Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Abschiedsbrief: Warum sich Stefan das Leben nahm

Krähen im Nebel. In seinem Abschiedsbrief erklärt Stefan, warum er sich das Leben nahm.
Stefan hörte auf die Stimmen. Er machte Karriere und wählte trotzdem den Suizid.

Der Abschiedsbrief des Eisverkäufers. Was steht drin? Die Liebe ist das größte Glück. Sie ist das bedingungslos Gute, sie befreit zum Leben, öffnet die Seele, sie ist die Kraft, sie ist die Vernunft, sie ist der Weg des Ich zum Du. Durch die Liebe wird der Mensch zum Menschen.

Die Liebe kennt nicht Reichtum, nicht Armut, die Liebe ist aus sich selbst. Die Liebe ist der letzte und der erste Grund des Seins. Wer sie aber trifft und dennoch leugnet, bleibt in seinem eigenen Ich gefangen. Dieses Schicksal traf den Eisverkäufer aus Bad Liebenzell. Dessen wurde er gewahr, bevor er der im März seinem Leben am schönen Ast im Pfälzer Wald ein Ende setzte. Wie es dazu kam? Das offenbart er seinen Angehörigen in seinem Abschiedsbrief.

Der Abschiedsbrief beginnt im Park

Der Weg dieses Eisverkäufers in die Ich-Gefangenschaft begann in seiner Jugend. Nicht lange vor dem Abitur suchte er Ruhe vor dem Lärm der Schule. Er fand die Ruhe auf der Bank unter dem Ahornbaum. Was er dort erlebte, beschreibt er im Abschiedsbrief an seine Ehefrau.

Die Zweige fuchtelten erst wild herum. Dann zeigten sie auf mich wie spitze Finger. Eine helle, klare Frauenstimme rief meinen Namen: „Stefan! Stefan!“ Die Kollegen wollen mich verarschen. So glaubte ich zuerst. „Diese Vollidioten!“

Aber weder Kabel noch Lautsprecher waren zu finden, noch saß jemand im Gebüsch versteckt. Der Ahorn schüttelte sich und reckte mir seine Zweige entgegen. Die letzten gelben Blätter taumelten zu Boden. Der Baum wollte mir etwas sagen: ,„Stefan! Stefan!“ Ich fragte: „Wer ist da?“ „Ich bin deine Freundin, Stefan. Endlich hörst du mich!“


Ich saß also auf einer Bank aus Beton und lauschte einem Baum, der behauptete, meine Freundin zu sein. „Aha, jetzt werde ich verrückt“, schoss es mir durch den Kopf. „Wie heißt du?“, fragte ich den Ahorn. Einer der untersten Zweige tippte an meine Schulter. Ich erschrak und fürchtete mich. Zuerst wollte wollte weglaufen, aber meine Beine rührten sich nicht.

„Ich heiße Isabell.“ Nach einer Pause fuhr die Stimme fort: „Martina musst du vergessen! Sie ist nicht die Richtige für dich. Guten Sex habt ihr. Ja, das stimmt. Aber das reicht nicht. Sie ist arm, genau wie du. Mach Schluss mit ihr!“ Isabell stieß den Zweig vor meine Brust.

Aber ich liebe Martina. Warum soll ich sie verlassen? Nein, das mache ich nicht!“ Aber die Stimme Isabell gab nicht nach: „Stefan, ab jetzt machst du der Ariane den Hof. Glaube mir, sie wartet auf dich. Nach Arianes erstem Kuss beendest du die Beziehung mit Martina. Ich melde mich wieder bei dir, wenn du soweit bist!“

Zitate aus dem Abschiedsbrief

Aus Furcht, man würde ihn für geisteskrank halten, behielt er sein Erlebnis streng für sich. Er wollte Stimme Isabell vergessen. Denn was konnte sie mehr sein als ein böser Tagtraum? Eine Fantasie des halb schläfrigen Geistes? Und doch war Stimme Isabell eine Wirklichkeit. Weil sie wirkte.

Stefan wird krank vor Verzweiflung

Stefan schlief unruhig. Er erwachte früh. Er schaffte es schließlich kaum noch länger als eine Viertelstunde über den Schulbüchern zu sitzen. Derart ermüdet litt der junge Mann unter Durchfall und Magenschmerzen. Ein heftiger grippaler Infekt suchte ihn heim. Körperlich und geistig geschwächt, ging der junge Mann zum Arzt. Der verordnete etwas gegen die Grippe. Dazu ein Schlafmittel für die Nacht und Beruhigungstabletten für den Tag. „Gegen den Abi-Stress“, sagte der Doktor.

