Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Schulden: Was tun mit dem Geldeintreiber?

Rechnungen bezahlen? Schulden begleichen? Nein. Das will Pfarrer Theophil Meisterberg nicht.
Rechnungen bezahlen? Schulden begleichen? Nein. Das will die Pirmasenser Kolonie keinesfalls.

Schulden haben die meisten Bewohnerinnen der Pirmasenser Kolonie angehäuft. Was sehr oft daran liegt, dass die Kolonistinnen außerhalb der Kolonie keine Arbeit finden. Daher fehlt ihnen oft das Einkommen. Die Folge: Rechnungen bleiben offen.

Aber es gibt nicht nur Arbeitslose und Gescheiterte. Neben diesen lebt in unseren Hütten eine ständig wachsende Zahl an Personen, die ihre Rechnungen aus ideologischen Gründen nicht bezahlen wollen. Weder ein komfortables Einkommen noch ein reiches Erbe halten diese Leute davon ab, sich in monetärer Sabotage zu üben. Beispielsweise gibt es die Gruppe mit dem viel sagenden Namen Christen gegen Geldherrschaft“.

Weiterhin geraten aufgelaufene Rechnungen und Mahnungen aus organisatorischen Gründen schnell in Vergessenheit. Weil nur das Haupthaus von Lisa Berg eine feste Adresse hat, stapelt sich dort die Post. Damit wird jegliche Buchhaltung recht bald äußerst unübersichtlich. Nach dem die persönlichen Briefe grob aussortiert sind, wandern Rechnungen und Mahnungen kurzerhand in den Holzofen. Auch daher rühren so manche Schulden.

Im Unterschied zum Haupthaus besitzen die Hütten keine amtliche Adresse. Somit gelten die Bewohnerinnen behördlich gesehen als wohnsitzlos. Was erst einmal schrecklich klingt. Aber bei den Rechnungen ergibt sich ein Vorteil. Nämlich, dass Vollstreckungen ins Leere laufen. Weil die Schuldnerinnen für Gerichte und Behörden schlicht unauffindbar sind. Daraus ergibt sich einen wirksamer Schutz vor Gerichtsvollziehern, Inkassofirmen und über motivierten Vollstreckungsbeamten.

Trotz dieser Widersetzlichkeiten kam es bisher noch nie zu ernsthaften Problemen. Aber gestern änderte sich das radikal. Weil ausgerechnet unsere überaus wohlhabende Präsidentin Lisa Berg ihre Hundesteuer nicht beglichen hat, stand plötzlich ein städtischer Vollzugsbeamter mitten in der Pirmasenser Kolonie.

Unter anderen Umständen wäre das Erscheinen dieses Mannes sicherlich friedlich verlaufen. Doch der Beamte mit dem Aktenkoffer begegnete ausgerechnet dem Scharfschützen. Der Söldner und Ex-Legionär reagierte ausgesprochen unfreundlich auf den ungebetenen Besucher. Doch jetzt die Geschehnisse der Reihe nach.

Was hat sich abgespielt?

Theophil! Schau mal, der Nachbar hat eine Pistole und treibt einen Mann vor sich her!“
Wo?“
Da drüben. Sieh doch!“
Ach ja. Stimmt. Was machen die denn? Sieht merkwürdig aus.“
  Jetzt fesselt er den Typen an den Birnbaum.“
Komm, Hunde-Tommy. Wir gehen hin und sehen nach, was los ist.“

Da steht der zwar kleinwüchsige, aber durchweg muskulöse Scharfschütze unterm Birnbaum. Der Söldner zielt auf die Stirn des hockenden Mannes. Der Hockende ist völlig wehrlos. Denn der Scharfschütze hatte ihm Hände mit Handschellen rückwärts um den Stamm geschlossen. Der Soldat tastet nach dem Abzug. Offensichtlich will unser Hüttennachbar den Hockenden auf der Stelle hinrichten. Ich spreche den Scharfschützen darauf an, um den finalen Schuss zu verhindern.

