Augen: Worin besteht ihre große Macht?

Die strengen  Augen des Fetthans Pirmasens
Die strengen Augen des Fetthans Pirmasens.

Überdies und über alles ist sein Leib die heilige Kommunion mit der Welt. Dabei sind die großen Augen die mächtigste Sprache seines von wachem Geist bewegten Gemüts. So sitze ich in diesem neuen, alten amerikanischen Abteil in dieser Bar und fürchte mich vor seinen Blicken.

Genauso wie Furcht die Poesie erstickt, bedrücken diese Augenblicke die Freiheit des Fühlens. Obwohl die Bar eben noch so fröhlich gestimmt erklang wie der Garten eines Malespine, schweigen nun die Menschen an den Tischen um mich herum.

Augen wie eine Überwachungskamera

Obgleich noch immer Münder und Zungen bewegend, erscheinen mir die Menschen plötzlich still wie Lerchen vorm Gewittersturm. Kein Wort dringt jetzt mehr an meine Ohren. Denn diese Augen gebieten meinem Gehör die taube Ruhe. Somit sitze ich hier aufrecht zwischen Bank und Tisch hinein möbliert, das Gesicht auf ihn gerichtet.

Zwischen mir und Fetthans liegt nicht mehr als der kleine Tisch und die verschweißten Speisekarten. Obzwar die unsichtbare Grenze durch die Mitte verläuft, schützt sie mich nicht. Vielmehr liefert mich diese Grenze gleichmütig dem Schauen meines Gegenübers aus. Ich wünschte in diesem Augenblick, es wäre eine Mauer zwischen uns.

Was geht hinter den Augen vor?

So unentwegt wie schonungslos starren seine Augen über diese engen Schmalheit des Abteils. Gleichsam mechanisch wie der Fokus einer Überwachungskamera beobachtet mich dieser optische Apparat. Was mag er nur denken, wie mag er urteilen über die Wahrnehmung seiner Augen?

Alldieweil tritt die junge Frau an den Tisch heran. Sie verviert ihren einstudierten Text als ein Gedicht aus Fragen. Welches Gericht wir wohl essen und welches Getränk wir trinken mögen? Wir? Gibt es noch ein Wir zwischen mir und Fetthans Pirmasens? Ich nutze den zerrissenen Augenblick zur Gedankenflucht.Vor dem Fenster stand eben noch die stolze Säule des Parmenides auf dem Bahnhofsplatz in Pirmasens. Jetzt ist sie verschwunden. Wo ist sie hin, die schöne Wahrheit?

Blonde Brötchen schmücken den Tisch

Draußen, wo sich die Säule des Parmenides zum Himmel reckte, saugen nun ebenmäßig eingegraute Betonquadrate meine Zuversicht in ihre Fugen. Die junge Frau trägt Gedecke mit Weingläsern und mit das Körbchen mit den blonden Brötchen herbei und verleiht dem Tisch seine verdiente Krone. Mit gekonntem Schwung setzt sie zwei Teller mit Hamburger vor mich und Fetthans. Die Kellnerin spricht:

Du suchst die Säule des Parmenides, Otisse? Sie ist weggeflogen. Weil die Säule die Wahrheit ist, die keine Schöpfer braucht. Denn sie zeigt sich nicht dir oder mir, sondern sie erscheint wann, wo und sie erscheinen will. Denn diese Wahrheit ist mehr wahr als alles andere jemals sein könnte. Sie mag dir gefallen. Aber du wirst lediglich deinen Teil ihrer Schönheit erkennen und dich daran erinnern. Doch die Säule des Parmenides zeigt sich jedem nach seinem Blick. Sie ist eine sich selbst servierende Wahrheit, die keinen Menschen braucht um wahr zu sein. “

Rede der Kellnerin

Aus zwei Augen werden zwölf

Während Fetthans durstig eine Flasche herben Pfalzweins leert, indes er die Krone des Tisches langsam kauend verzehrt, beobachtet Fetthans mich weiter. Verstohlen sehe ich zu ihm auf. Und zwar, weil es mir so vorkommt, als sei nicht nur ein Augenpaar auf mich gerichtet. Es könnten auch sechs Augenpaare sein. Damit schaut er von allen Seiten auf mich herab.

Theophil Meisterberg ist krank und wird bald sterben. Ein Krebsgeschwür breitet sich in seinen Gedärmen aus. Sooft er darunter Schmerzen erleidet, versucht er dem Tod ein paar Tage, Wochen und Monate abzuringen. Jedoch sagen die Ärzte, zu Weihnachten wird es soweit sein“, spricht Fetthans über die Gedecke hinweg. Indessen ruhen weiter die festen Blicke in und auf mir.

Ich ergreife das gefallene Besteck

Umso mehr, als ich den sechs Augenpaaren zur Seite ausweiche, wankt der Sitz und schwimmt der Tisch. Dazu kreisen rote und violette Muster über den dämmernigen Fenstern. Jäh verliert meine Hand den Griff. Zwar bemerke ich das sich nun anbahnende Unglück. Dennoch rutscht die Gabel mitsamt gespießtem Fleisch und dem letzten Stück des blonden Brötchens zwischen meinen Fingern hindurch, fällt klirrend auf die Tischplatte, bevor die Forke rythmisch über die steinernen Fließen zu meinen Füßen springt.

In Wut und Scham getaucht

Die junge Frau mit dem Tablett, die Patronin hinterm Tresen, die Gäste am Nachbartisch – die Bar schaut nun einig raunend auf mich. Das heißt, alle sehen jetzt den Fleck auf meinem Hemd, den Ketchup auf meiner Hose und die fett verschmierte Brille in meinem Gesicht. Eilig bücke ich mich hinab und ergreife zitternd das entglittene Besteck.

Danach kommt die junge Frau mit dem Tablett herbei und lächelt: „War alles gut? Hat es ihnen geschmeckt?“ Geduldig steht sie neben dem Tisch. „Gleich zahlen, bitte!“ Diese Worte presse ich noch aus dem Mund. Sie sind jetzt überall. Weil alle Augen auf die Flecken an mir starren, flüchte  ich wie ein gehetzes Wild aus der Bar. Fetthans folgt mir bis zu der Stelle auf dem Bahnhofsplatz, wo vorhin die Säule des Parmenides stand. Er schaut mich an, grinst, bleckt die Zähne und sagt: „Wenn du kein Journalist mehr sein willst und in die Kolonie einziehen möchtest, bist du jederzeit willkommen, Otisse. Dort wirst du die Armut als größten Reichtum lieben lernen.“

Aber die Antwort bleibe ich Fetthans schuldig. Deshalb gehe ich rasend die wenigen Schritte zum Parkplatz und presche mit dem Auto davon.

Bericht: Claude Otisse
Digitale Collage: Scharfschütze

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