Dank der Medikamente schlief er bald wieder durch und konnte besser lernen. Doch seine Gedanken kreisten unablässig um Stimme Isabell und Ariane. Er schreibt weiter im Abschiedsbrief an seine Ehefrau:

Je mehr ich versuchte, Stimme Isabell zu vergessen, umso mehr dachte ich an sie. War ich wirklich verrückt? Jedenfalls hätte ich gerne noch einmal mit Isabell verhandelt. Vielleicht könnte ich sie umstimmen, ihr eine andere Entscheidung abgerungen. Aber sie meldete sich nicht mehr.

Beim Ahorn habe ich sie gerufen, aber sie war nicht da. Ich blieb alleine mit meinen Gedanken. Ja. Ihr wart eine wohlhabende Familie. All die Häuser, die Hotels, die Fabrik und das schöne Eiscafé. Du bist die einzige Tochter und Erbin. Mit Dir konnte ich eine Karriere und Kinder haben und mich am Ende sorglos auf die reiche Ernte von goldenen Feldern freuen. Das war besser als das kleine Leben meiner Eltern. Mutter putzte bei fremden Leuten. Vater buckelte unterwürfig in der Fabrik.

Zitate aus dem Abschiedsbrief

Schlacht der Gefühle

Stimme Isabells Versprechen stürzte Stefan in den inneren Krieg der Gefühle. Was musste er fürchten? Was durfte er hoffen? Die Aussicht auf ein freies und reiches Dasein führte ihm den Makel vor Augen. Bei Ariane glänzten bürgerlicher Besitz und Ansehen. Indessen regierte bei ihm das uniformierte Grau der Besitzlosen. Er und seine Familie besaßen nichts als ihre Arbeitskraft, die sie zu Markte trugen.

Während Stefan über seinem Schicksal grübelte, drängte die Zeit zu den Abitur-Prüfungen. Der junge Eisverkäufer schob zu Beginn der Adventszeit ein gewaltiges Lernpensum vor sich her. Die Mathematik beherrschte er zwar leidlich. Aber Biologie und Geschichte waren schier unüberwindliche Bücherstapel, die auf, unter und neben Stefans halbem Schreibtisch im halben Zimmer warteten. So sehr er unter dem Brandzeichen der Armut litt, so sehr fürchtete er das Versagen. Um dieser Gefahr zu entkommen, musste er eine Lösung für seine Probleme finden.

Stimme Isabell gewinnt

Stimme Isabell entschied den Krieg für sich. Bald sprach Stefan Ariane an. Noch am selben Abend verabredeten sich die beiden zum Spaziergang in den Hügeln am Rande der Stadt. Er lud sie von seinem Taschengeld zur Pizza beim Italiener ein. Bald gab sich das junge Paar über einem Glas Chianti den ersten Kuss.

Den ersten Teil der ihm von Stimme Isabell aufgetragenen Mission hatte Stefan also erfüllt. Es blieb der zweite und schwerste Teil: die Trennung von Martina. Wie üblich besuchte er seine Freundin an diesem kalten Nebelsonntag in ihrem Mädchenzimmer. Sie tranken Tee mit braunem Zucker und einem großen Schuss Rum. Die beiden hörten leise Musik vom Plattenteller und liebten sich heiß und innig. Stefan genoss das letzte Liebesspiel.

Stefan verlässt seine Freundin

Am Tag darauf, wenige Minuten vor dem Ende der großen Pause, erfüllte Stefan den zweiten Teil seiner Mission: Er sagte seiner großen Liebe mitten ins Gesicht, sie noch in den Armen haltend, dass er sie verlässt. Er erklärte, dass sie von nun an nicht mehr seine Freundin ist, weil er eine andere Frau getroffen hat.

Martina erstarrte kurz, um sich zu versichern, dass Stefan diese Sätze wahrhaftig ausgesprochen hatte. Dann begriff Martina die Bedeutung seiner Worte. Die Verworfene rannte davon. Die junge Frau schrie, tobte und brach schließlich am Ausgang der Pausenhalle ohnmächtig zusammen.