Hallo Scharfschütze! Was machst du?“
Das Arschloch dringt in unser Camp ein und schleicht um meine Hütte herum. Der ist ein Feind. Den erschieße ich jetzt!“
Komm, nimm die Waffe runter und beruhige dich, Scharfschütze. Das hier ist kein Militär-Camp in Afrika. Wir sind in Pirmasens. Hier wird niemand einfach so erschossen.“

„Ich will aber meine Pflicht erfüllen. Warum darf ich den Feind nicht abknallen?“
Du hast keinen Schießbefehl. Lass uns erst klären, wer der Typ ist und was er bei uns will. Dann können wir immer noch entscheiden, was wir mit ihm machen. Außerdem denkt ein guter Legionär strategisch, bevor er abdrückt. Und du bist einer der besten Legionäre aller Zeiten. Das wissen alle.“

Na gut, Theophil. Du hast Recht. Ich bin der Beste. Ich denke strategisch. Ich warte auf meine Befehle. Sonst hätte ich es nie auf 855 Abschüsse gebracht. Aber das Arschloch darf nur reden, wenn es gefragt wird.“
„Einverstanden, Scharfschütze. So machen wir das!“

Dialog zwischen Pfarrer Theophil Meisterberg und dem Scharfschützen.

Ein hässlicher Geruch von Angst

So sitzt der Eindringling noch immer lebendig am Birnbaum. Er trägt ein verschwitztes blaues Kurzärmelhemd und eine dunkle Jeans. Soweit wäre nichts besonderes an diesem Menschen. Bis auf eines. Wenn ich eines absolut nicht leiden kann, dann ist es der Gestank von frischer Angstkacke.

Genau deren Geruch steigt mir nun in die Nase. Widerlich. Trotzdem durchsuche ich ihn. Allerdings versuche ich dabei nicht versehentlich in die Scheiße zu langen. Zuerst finde ich einen Bund mit Auto- und Hausschlüsseln. Dann kommen eine Geldbörse sowie ein Smartphone mit kleinen Kopfhörern zum Vorschein.

Der dicke Aktenkoffer

Der Eindringling setzt doch tatsächlich zum Sprechen an. Aber das erlaube ich nicht. „Halts Maul! Du hast gehört, was ich mit dem Scharfschützen besprochen habe. Die redest nur, wenn du gefragt wirst!“ Der Eindringling gehorcht und schweigt. In seiner Geldbörse stecken ein 50-Euro-Schein, eine handvoll Münzen, die Kundenkarte einer Tankstelle, zwei Kreditkarten sowie der Personalausweis.

Manfred Kupfer heißt der Mann.“
„Hat er sonst noch etwas dabei?“
„Vor meiner Hätte hat er den Aktenkoffer stehen lassen.“

Holst du den mal her?“ 
Ja.“ 

Der Scharfschütze rennt im Laufschritt zu seiner Hütte und zurück. Er schleppt den Koffer flink herbei. Während dessen gibt Manfred Kupfer schon wieder einen Laut von sich. „Halts Maul!“ Trotz meines Gebrülls versteht Hunde-Tommy den Sinn des Wortfetzens.
Du, Theophil, der hat Durst. Soll ich ihm Wasser geben?“
„Kann schon sein, dass er durstig ist. Es ist heiß heute. Trotzdem: nein. Wir geben ihm noch nichts. Der Scharfschütze ist für seinen Gefangenen zuständig. Das muss der machen.“

Ein Furz kracht ins Gesicht

In der Außentasche des Aktenkoffers stecken ein weiterer, an einem schmalen Bändchen befestigter Ausweis. Dazu findet sich ein blauer Ordner. Und siehe da: Manfred Kupfer ist ein Vollstreckungsbeamter. Aus seinen Akten geht hervor, warum er gekommen ist. Der Schulden wegen. Unsere Präsidentin Lisa Berg hat die Steuer für ihren Hund nicht bezahlt. 96 Euro plus Gebühr will der Beamte von Lisa haben.

