Das Beste: Eine Frage des Glücks

Das Beste ist der Blick auf Pirmasens von Westen
Der Westen von Pirmasens.

Was heißt das Beste – Eine Frage des Glücks eigentlich? Für mich soll es rote Rosen regnen? Das ist es doch, oder? Mir steht das Beste zu. Das Beste und nichts anderes als das Beste und das immer. Bevor ich mich mit weniger zufrieden gebe, will ich lieber nichts. Und schon gar nicht suchen. Finden und Besitzen sind angesagt.

Aber die Frage nach dem Besten ist eine der hinterhältigsten und verführerischsten, die ich kenne. Denn sie führt schnell in ein tiefes Labyrinth aus Worten. Worte, an denen ich sehr bald schon irre werden könnte. Ja.

Das Beste. Ist es die Suche wert?

Im Folgenden verlöre ich mich unweigerlich hinter den dichten Hecken dieser gewaltigen Begriffe. Mit anderen Worten, die Frage nach dem Besten zwänge mich zur Klärung des Wortes Glück, und in der Folge: der Wahrheit und des Sinns. Sobald ich die Suche nach Inhalt und Bedeutung dieser Worte auch nur begänne, stieße ich auf ungeahnte Schwierigkeiten.

Daher, bevor ich meinen Verstand tatsächlich in Dantes Höllenkreisen selbst verwirrte, fasse ich lieber den Beschluss, solch feine Sonnentage wie diesen auf der alten Liege über dem Grashügel zu verbringen. Das Beste wohl für heute. Dementsprechend bequem und leise begann ich diesen Morgen. Aber auch gänzlich ohne Eile und in aller Freiheit vom Diktat der Uhr. Deren Takt ist nicht meiner.

Claude Otisse, der Schmuck des Hügels

Mitnichten ist diese Sandwölbung hier ein schöner Hügel. Keineswegs mag irgendjemand ihm irgendeine Art von äußerer Schönheit zusprechen. Ein selbst im April noch immer winterwelker Teppich aus mageren Halmen und Löwenzahn überzieht die Kuppe. Ansonsten? Kein Baum, kein Strauch, keine Vegetation und noch weniger ein Bauwerk schmücken ihn.

Stattdessen bin ich es, der diesem ausgesparten Flecken zum Schmuck gereicht. Es sind die alte Liege mit dem durchwetzen Kissen und die löchrige Decke. Aber auch daran ist nicht zu zweifeln: Dieser Hügel ist trotz all seiner Makel ein Ort, der den Geist beflügelt wie kaum ein anderer. So grün, so kahl, so einsam er auch sein mag. Vielleicht kräftigt er meinen Geist, bewegt meinen Verstand und beflügelt mein Gefühl für diese Welt, weil der Hügel nichts, keine einzige Ablenkung zu bieten hat. Aus keinem anderen Grund als diesem verbringe ich so gerne meine Frühlingstage hier oben. Das Beste – für mich liegt das hier.

Das Beste? Abgeschieden vom urbanen Dreck

Dieser abgeschiedene Hügel gewährt mir die wunderbare und lange schon ersehnte Geruhsamkeit. Weiterhin erlaubt er mir die entfernte Aussicht auf die geschäftig lebende Stadt. Trotzdem ich zwar in Sichtweite, dennoch getrennt vom urbanen Dreck und Lärm zu liegen komme, tritt gelegentlich ein störender Mensch heran.

An diesem Mittwoch näherte sich eine Frau. Während ich eben mal nach der Gottbierflasche greifen wollte, bemerkte ich die stapfende Person. Denn der Standort der Flasche rechts neben der Liege zwang mich zu jener leichten Drehung des Oberkörpers. Sodass ich die Frau unweigerlich erblicken musste, die einige Mühe hatte, durch das kniehohe Gras zu waten.

Eine Frau watet durchs Gras heran

Also hob sie abwechselnd die Schenkel, bis die Schuhe gerade noch die Halme berührten und beiseite drückten, bevor die Sohle wieder hinab tastete, um den lehmigen Boden zu berühren. Schließlich ließ mich dieser Anblick vermuten, sie trüge bestimmt ungeeignetes Schuhwerk. Jedenfalls wurde mir gewahr, sie trug ihr Äußeres wie es gewöhnliche Geldmenschen tragen. Ein blau-grauer, knielanger Rock kleidete die Frau. Unter dem grauen Blazer blitze das Weiß einer Bluse hervor. Das Beste – Eine Frage des Glücks? Für solche Menschen ist wohl eher die Berechnung das Beste.

Am Schlaf gescheitert

Ungeachtet dem Gebote der Höflichkeit stellte ich mich schlafend. Zumindest versuchte ich dies, um sie sogleich auf ihr Stören hinzuweisen. Vielleicht hätte sie ihren Besuch sogar abgebrochen, wenn es mir tatsächlich gelungen wäre, den Schlaf zu simulieren. Denn Schlafende weckt man ungern. Doch dieser Täuschungsversuch ging fehl. Nichteinmal das gespielte In-der-Sonne-Dösen wollte mir gelingen. Schließlich empfing ich die Störerin mit offenen Augen, auf meiner Liege sitzend und mit der Gottbierflasche in der Hand. Mag sein, es war das Beste so. Aber ist es wirklich so? Das Beste – Eine Frage des Glücks?

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