Gerade hatten die Worte seinen Mund verlassen, als er schon aus purem Schmerz bereute. Aber ein Zurück gab es nicht mehr, denn Sätze wie diese sind – einmal ausgesprochen – uneinholbar. Was gesagt ist, ist gesagt, was getan ist, ist getan. Stefan schreibt, was dann geschah:

Noch bevor die Glocke zum Unterricht schrillte, rief mich Stimme Isabell: „Stefan! Stefan! Das hast du gut gemacht!“
Ich hörte ein Tuscheln, ein Raunen, immer lauter wurde das Geräusch, bis der Applaus auf brandete, laut und rhythmisch. Eine Menge jubelte: Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan, Ste-fan!“ „Es ist dein Applaus! Verbeuge dich!“


Ich verneigte mich nach allen Richtungen: „Danke, danke! Vielen Dank!“
„Wer sind die Leute?“ Stimme Isabell antwortete: „Das sind Stimmen, so wie ich. Fürchte dich nicht. Der Pakt ist jetzt geschlossen. Da du nun auf ewig mit mir verbunden bist, sind auch die anderen Stimmen mit dir. Wenn du die Missionen erfüllst, lieben wir dich, wir bestimmen dich zum Erfolg.

Zitate aus dem Abschiedsbrief

Stimme Isabell wachte über die Prüfungsvorbereitungen. Isabell fragte das Erlernte ab, drängte ihn zu Pausen, zu regelmäßigen Spaziergängen und zu gesunder Ernährung. Er gewöhnte sich trotz der großen Furcht vor dem Wahnsinn an Isabells Gegenwart. Nach jedem Erwachen vergewisserte sich Stefan, ob sie noch bei ihm war. Er fragte nach ihr, rief ihren Namen, erschrak ängstlich, wenn sie mit der Antwort auch nur einen kurzen Moment zögerte.

Stefan gewinnt das Abitur

Stefan bestand das Abitur mit einer Eins vor dem Komma. Welch ein grandioser Erfolg! Ohne Stimme Isabell hätte er diesen nicht einmal denken können. Er brachte damit all jene zum Verstummen, die ihn wegen seiner ärmlichen Herkunft verspotteten. Wer hat, dem wird gegeben, sagt eine alte biblische Weisheit. Die bewahrheitete sich nun.

Arianes Eltern respektierten ihn um der guten Noten Willen. als Zeichen ihrer Anerkennung schenkten sie dem jungen Paar in den Sommerferien eine zweiwöchige Reise in die Türkei. Bald danach brachte die Post den Zulassungsbescheid. Stefan durfte Lebensmitteltechnik studieren. Das Fach, das Stimme Isabell für ihn ausgesucht hatte. Als Nebenfach legte Isabell die Betriebswirtschaftslehre fest.

Arianes Eltern zeigten sich auch weiterhin überaus freigiebig. Stefan durfte zum Studium die Penthouse-Wohnung in Karlsruhe beziehen, die für Arianes Studienzeit vorgesehen war. Als künftiger Schwiegersohn zahlte er nur eine symbolische Miete, ein Taschengeld.

Dafür reichte die Aussicht von der Dachterrasse bis zu den Hügeln der Südpfalz. Ariane wollte nach ihrem Abitur im nächsten Jahr folgen, um Deutsch und Geschichte fürs Lehramt an Gymnasien zu studieren. Eine große Überraschung hielt Stefans Vater für seinen Sohn bereit. Er schreibt im seinem Abschiedsbrief:

An diesem Samstag entfernte sich Vater grinsend vom Frühstückstisch, klappte die Dachbodenleiter herunter und kletterte hinauf. Vater verschwand nach oben und stapfte umher, so dass über der Küche die Decke knisterte und knackte. Auf dem Speicher lagerte allerhand Krimskrams in Schachteln und Kisten, der in den zweieinhalb Zimmern keinen Platz fand.

„Halt‘ das mal, bis ich wieder unten bin!“ Vater reichte mir durch die Luke eine verknotete Plastiktüte aus der Drogerie „Seifenplatz“. Vater stieg wieder herab, schob die Leiter in die Klappe, ließ die Luke krachend zuschnappen und drückte den Lichtschalter. „Strom sparen!“ Dann hieß er mich, die Tüte zu öffnen und nachzusehen, was da drin war.

