Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Das Böse lächelt unter der Dornenkrone

Das Böse in Gestalt eines mit Dornenkrone und Lendenschürze bekleideten Einsiedlers
Der vermeintlich hilfsbedürftige Einsiedler am Altschlossfels bei Eppenbrunn.

Das Böse schläft nie. Seine Dornenkrone flocht der Einsiedler selbst aus weichem Gummi. Seine Lendenschürze war zuvor ein Wollpullover. Diese Kleidungsstücke sind für ihn ein Zeichen des Leidens und der Enthaltsamkeit. Weil er die Berührung mit Wasser meidet, sich weder wäscht noch einen Arzt besucht, leidet seine Haut unter Ausschlag und Insektenstichen. Doch ist der Schmutz nicht das am meisten Verstörende an diesem Wesen. Vielmehr ist es seine Rede. Denn in dem, was er sagt, offenbart er seinen Charakter. Dieser nun ist wahrhaftig erschreckend. Das Böse eben.

Wildbret für die Obdachlosen

Gewiss mag es nicht zu den Aufgaben unserer braven Soldatinnen zählen, den bisweilen irritierenden Erscheinungen dieser Welt auf den Grund zu gehen. Schließlich schicken wir sie nach Eppenbrunn, um in den Wäldern einige Schweine  und Rehe für die Obdachlosen zu erlegen. Daneben erlegen die Soldatinnen ab und an mit etwas Jagdglück ein paar Rebhühner.

Kürzlich jedoch war Jagdgöttin Diana unseren Soldatinnen nicht wohlgesonnen. Um den Mangel auszugleichen, um nicht ohne Beute in der Pirmasenser Kolonie zu erscheinen, schlachteten sie auf dem Rückweg noch schnell ein Rind auf der Weide. Weil die Mehrheit der Kolonistinnen keine Tiere verspeist, decken wir mit der Beute der Jagd überwiegend den Fleischbedarf von Obdachlosen und Hungrigen. Elende, Obdachlose und Entflohene sind regelmäßig nach Pirmasens eingeladen, um bei einem großen Schlachtfest ihren Hunger und Durst zu stillen.

Aus Nächstenliebe und Mitleid

Auf der Jagd im Wald bei Eppenbrunn in Begleitung weiterer Schützinnen umherstreifend, glaubte der Scharfschütze in diesem Einsiedler einen mittellosen, verstoßenen und der Fürsorge bedürftigen Menschen zu erblicken. „Ich hatte Mitleid“, sagte der Scharfschütze, als er mir in der Kolonie den Einsiedler übergab.

Auch die anderen Kämpferinnen aus der Truppe des Scharfschützen drückten ihr Mitleid aus und baten darum, der armen Seele zu helfen. Doch nun zeigte sich einmal mehr, wie eine Erscheinung grundverschieden vom Wesen eines Menschen sein kann. Aber die Jägerinnen traf keine Schuld. Da sie aus gutem Willen und nach den Grundsätzen der Pirmasenser Kolonie handelten, mag niemand einen ernsten Vorwurf gegen sie erheben.

Das Gute in das Böse verkehrt

Dennoch waren die Folgen des Irrtums schrecklich. Seit dieser Mann mit der Schürze und der Dornenkrone das Gäste- und Novizinnen-Zelt unterm Birnbaum bewohnte, erlebte ich das bis dahin friedliche und freundliche Miteinander in der Pirmasenser Kolonie als zutiefst gestört. Wo Zufriedenheit war, herrschte Missgunst; wo Frieden lebte, keimte der Streit;  Genügsamkeit wich Neid; die Liebe verkehrte sich in Hass; statt Vertrauen gedieh Verrat. All das in der Kolonie erschaffene Gute war plötzlich ins Böse verkehrt.

Quälende Albträume suchen Ester heim

Sogar unsere starke Ester Berlin klagte wie viele andere Kolonistinnen ihr Leid: „Seit der Einsiedler hier ist, quälen mich diese Albträume. Darin träumt mir, ich stehe ich immer wieder auf dem selben hohen Turm und schaue hinunter. Dann überkommt mich der drängende Wunsch, über die Brüstung zu klettern und zu springen.“

Der Einsiedler spielt mit den Kindern

Der Mann mit Wollschürze und Dornenkrone antwortete auf meine Frage nach dem Zweck seiner Verkleidung: „Das sieht gut aus. Dornenkrone und Schürze passen gut zu einem Einsiedler.“ Weiter wollte er nichts darüber sagen und machte sich davon. Dann beobachtete ich ihn. Der Einsiedler näherte sich den Kindern auf dem Spielplatz. Dort lockte er freundlich lächelnd die Jungs und setzte einem nach dem anderen seine Dornenkrone auf. Gerade so, als wäre dies ein nettes Spiel, ein kurzweiliger Zeitvertreib, diese Gummi-Krone einmal auszuprobieren.

Kinder rebellieren gegen ihre Mütter

Tags darauf fanden die ersten Jungs gefallen daran. Sie bastelten sich selbst Dornenkronen aus Papier und Draht, der Krone des Einsiedlers nachempfunden. Dabei hörte ich sie Schimpfworte und Flüche schreien, die mir bisher vom Kinderspielplatz der Kolonie noch nie zu Ohren gekommen waren. Umso mehr sich ihre Mütter der Rohheit ihrer Kinder entgegenstellten, desto mehr widersetzen sich die Jungs. Einige Mädchen wollten nicht mehr zu Nachmittagsschule gehen. Statt dessen und rannten nach ins Freie, um sich mit den Jungen zu prügeln. Es dauerte nicht lange, bis die Mütter wegen des Verhaltens ihrer Kinder in Streit gerieten. „Jede ist sich selbst die Nächste“, brüllte eine Mutter eine andere an, deren Sohn soeben blutig geschlagen wurde. Das Böse hatte ein Gesicht.

Unversehens und von jetzt auf gleich brach das Böse mit seiner falschen Dornenkrone über unser Paradies herein. Auf einmal gibt es wieder Täter und Opfer, Gewinnerinnen und Verliererinnen an einem Ort, den Gott zu ihrem Friedensreich erwählte.

Bericht: Fetthans
Digitales Bild: Fetthans

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