Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Warum der alte Gott von einem Zug überfahren wurde

Der alte Gott geriet im Bahnhof von Leipzig unter die Räder eines Zuges.
Im Leipziger Bahnhof geriet der alte Gott unter einen Zug und verschwand spurlos.

Der alte Gott ist tot. Aber Nein. Ich war das nicht! Das Ende des alten Gottes war ein tragischer Unfall. Ich schwöre jeden Eid: Ich habe ihn nicht geschubst!

Es geschah, als gerade der Regionalexpress einfuhr. Der alte Gott stand zu dicht an der Bahnsteigkante. Deswegen erfasste der Luftsog des Zuges diese leichte Gestalt. Da ich nur einen halben Meter hinter ihm stand, konnte ich genau sehen wie er gegen den Wind kämpfte. Er ruderte mit den Armen, streckte dann die Hände abwehrend nach vorn. So als hoffte er, die Gewalt des Sogs einfach weg stemmen. Seine Mühen sahen fast aus wie ein Sportler bei der Liegestütz.

Doch die Kraft seiner zarten Arme genügte nicht. Also versuchte er, mit den Beinen einen neuen Halt auf dem steinernen Boden zu finden. Der Lärm des Zuges toste, die Bremsen quietschten, die Lichter aus den Abteilen flackerten wie das Stroboskop einer Diskothek über den alten Gott hinweg. Er blinkte und blitzte noch einmal auf. Dabei sah ich, wie er einen Schritt nach vorne machte. Dieser letzte, unfreiwillige, erzwungene, gesaugte Schritt brachte ihn noch näher zum Regionalzug.

Der alte Gott im Sog des Regionalzugs

Keine Hand passte jetzt noch zwischen den taumelnden alten Gott und die bremsenden Waggons. Schließlich drehte er sich einer Primaballerina gleich auf dem rechten Fuß. Doch dann riss ihn der Sog endgültig in den Abgrund. Der alte Gott verschwand in dem Spalt. In der Lücke, welche die Karosse des Zuges zur Bahnsteigkante noch übrig ließen. Dort unten schließlich, irgendwo in der Finsternis des Gleises, geriet der alte Gott unter die scharfen Reifen aus hartem Stahl.

Bis der Zug endlich zum Stillstand kam, schien mir eine Ewigkeit vergangen zu sein. Sogleich zischte die Pressluft. Es öffneten sich die Türen. Dann drängten die Reisenden aus den Waggons auf den Bahnsteig. Manche Reisende schleppten Rücksäcke und schwere Koffer mit sich herum. Andere entstiegen mit leichten Taschen dem Zug. Die kleinen Kunststoffräder der Trolleys klickerten über die Steine, während eine Männerstimme die Einfahrt das nächsten Zuges auf Gleis 3 ankündigte. Doch wo war der alte Gott geblieben?

Er verschwindet ohne Rest

Was dort unten mit dem alten Gott passierte, blieb meinem Blick verborgen. So sehr ich mich auch bückte, um unter die Waggons zu schauen, blieb meine Suche nach ihm erfolglos. Nichts mehr konnte ich von ihm entdecken. Kein Rest war vom alten Gott geblieben. Eine junge Frau kam vorbei und fragte freundlich: „Haben Sie etwas verloren? Da müssen sie an der Information fragen, ob man Ihnen hilft!“

Aber nein. Ich hatte nichts verloren. Alle m