Ich schaute hinein: Geld! Viel Geld! Sehr viel Geld! Ich nahm ein Bündel und hielt es staunend hoch. „Das sind 60.000 Deutsche Mark, mein Sohn. Das habe ich für dich gespart!“ Auf die Frage, woher das viele Geld kam, erwiderte Vater: „Ich habe nebenher gearbeitet. Den Lohn gab es auf die Hand. Das hier ist deine Ausbildungsversicherung, Stefan.

Stimme Isabell flüsterte mir zu: „Nimm es und frag‘ nicht!“ Die anderen Stimmen wisperten und zischelten hinter dem Küchenschrank,  so als stritten sie sich über irgendetwas, bis eine raue Männerstimme Ruhe gebot.

Zitate aus dem Abschiedsbrief

Ein erfolgreicher Student

Stefan verstaute die Tüte in seinem halben Zimmer, dieser kleinen, halben Welt. Am Nachmittag besuchte er seine neue Freundin Ariane. Stefan unternahm mit ihr einen längeren Spaziergang und erzählte von Vaters Plastiktüte. Mit dem Geld musste er weder neben dem Studium arbeiten, noch war er auf staatliche Unterstützung angewiesen. Oben auf den Bergen des Schwarzwaldes hatte es in der Nacht geschneit, aber der Schnee taute schnell, die Schmelze toste in den Bächen abwärts in die Tiefe. Das Paar sah nachdenklich zu den Bergen hinauf.

Stefans Karriere verlief nach Plan. Genau so, wie alles nach Plan verlief, seit er mit Ariane verheiratet war. Das Diplom in Lebensmittelchemie erreichte er spielend. Auch das in Betriebswirtschaft gelang ihm mühelos. Dennoch dauerte Stefans Studium nur zwei Semester länger als die Regelstudienzeit vorsah.

Vater von vier Töchtern

Stefan zeugte vier Töchter. Er führte die Geschäfte der Eisfabrik, leitete das Eiscafé und die Hotel-Holding von Arianes Eltern, während sich Ariane um die Kinder kümmerte. Als die jüngste Tochter aus der Grundschule ans Gymnasium wechselte, begann Ariane zu unterrichten. Die Spaziergänge in den Hügeln unternahm Stefan fortan ohne Ariane. Doch die Stimmen blieben. Der mittlerweile erwachsene Stefan teilte noch immer sein Innerstes mit Stimme Isabell. Sie, die ihn bestimmte, war für ihn Freundin, Mutter und Erzieherin zugleich.

Die dunkle Seite von Stimme Isabell

Die Kontrolle war die dunkle Seite des Paktes mit den Stimmen, der ihm zu Reichtum und Ansehen verhalf. Nie war er alleine mit Stimme Isabell. Das erlaubten die Stimmen nicht. Die anderen Stimmen belauschten jede Intimität, regierten die geheimsten Fantasien, färbten die Träume nach ihrem Geschmack, und bemächtigten sich seiner aus bloßer Laune. Die Stimmen errichteten ein Panoptikum aus dem Auge ihrer Macht. Diesem Auge blieb keine Sekunde verborgen.

Einige Jahre später erkrankte Stefans Vater. Der Krebs kam plötzlich. Die Tumore überwucherten innerhalb weniger Wochen die Lunge, den Kehlkopf, die Speiseröhre und den Mund. Chancen auf Heilung sahen die Ärzte nicht. Gegen die Schmerzen spritzten sie Morphium. Ein Onkologe staunte über den ungewöhnlich rasanten Fortschritt der Krankheit. Zwei Tage bevor Vater erstickte, ragten die Tumore aus den Nasenlöchern. Erst nach dessen Tod erfuhr Stefan die Wahrheit über Vaters geheimnisvolle Geldquelle.

Zwei Wochen nach der Beisetzung des Vaters erlitt Stefans Mutter einen tödlichen Hirnschlag. Als einzigem Kind fiel Stefan die Aufgabe zu, die Wohnung der Eltern zu räumen. Eine Entrümpelungsfirma sollte den Nachlass entsorgen. Doch zuvor – so wollte es Stimme Isabell – musste Stefan sein Erbe sichten und sortieren.

