mit Reißverschlüssen verschlossen. Denn Diebe trieben auf den Bahnhöfen ihr Unwesen. Auf der Jagd nach dem Wertvollsten Besitz der Reisenden nutzten sie jede Nachlässigkeit und Schwäche. Weil ich das wusste, war ich vorsichtig und hütete meine Habseligkeiten. Ich hielt alles fest, so gut ich nur festhalten konnte.

Schon bald rief mich die harte Männerstimme aus dem Lautsprecher zum Expresszug über Frankfurt nach Mannheim. Von wo ich den Anschlusszug nach Kaiserslautern und dort die Regionalbahn nach Pirmasens erreichen wollte. Deswegen war nun Eile geboten. Der Express hielt nicht lange in Leipzig. Zur Suche nach dem alten Gott blieb mir daher keine Zeit mehr.

Ein Foto vom Ort seines Verschwindens

Aus dem abfahrenden Express heraus schoss ich noch ein Foto von der Stätte des Verschwindens des alten Gottes. Schwach und schmalbrüstig war er geworden. Diesem Gott fehlte nunmehr jede Substanz. Wahrscheinlich hatte der Fahrtwind deshalb so ein leichtes Spiel mit ihm.

Doch vermutlich hätte der alte Gott auch ohne den Unfall nicht mehr lange gelebt. Während der Fahrt nach Frankfurt beschäftigte mich die Frage, was den einstigen Gott der Heerscharen wohl derart ausgezehrt haben mag. Vielleicht der Stress mit seinen Gläubigen? Das unaufhörliche Salbadern der Gebetsgemeinschaften, die scheinheiligen Fürbitten, Gottesdienste und Sündenbekenntnisse?

Oder der alte Gott kam einfach nicht mit dem Tempo unserer Zeit zurecht. Autos, Eisenbahn, Flugzeuge und Internet waren wohl nicht seine Sache. Das mag eine mögliche Ursache seines Schwindens gewesen sein. Dann hätte der Abstieg dieses Gottes mit einem Tinnitus begonnen.

War das Tempo unserer Zeit schuld?

Wegen des anhaltenden Pfeifens wurde er bald müde. Dann vermochte er kaum noch die Gebete zu erhören. Später fehlte ihm sogar der Appetit. Der alte Gott wurde immer schmächtiger. Je mehr seine Gläubigen sagten, was er zu tun und zu lassen hätte, litt er unter Burnout und Depressionen. Bis er schließlich am Bahnsteig in Leipzig unter den Regionalzug gesaugt wurde. Wo ich zufällig Zeuge des Endes seiner Allgegenwart wurde. Aber das ist nur so eine Idee. Die Dinge könnten auch ganz anders gelaufen sein. Was bleibt, sind Fragen.

Niemand sagt uns jetzt, was richtig und falsch ist

Zuhause bei Claude Otisse angekommen, wollte meine Trauer noch nicht weichen. Der Journalist stellte rasch eine der vielen Fragen, die mich nun bewegten. “Wer sagt uns nun was wir tun sollen? Was richtig und falsch ist?” Eine Antwort vermochte ich ihm unter dem noch frischen Eindruck des Geschehenen nicht zu geben. Außer: “Wir müssen auf die Zeichen achten. Vielleicht ist schon eine neue Gottheit mitten unter uns.”

Pfarrer Theophil Meisterberg

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