Was machen wir jetzt, Theophil?, fragt Hunde-Tommy bange. „Wenn wir den wieder frei lassen, kommt er mit der Polizei zurück. Und die durchwühlen dann die ganze Kolonie.“
Das stimmt. Wir dürfen ihn nicht mehr gehen lassen. Aber was machen wir statt dessen mit dem Geldeintreiber?“


Erschießen, erschießen!“ Mit diesen Worten frohlockt der Scharfschütze über Hunde-Tommy Einwand. Der Soldat vollführt einen Luftsprung vor Freude. Dann tänzelt er mit gezogener Pistole um den Gefangenen herum. Plötzlich bleibt der ehemalige Legionär vor Manfred Kupfers Gesicht stehen. Er dreht er sich um. Der Ex-Legionär streckt dem Gefesselten den Arsch ins Gesicht und furzt krachend. Der militärische Leibeswind stinkt infernalisch. Aber wir biegen uns trotzdem vor Lachen.

Sag mal, Scharfschütze, wie ist der Geldeintreiber eigentlich herein gekommen?“
Das Arschloch hat das Gartentor aus den Angeln gehoben.“
Am Hintereingang?“ 
Ja.“
Dann hat er bestimmt sein Auto auf dem Feldweg vor dem Tor abgestellt. Geh mal nachsehen, Scharfschütze!“
Ja, sofort.“

Die Kolonie hasst Helene Fischer

Unser eifriger Soldat führt meinen Befehl wie befohlen im Laufschritt aus. Die Suche nach dem Auto verschafft Hunde-Tommy und mir ein wenig Zeit. Während der gewonnenen Minuten beschäftigen wir uns mit dem Handy des Gefangenen. Wodurch wir zu einer überaus interessanten Erkenntnis gelangen.

Oh wehe ihm! Der Typ ist Helene Fischer-Fan. Hunderte ihrer Schlager sind auf seinem Handy gespeichert“, sagt Hunde-Tommy. Der Arzt ist geschockt. Wie kann einer so leben? Wie kann er Schulden eintreiben und dabei Helene Fischer hören?

Hunde-Tommys Schreck kommt nicht von ungefähr. Denn alle Kolonistinnen hassen Musik von Helene Fischer. Der abgründigste Helene Fischer-Hasser ist ausgerechnet der Scharfschütze. In der Rangliste der Hasserinnen folgt unmittelbar Präsidentin Lisa Berg auf Platz zwei.

Dagegen lieben sie Andrea Berg. Lisa, die sich den gleichen Nachnamen wie die Sängerin gab, ist so sehr in Andrea Berg verschossen, dass sie sogar deren Kleidung kopiert. Heute Morgen ist sie wieder im knappen Lederkleid zum Unterricht gegangen. Obwohl sich die Eltern andauernd über ihren Nutten-Stil beschweren. Wenn die wüssten, dass Lisa Berg auch noch Schulden hat? Aber mir ist das egal. Wenn sie nur ihre Hundesteuer bezahlt hätte. Ohne die Schulden wäre uns der Geldeintreiber erspart geblieben. Außerdem müssten wir nicht obendrein einen Helene Fischer-Fan aushalten.

Warte mal kurz, Hunde-Tommy. Ich hole schnell den Kasten Parkbräu. Es ist bald Mittag und ich habe Durst.“ Als ich mit dem Bier ankomme, sitzt der Scharfschütze bei Hunde-Tommy im Gras. Er starrt den Geldeintreiber unentwegt an. Ich setze mich dazu.

Weißt du es schon?“
Ja, ich habe das Handy auch gesehen.“
Und jetzt? Wie denkst Du?“
Ich erschieße ihn.“
Noch ist sein Schicksal nicht entschieden, Scharfschütze.“

Ein wahrer Unglücksmensch

Es gibt Menschen, deren Leben verläuft von ersten Atemzug an falsch. Die Unglücksmenschen werden in die falsche Familie geboren. Sie besuchen die falsche Schule. Sie ergreifen den falschen Beruf, heiraten die falschen Partner und geraten alltäglich zur falschen Zeit an den falschen Ort. Und wenn es ganz schlimm kommt, mögen sie auch noch die falschen Schlager.