Heimlichkeiten und Geheimnisse

Seine halbe Welt würde es bald nicht mehr geben. Das schmale Bett, der halbe Schreibtisch, der dünne Schrank. Das alles sollte auf den Müll. Einzig das Bündel mit Martinas vergilbten Briefen steckte er in seine Tasche. Weil er es heimlich tat, lauschte einen Augenblick, ob Stimme Isabell nichts einzuwenden hätte. Aber sie schwieg. Hatte sie, die selbst die geheimsten seiner Gedanken kennt, die Heimlichkeit nicht bemerkt?

Im Wohnzimmer, in der obersten Schublade des Schrankes fand Stefan den Arbeitsvertrag seines Vaters. Er schreibt empört:

Der hat in der Waffenfabrik gearbeitet! In der Waffenfabrik! Die haben mich ein Leben lang belogen. Stimme Isabell versuchte mich zu trösten: „Was hättest du mit der Wahrheit angefangen? Hättest du sie hören wollen, als du jung warst?“ Es ist einfach furchtbar, von den eigenen Eltern belogen zu werden. Sie sagten mir, Vater arbeite als Mechaniker in einer Maschinenfabrik im Schwarzwald. Sie behaupteten, er sei Facharbeiter, aber in Wahrheit war er nicht mehr als Hilfsarbeiter und Brünierer.

Zitat aus dem Abschiedsbrief

Stefans Vater entpuppt sich als Waffenhändler

Die Schande der Armut, die Bürde der Lüge, das Brüllen des Vaters, dessen Faust sich ins Gesicht der Mutter grub. All das erwachte in dieser engen Küche zu neuem Leben. Die Erinnerung quoll aus der Brotschublade wie alter Schimmel, schmierte über die Resopalplatte des Küchentischs. Das Gewesene kroch aus den Eckbank-Kästen, aus allen Ecken und Winkeln, aus jenen Verstecken, in denen sich das Elend der Familientyrannei zu verstecken pflegt. Er schreibt im Abschiedsbrief:

Geh‘ nach oben!“ befahl mir die Männerstimme, die zuvor den anderen Stimmen Ruhe gebot. Wer bist du?“ – „Das ist Stimme Bruno, der Kommandant“, stellte Stimme Isabell den Neuen vor. „Mach‘ was er sagt, geh‘ nach oben!“

Zitat aus dem Abschiedsbrief

Stefan gehorchte. Er zog die Speicherklappe herunter, schaltete das Licht ein und stieg hinauf. „Licht und Wärme sind teuer“, erinnerte Stefan Vaters Worte. Was fand er? Pistolen und Gewehre! In der Kiste nebenan Pistolenteile und reichlich Munition. Stefan schreibt im Abschiedsbrief an seine Ehefrau:

Der hat hier Waffen gehortet. Der war Waffenfabrikarbeiter, Lügner und Verbrecher. Dieses Erbe nehme ich nicht an!“

Kaum hatte ich ausgesprochen, da polterte Stimme Bruno, der Kommandant: „Hör auf, du hast das Erbe längst angenommen, du hast dein Studium mit Waffengeld bezahlt. Dein Leben baut auf diesem Töten, so wie die Stadt mit der Waffenfabrik vom Töten lebt und gewissenhaft ihre Pflicht erfüllt.“ Eine Welle aus Wut und Hass überflutete mich in diesem Augenblick. „Ich will das ausbrennen, aus mir herausreißen. Ich will ein Mensch sein, kein Mörder!“

Zitat aus dem Abschiedsbrief

Stefans Vater stahl keine kompletten Waffen aus der Fabrik, sondern Teile mit leichten Fehlern an der Oberfläche. Daraus setzte er unterm Dach und verborgen vor den Augen der Welt fertige Pistolen und Gewehre zusammen.

Was der Vater mit den Waffen anfing, schreibt Stefan in seinem Abschiedsbrief nicht. Wahrscheinlich verkaufte Stefans Vater die nicht registrierten Pistolen und Gewehre an Kriminelle. Das behauptete Stimme Bruno, der Kommandant.

Nach dem der Speicher durchsucht war, zählte Stefan auf Mutters makellos poliertem Resopaltisch zwei Sturmgewehre, vier halbautomatische Pistolen, sowie mehrere hundert Schuss der passenden Munition. Was sollte Stefan mit diesem Arsenal anfangen?

