Schlussstrick: Die freie Wahl des Todes

Äste einer Kiefer im Pfälzer Wald. Für den Schlussstrick bestens geeignet.
Äste einer Kiefer im Pfälzer Wald.

Was tun, wenn einer schon den Schlussstrick in den Händen hält? Für mich es keine Lösung, den Todeskandidaten den Schlussstrick gewaltsam aus den Händen zu reißen oder mit einer List an mich zu bringen, um den Suizidenten vor dem letzten Schritt zu stoppen. Dass es besser sein kann, wenn der Schlussstrick seine Aufgabe erfüllt, lehren mich die Begegnungen meiner Wanderungen.

Der wahre Gewinn des Hausierers

Ich hausiere gern. Klingeln, klopfen, rütteln an der Haustür. Ich will da rein. Und mir wird geöffnet. Meine Kunden glauben, sie könnten mit dem Kauf von Schnürsenkeln, Bürsten, Zeitungen und wohltätigen Postkärtchen ihr Gewissen erleichtern. Aber ist die Tür erst einmal offen, finde ich die Abgründe der Bewohner. Es ist wie eine Magie. Aber sobald ich an ihrem Tisch sitze, öffnen sie mir die Tiefen ihrer Seele. Diesen Einblick nehme ich mit, er ist der wahre Preis meiner Ware. Daher weiß ich: Nichts ist so eindeutig wie es auf den ersten Blick aussieht.

Zwischen Gut und Böse liegen Wahr und Falsch

Zimmer, Schränke, Schubladen, Bücher, Emails, Tagebücher, Fotoalben und Briefe – in diesem Haus lagert Claude Otisses Leben. Das neugierige Wühlen in seinen Sachen verrät mir seinen Charakter. Vergilbte Fotos aus Kindertagen. Otisse hat die Frankfurter Oper gesehen. Dort prangt in großen Lettern: „Dem Wahren, Schönen, Guten.“ Ja, Claude Otisse ist einer, der das Gute sucht. Oder was er dafür hält. Die ehernen Worte ließen eine Melodie erklingen, die er schon als Junge in sich trug. Und die ihn seither als immer währender Refrain begleitet.

Bei Otisse gibt es immer zwei Pole. Wahr und falsch, gut und böse. So teilt er seine Welt ein. Entsprechend glaubt Otisse, der Tod gehört zum Bösen, das Leben zum Guten. Dem des überdrüssigen Eisverkäufer hätte Otisse nicht den Weg zur Kiefer gewiesen. Otisse hätte an meiner Stelle das kunstvoll geknüpfte Seil verschwinden lassen. Otisse hätte all seine Überzeugungskraft und sein Mitgefühl daran gesetzt, den Eisverkäufer im Leben zu halten. Schließlich den Notruf der Psychiatrie gewählt, um den Eisverkäufers zu retten.

Theophil gibt den Schlussstrick zurück

Ich dagegen maße mir das Urteil nicht an, ob das Leben des Eisverkäufers gut und lebenswert ist oder nicht. Der Eisverkäufer selbst sollte der Scharfrichter seines Lebens bleiben. Also legte ich den Schlussstrick zurück in seine Hände, damit er seinen Entschluss bei freiem Willen vollstrecken kann. Der Eisverkäufer hätte sich auch fürs Weiterleben entscheiden können.

Aus Neugier, ob inzwischen jemand den toten Eisverkäufer gefunden hätte, nahm ich Otisses Auto und fuhr damit zum Wald. Dort besuchte ein zweites Mal den Ort des schönen Todes. Tatsächlich, der Eisverkäufer hing immer noch mit eingeschnürtem Hals am starken Ast der Kiefer.

Der Tote wiegt sich sanft im Wind

Seit Ostern sind schon einige Tage vergangen. Die Leiche verwest schnell bei den milden Frühlingstemperaturen. Schattenlos scheint die Sonne auf den sich sanft im Wind wiegenden Toten, der von Weitem betrachtet einer aufblasbaren Sexpuppe ähnelt, die willig ihre Arme bläht. Aber aus der Nähe zeigt sich ein Schreckensbild. Die Krähen pickten mit den spitzen Schnäbeln die Augen aus den Höhlen. Anderes Getier nagte die die Glieder des Toten an.

Die Leiche stinkt natürlich recht unangenehm. Aber der Café-Besitzer hängt so weit vom Hauptweg entfernt, dass kaum jemand vom Leichengeruch belästigt wird. Insofern ist die abgelegene Kiefer ein zweifellos gut geeignet, um einigermaßen rücksichtsvoll in den Freitod zu gehen. Auch wenn der bizarre Anblick einer hängenden Leiche die Schönheit des Pfälzer Waldes empfindlich stört. Obwohl, das ließe sich durchaus anders betrachten. Denn ist Schönheit ohne den Kontrast des Hässlichen als solche wahrnehmbar?

Ein Rucksack voller Abschiedsbriefe

Der Eisverkäufer lehnte seinen kleinen Rucksack an den Stamm der Kiefer, bevor er zum Ast hinauf kletterte, die Schlinge um seinen Hals legte und sich in den Schlussstrick stürzte. Diesen Rucksack nahm ich jetzt mit. Vielleicht gibt mir der Inhalt einen Hinweis darauf, was diesen Mann trotz Familie und beruflichem Erfolg derart unzufrieden und überdrüssig werden ließ, dass er den Tod dem Weiterleben vorzog.

In der Tat kamen neben den persönlichen Sachen drei verschlossene, versandfertig beschriftete Briefkuverts zum Vorschein, als ich den Rucksack über Otisses Schreibtisch entleerte. Ein Brief ist an die Familie adressiert, der zweite trägt den Namen einer anderen Frau in Bad Liebenzell, ein weiterer ist an einen Pastor gerichtet. Das Kuvert für die Familie enthält zwölf eng, geradlinig und gut lesbar doppelseitig von Hand beschriebene Blätter. Die anderen Briefe sind in gleicher Weise verfasst, jedoch von geringerem Umfang.

Theophil Meisterberg


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