Und dieser hier? Der so elend durstig an den Birnbaum gefesselt ist? Ja, auch er verehrt zu allem Elend die falsche Sängerin. Weil er so sehr schwitzt und penetrant nach Exkrementen stinkt, zieht er massenhaft die Fliegen an. Um den Geldeintreiber brummt es sonor wie ein V-8-Motor. Die Tiere krabbeln über die Augen und in den Mund. Er versucht das Geschmeiß mit Kopfschütteln zu vertreiben. Aber die Fliegen ignorieren das beharrlich und bleiben auf ihm. Fliegen lieben Scheiße. Das alles nur wegen der Schulden.

Manfred Kupfer?! Jetzt zu dir. Wem gehört das Auto?“
Der Wagen gehört mir.“
Und das Handy?“
„Das auch.“
Bist du geschieden?“
Ja.“
Hast du Kinder?“
Nein. Keine Kinder.“
Heute ist Freitag. Gehst du freitags nochmal ins Büro, oder fährst du nach dem Dienst direkt nach Hause?“
Direkt nach Hause.“
„Treibst du Sport?
Mountainbike.“

Der scharfsinnige Befehl des Pfarrers

Jetzt gilt es schnell und überlegt zu handeln. Sobald die Polizei nach dem Geldeintreiber sucht, werden sie das Handy orten. Deswegen kann das Ding nicht hier bleiben. Sonst haben wir bald die Behörden am Hals. Das wäre wahrlich ein großer Nachteil für die Kolonie.

„Also Scharfschütze! Das ist wird eine Sondermission. Ein absoluter Spezialeinsatz. Du ziehst jetzt einen blauen Arbeitsoverall und Handschuhe an. Auch setzt du dir eine von den blauen Plastikhauben vom Lackierer auf. Du nimmst das Handy und fährst mit seinem Auto zu seiner Wohnung. Dort stellst du das Auto ordentlich ab. Dann holst du das Mountainbike aus dem Keller und stellst es vor die Tür. Nach dem du damit fertig bist, legst Autoschlüssel, Pilotenkoffer und Smartphone auf den Wohnzimmertisch.

Aus der Wohnung nimmst du Fahrradkleidung, Helm, Schuhe, Trinkflaschen und den Ersatzschlauch mit. Wenn du dreckige Wäsche neben der Waschmaschine findest, stell sie an. Overall und Haube passen in den Biker-Rucksack. Die Fahrradsachen ziehst du an und kommst du mit dem Rad wieder zurück.“

Ja, Theophil. Spezialeinsatz. Unauffällig und schnell. Wird gemacht.“
Ach ja, bevor ich es vergesse. Die Pistole nehme ich in der Zwischenzeit an mich.“

Befehl von Pfarrer Theophil Meisterberg an den Scharfschützen.

Wird er jemals wieder Schulden eintreiben?

Der Scharfschütze marschiert los. Er erfüllt seinen Auftrag. Unterdessen werden uns der Gestank und die Fliegen uns allmählich doch zu viel. Also tragen wir unsere Bierkiste zehn Meter gegen den Wind. Mit dem Bier lassen wir es uns auf der Wiese im Schatten des Zwetschgenbaumes nieder. Hunde-Tommy und ich liegen im Gras und vertreiben uns die Zeit mit Trinken und Reden.

Der Geldeintreiber bekommt von nun an jede halbe Stunde ein großes Glas Wasser. Damit er nicht verdurstet. Auf diese Art bezahlen wir unsere Schulden. Saubermachen will ich ihn aber nicht. Den langen Schlauch anschließen ist mir bei der Hitze einfach zu viel Arbeit. Den Kärcher zu schleppen wäre mir noch unangenehmer.

Sobald der Scharfschütze seine Mission erfolgreich beendet und Lisa Berg zurück sein wird, werden wir über das Schicksal des stinkenden Vollzugsbeamten entscheiden. Er wird also mindestens bis morgen Vormittag am Birnbaum hocken müssen. Die Schulden müssen noch warten.

Bericht: Theophil Meisterberg
Foto: Theophil Meisterberg

Das könnte dich auch interessieren …