Stefan schreibt an seine Ehefrau:

Glaube mir, Ariane. Ich wollte diese Mordwerkzeuge nicht in meinem Haus. Trotzdem packte ich sie ein und nahm sie mit. Warum? Bruno, der Kommandant und Stimme Isabell malten in schrillsten Farben die Folgen aus, die eintreten, wenn ich die Waffen der Polizei übergebe. Die Affäre wäre an die Öffentlichkeit gekommen. Dann hätten die Immobilien-Unternehmen deiner Eltern, die Hotels, die Eisfabrik und das Café einen nicht wiedergutzumachenden Schaden genommen.

Zitat aus dem Abschiedsbrief

Vom Versagen einer gequälten Seele

Tiefe Gefühle der Unzufriedenheit, der Wut und der Scham errichteten Stein für Stein eine undurchdringliche Wand um Stefan. Die Geschäfte waren nicht mehr die seinen. Auch die Ehe mit Ariane wurde ihm fremd. Er spürte wie sein Leben gehörte nicht mehr ihm gehörte. Er war sich selbst nicht mehr zu eigen, bevor der Verstand versagte. Die nunmehr fehlende geistige Leistung versuchte Stefan mit purem Fleiß auszugleichen. Trotzdem entglitt ihm bald seine berufliche Aufgabe vollends. Stefan schreibt:

Die Eisrezepte wusste ich noch auswendig. Aber wenn ausländische Gäste kamen, brachte ich kein einziges englisches Wort mehr heraus. Zwar hatte ich die Vokabeln einmal gelernt. Aber wenn ich sie brauchte, waren sie nicht da. Ich war plötzlich außerstande, die Angebote von Lieferanten zu prüfen, weil mir die Zutaten nichts sagten und die Kennzeichen entfallen waren. Die E-Mails, die Bilanzen, die Mietverträge, die Handwerkerrechnungen, die Steuer? Um was ging es dabei?

Stimme Isabell war wütend: „Stefan du schaffst es so nicht! streng‘ dich an! Wir haben einen Pakt!“Dann kam auch noch Bruno, der Kommandant und schrie mich wegen der Fehler an: „Du erfüllst die Bedingungen nicht!“

Ich konnte nicht mehr weiter. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die anderen Stimmen lachten. Alle spotteten voller Hass: „Das musste so kommen.Wir haben es von Anfang an gesagt, der taugt nichts. Der Stefan ist ein Versager. Der Idiot hätte Hilfsarbeiter werden sollen wie sein Vater!“

Zitate aus dem Abschiedsbrief

Die Erinnerungen kamen zurück. Plötzlich waren da Bilder von Monika. Das letzte Liebesspiel, ihr Geruch, ihr Lachen, ihre Tränen auf dem Schulhof. Unabweisbar zerschmetterten diese Visionen Stefans von Selbsthass und Schuldgefühlen gequälte Seele. Im Traum erschien ihm die große Liebe nackt, mit Kot beschmiert, erstickend, vergeblich nach Atem ringend, den Kopf in Vaters Plastiktüte vom Seifenplatz mit der Blume gezwungen. Martina starb unter seinen eigenen Händen. Er schreibt weiter:

Der Tod kommt mir nahe. Er schickt den Schmerz als seinen Boten voraus. Der Schmerz schlägt mir in den Rücken, versteift meine Knie und drosselt meinen Atem. Ich sehe eine endlose Reihe von Erschossenen an mir vorbeiziehen. Männer, Frauen, Kinder. Stumm klagend, blutleer und bleich. Alle gemetzelt durch jeden Pfennig, den die Fabrik durch die fleißigen Hände meines Vaters verdiente.

Nie, niemals habe ich Dich geliebt, Ariane. Es war die Armut, die mich in diese Ehe trieb – der falsche Schwur, alles falsch im falschen Leben. Was bleibt mir nun? Welche Wahl habe ich noch als diese eine, dem Tod ein Stück entgegen zu gehen?

Zitate aus dem Abschiedsbrief

Das sind die letzten Zeilen des Eisverkäufers Stefan. Er schrieb sie nieder, kurz bevor er seinem Leben ein Ende setzte. Dieses eine Mal hat er sich nicht verbogen, hat sich nicht angepasst, hat keinen Gehorsam geleistet. So wanderte er im Pfälzer Wald mit seinem Galgenstrick der Erlösung entgegen. Er war endlich frei.

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