Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Nächstenliebe: Eine Mahnung an Theophil Meisterberg

Nächstenliebe ist mehr wert, als jede steinerne und geistige Kathedrale.
Was sind unsere steinernen und geistigen Kathedralen wert? Ohne die Nächstenliebe – nichts.

Nächstenliebe? Ist das Nächstenliebe? Pfarrer Theophil Meisterberg macht mich wütend. Die Geschichte der Selbsttötung des Eisverkäufers lässt mich ernsthaft zweifeln. War es richtig, diesen Mann bei mir aufzunehmen? Wenn jenamd so eiskalt handelt wie der, macht mir das sogar Angst. Was wäre, wenn ich einmal seine Hilfe bräuchte? Wenn ich vielleicht dir Treppe hinunter stürzte oder plötzlich erkranken würde? Einer, der so denkt wie dieser Pfarrer hier, der würde sagen: „Lass‘ den liegen. Damit erfüllt sich Gottes Wille, das muss eben so sein.“

Deswegen schreibe ich diesen Brief. Inder Hoffnung, dass es mir gelingen möge, das Gewissen und das Mitgefühl des hausierenden Geistlichen zu wecken. Hier mein Brief an Pfarrer Theophil Meisterberg:

Lieber Theophil,

ich bin stinksauer auf Dich. Dass Du ein kleiner Ganove bist, war mir von vorne herein klar. Aber dass Du eiskalt einen Mann sterben lassen würdest, hätte ich nicht vermutet. Schon gar nicht von einem ehemaligen Geistlichen.Was hast Du mit Deinem Gott gemacht? Vor den Zug gestoßen? Bist Du krank im Oberstübchen, oder einfach nur böswillig?

Keine Nächstenliebe: Du benimmst Dich wie ein Arschloch!

Dieser Eisverkäufer rief Dich in höchster Not. Du warst seine letzte Hoffnung, kurz vor dem Selbstmord doch noch einen Menschen zu finden, der ihm zuhört. Der wenigstens versucht, ihn zu verstehen. Aber nein. Du zeigtest ihm dem Ast und liest den Verzweifelten mit dem Strick alleine. Dir war bewusst, was geschehen würde. Jetzt forschst Du in seinen Abschiedsbriefen, warum er sich erhängte. Du erzählst einem Ertrinkenden von der Schönheit der Unterwasserwelt, behältst deswegen den Rettungsring im Boot und siehst ihm beim Untergang zu.

Nein, dieser arme Mensch sah für sich keine andere Wahl mehr als den Tod, weil ihm der Blick fürs Leben verstellt war. Du hättest ihm von der Freude am Leben erzählen und eine neu Perspektive geben können. Zeit dafür hattest Du. Aber Du entschieden, den Eisverkäufer sterben zu lassen, indem Du gegangen bist. Rückgängig kannst Du das nicht mehr machen. Denn der Tod kennt keine Freiheit, der Tod ist das endgültige Exil von allem.

Die Abschiedsbriefe hat er nicht an Dich adressiert. Sie gehen Dich nichts an. Trotzdem öffnest Du sie, schreibst Geschichten über die intimsten Gedanken des durch Deine Schuld verstorbenen Menschen. Dann zerrst ihn posthum ans Licht der Öffentlichkeit. Die Hinterbliebenen sind Dir genauso gleichgültig wie der Eisverkäufer selbst.

Die Trauer der Ehefrau und der Kinder des Café-Besitzers dienen nur noch einem Zweck: Der Befriedigung Deiner Neugier und Deiner intellektuellen Eitelkeit.

Theophil, ich erwarte von Dir, dass Du so bald wie möglich nach Bad Liebenzell fährst. Dort übergibst Du den Abschiedsbrief persönlich der Ehefrau. Die anderen Briefe erledigst Du direkt danach. Das ist das mindeste, was Du jetzt noch nach dem Gebot der Nächstenliebe tun kannst.

Und noch etwas: Hör‘ endlich damit auf, Pirmasens mies zu machen! Ich bin in Pirmasens geboren und aufgewachsen. Wie hast Du geschrieben? „Suchet der Stadt Bestes!“ Also los, nimm meine kleine Kamera und knipse das Schöne dieser Stadt. Du wirst sehen, Pirmasens hat mehr zu bieten als Du glaubst Du wirst diese Stadt lieben lernen. Mit zornigen GrüßenClaude Otisse

Brief von Claude Otisse an den Hausierer und Pfarrer Theophil Meisterberg

Hoffentlich erreichen meine Worte ihren Zweck. Denn es wäre für mich unerträglich, wenn Theophil den Brief einfach zur Seite legen und zur Tagesordnung übergehen würde. Niemand darf so tun als wäre nichts geschehen, wenn er das Leben eines Menschen auf dem Gewissen hat. Auch und schon gar nicht ein Geistlicher wie er.

Verantwortung aus Nächstenliebe

Es ist Gebot und Ausdruck der Nächstenliebe, die Verantwortung für Menschen in Not zu übernehmen. Denn die Notleidenden können es nicht mehr aus eigenen Kräften. „Einer trage des anderen Last!“ Genau dieses Gebot soll in meinem Haus gelten. Es ist schlimm genug, dass die Welt draußen dem Schicksal der einzelnen Menschen gleichgültig gegenübersteht. Dem will ich meiner ethischen Überzeugung und christlichem handeln begegnen. Ich hoffe, die Welt damit hoffentlich etwas erträglicher machen.

Claude Otisse

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