Selbstentblößung einer Liebenden

Selbstentblößung zu Werbezwecken beim CSD in Saarbrücken 2016.
Selbstentblößung zu Werbezwecken beim CSD in Saarbrücken 2016.

Dies ist die Geschichte einer Selbstentblößung. Ich schaue flink hinüber auf Annettes Hinterkopf. Im kastanienbraun gefärbtem Haar irrlichtern die Splitter rasenden Scheinwerferlichts, sie beobachtet durchs Seitenfenster das Nichts östlich der Autobahn zwischen Karlsruhe und Landau, die Erschöpfung nach der durchfeierten Silvesternacht, sie schweigt auf meinem Beifahrersitz.

Ich steuere den Opel über den Asphalt, das Band ist neu und dunkelgrau, die Planken glänzen silbern, die weiße Markierung links und rechts pfeift schrill unter den Reifen, die Autobahn ist das Schönste dieses Zwischenlandes. Der Nebel verhüllt die Hügel des Pfälzerwaldes, verschließt die einzige Verheißung, die ein Entrinnen aus dem Nichts verspricht.

Schneller fahren, aber das ist verboten, so als wollte mich das Nichts in seiner unendlichen Leere festhalten, die Flucht verzögern. Trotzdem drückt mein Fuß das Pedal hinunter, der Opel beschleunigt, ohne den Blick zu mir oder auch nur nach vorne zu wenden, befiehlt Annette ins Fenster: „Fahr’ langsam!“

Ihre ersten Worte seit dem „Prosit Neujahr!“ zum Glockenschlag um Mitternacht, aber auch Worte können schweigen, diese tun es, obwohl der Befehl dem Ton nach freundlich klingt. Ich nehme den Fuß zurück, der Opel rollt langsamer mit Tempomat bis nach Landau, Pirmasens ist ausgezeichnet, jetzt, nach fast einer Stunde Fahrt, dreht sie den Kopf und blickt nach vorn.

Die Spannung steigt mit der Entfernung

Auf der Bundesstraße bleibt Annette unverändert stumm, ich wage nicht den Schweigefluss zu stören, nicht mit Fragen, nicht mit Bemerkungen, nein, selbst das Räuspern und Husten unterdrücke ich, was mir eine Anspannung aufnötigt, die sich mit der zurückgelegten Entfernung immer weiter steigert. Doch, so als hätte sie meinen Zustand bemerkt, erlöst sie mich: „Bitte fahr’ nach Annweiler, ich muss mal raus.“ – „Ja, gerne.“

Ich halte an einem Gebüsch im Gewerbegebiet am Ortseingang, Annette verlässt den Opel, geht ein Stück, verschwindet in einem verwunschenen Pfad. Ich sehe hinterher, sie sieht gut aus, sportlich ist sie, groß, schlank und dennoch weiblich in der Ausstrahlung, sie trägt jetzt Laufschuhe, helle Jeans, Kaputzenpulli, darüber ihre warme Jacke in weiß. Gestern noch, zum großen Silvesterabend, erschien Annette im schwarzen Kleid, offenherzig, frivol, beim Tanz nach dem Feuerwerk erkannte ich ihre kleinen, aber festen Brüste, ich sollte ansehen, sie zog das Dekolleté zur Seite, ein Akt der Selbstentblößung, doch meine Augen wanderten durch die Rauhnacht hinter dem Fenster.

Nach dem Konzert im großen Festsaal des Parks – das Orchester intonierte Beethovens 3. Sinfonie, die Eroica, Hegels Weltgeist von Jena ritt herbei – bat Hausherrin frittierte Maria die auserwählten Gäste zum Diner. Zwischen Amuse-Bouche und Hors d’œuvre begann Annette eine lebhafte Konversation mit Eva Schlosser, die Latex-Eva genannt wird,  die sich in der Tradition der amerikanischen Feministin Gayle Rubin versteht, was Annette nicht wusste und nicht weiß.

Die Damen tauschten sich frank und frei über viele Themen aus. Von Sex bis Reisen. Bis dieser eine Satz Annettes Lippen verließ: „Ich wollte keine Kinder, Geburten machen die Figur kaputt.“ Das Gespräch verstarb völlig unerwartet und viel zu jung. Latex-Eva entfernte sich. Die Kindermutter ließ sich von frittierter Maria den Platz am entgegengesetzten Ende der Tafel zuweisen. Sie orderte energisch den Spirituosenwagen und leistete Hunde-Harald Gesellschaft. Annette dinierte indessen wortlos weiter.

Selbstentblößung im rasenden Opel

Annette legt die dicke Jacke ab und steigt ein. Bevor ich den Motor starte, sehe ich nach oben, der Wind schiebt den Nebel beiseite, räumt den Blick zum Trifels frei. Wie gerne hätte ich geflucht wie immer, wenn ich den widerwärtigen Nazi-Kasten sehe, ein Schandmal, das die Gegend bannt, die eine herrliche Landschaft ist. Das hat die Pfalz nicht verdient. Die Burg stört. Der deutsche Nationalismus stört. Beide gehören nicht zu Deutschland, schon gar nicht zur freien Pfalz.

Warum haben die Alliierten den Kasten nicht gesprengt, als sie es noch konnten? Diese Frage stelle ich zum tausendsten Mal, diesmal bleibt sie unausgesprochen. Auch das ist eine Selbstentblößung, die der Republik.

Ein Abschied in die Selbstentblößung

Zurück auf der Bundesstraße. Bei Hinterweidental lenke ich um einen Kreisel, ein kurzer Blickkontakt mit ihr, der Teufelstisch erhebt sich über den Horizont, Annette seufzt und starrt weiter nach vorn, bald erreiche ich Pirmasens, nur noch ein paar Kurven, dann biege ich ab.

Sie wohnt in einem Bürgerhaus auf der Südseite des Berges Horeb. Das ist der höchste der sieben Hügel von Pirmasens. Ich halte den Opel wie geboten an. Sie dreht sich zu mir, lächelt, reibt mit der linken Hand über meine rechte Schulter, als würde sie eine Salbe einmassieren, gegen den Schmerz, zum Trost oder um mich milde zu stimmen. Dann löst sie den Gurt, greift ihre Sporttasche vom Rücksitz und geht. Ich verbleibe unverbunden unverbindlich in meinem Opel. Wieder eine Selbstentblößung. Doch jetzt die meine.

Nun überfällt mich die Müdigkeit, also fahre ich nach Hause. Dort heize ich den Kamin gegen die kalte Nacht und schlafe bald. Das neue Jahr hat begonnen. Eine Woche bleibt mir noch zur Erholung von den Festtagen. Dann muss ich zurück in den Reichenpark. In die Dienste der frittierten Maria. Die Verlegerin empfing das neue Jahr in den Kleidern der hochschwangeren Muttergottes.

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