Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Die schönste Welt mit Gewalt verbessern – Ankunft in Pirmasens

Die Welt ist schön. Wir wollen die Welt verbessern. Wir wandern auf dem Pfad des Fortschritts. Der führt uns vom Guten zum Besseren. Anhalten, stehenbleiben, rasten, pausieren. Nein! Dann zerfällt die Welt sofort. Ein Zurück darf es niemals geben. Das wäre der Untergang.

Warten auf den Untergang der Welt
Die Wartende. Eine Fotografie von Claude Otisse

Schön, hässlich, gut oder schlecht? Je nach Blickwinkel sieht die Welt anders aus. Ich war Moralistin. Unverrückbar fest in Maßstäben von Gerechtigkeit und Freiheit. Die Welt genügte nicht. Verdammenswert. Der dreckige Kapitalismus. Die CDU. Die Alt-Nazis im Amtsgericht! Alles Betrug, überall. Der Mörder heißt freier Markt. Zu den Waffen! Zu den Waffen! Juristin sollte ich werden. Eine Karriere, die Recht ins Gegenteil verkehrt – Gewalt, Unrecht, Barbarei. Ich beugte mich nicht. Ich beugte nicht das Recht. Unter dem Regime des Unrechts schafft die nur Gewalt der Gegenwehr neue Gerechtigkeit.

Mit den kämpfenden Aktivistinnen der Moral verschwor ich mich zu einem Wir des Guten. Alle Kräfte und jede Lebenszeit waren dem Krieg um Gerechtigkeit und Freiheit gewidmet. Es folgte eine Verschwörung gegen Mehrheiten. Gegen die Mehrheit, die sich dem bürgerlichen Dasein zugehörig wusste. Noch mehr gegen die andere Mehrheit, die nach der Bürgerlichkeit strebte. Dann war da noch eine Mehrheit. Die gefährlichste und am meisten hassenswerte aller Mehrheiten. Die Mehrheit der Mitläufer und Angepassten: Müll, Verwesung, Gestank in Menschen-Köpfen.

Bis heute fehlen mir die Worte, die meine Verachtung gegenüber dieser Mehrheit auch nur annähernd ausdrücken können. Geschosse sind besser geeignet als Worte. Sie zerfetzen die Gehirnwindungen dieser bösartigen Kreaturen, die den Menschen zwar dem Begriff der Gattung nach ähnlich sehen, doch in Wahrheit längst entmenschlicht sind.

Jede dieser Mehrheiten war ihrer Masse nach zu groß, als dass wir sie hätten wirksam ins Visier unserer Waffen nehmen können. Hätten wir die Mittel besessen, wir hätten diese Mehrheiten angegriffen. Aber bleibt die beste Moral isoliert und ohne entschiedenes Handeln, dann bewirkt sie wenig. Wenig? Das war nicht unser Maß. Wir wollten die Macht in unseren Händen, die Pistolen und Gewehre. Also schossen wir die Anführer der Bürgerlichen und sprengten die Institute der Unterdrückung. Manager, Diplomaten und Gefängnisse. Die Welt verbessern, Gerechtigkeit mit Beretta.

Treffer in die Brust, Treffer in die Stirn. Die Kugeln flogen flink und präzise. Die Sprengsätze explodierten druckvoll und wohl platziert. Wir haben das Böse getötet. Wir haben das böse Werk zerbrochen. Zeitungen und das Fernsehen waren voll von unseren Taten. Was für ein Heldenfest! Gefeiert, gejubelt und getanzt! Doch die Party im Untergrund war schnell vorbei. Dem bunten Rausch folgte die graue Ernüchterung. Unsere Taten verbesserten nichts, schufen das Gegenteil des Gewollten, zurück. Nach verzweifelten Wochen und Monaten gaben wir endlich bekannt, dass wir von nun an den Kampf einstellen werden.

Während einige unserer Aktivistinnen nach der Kapitulation keine größeren Mühen auf sich nehmen mussten, als ihre bürgerliche Tarnung weiterzuleben, waren wir bis ans Ende unserer Tage in den Untergrund verbannt. So entzündete sich abermals der Zorn der schreienden Ungerechtigkeit. Die Getarnten setzten ihre Karrieren als Geschäftsleute, als Künstlerinnen und Akademikerinnen fort. Reglos unter der Kappe der Angepassten verharrend, entkamen sie den Verfolgern und durften unbehelligt im Kreise der Familie altern.

Indessen verelendete der Untergrund. Wie die Ratten hasteten wir von Versteck zu Versteck, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Wohnung zu Wohnung. In den ersten Jahren brachten verschwiegene Mittelsleute helfende Spenden. Doch Geld, falsche Papiere, Autos und Lebensmittel wurden nach und nach weniger. Der glänzende Traum von Ruhm und Ehre als Revolutionärinnen platzte. Die Scherben knirschten bei jedem Schritt unter unseren Füßen. Jeder weitere Tritt mahlte die Splitter zu feinstem Staub, den man beiseite fegen musste. Das Gift zersprungener Träume erstickt den Atem.

Der hungernde Mangel am Nötigsten, die blanke Not und die finstere Ausweglosigkeit zwangen uns schließlich, die Lebensweise verkommener Krimineller anzunehmen. Wir, die moralisch Erhabenen, überfielen nunmehr Banken, Geldtransporte und Kaufhäuser. Aber auch diese Geldquellen versiegten mit der Zeit. Die Tresore waren besser gesichert, das Bargeld wurde wegen der Kreditkarten weniger. Letztlich raubten wir Tankstellen, kleinere Einkaufsmärkte und Bäckereien aus, um vom gestohlenen Geld billige Nahrung in den verhassten Läden der Ausbeuter zu erwerben.

Welch eine Bitternis! Was für eine zermürbende Monotonie der alltäglichen Sorge ums pure Überleben doch ist! Wir erfuhren das Elend des Proletariats am eigenen Leib. Der sich jeden Tag aufs Neue wiederholende Stress verschwor sich mit dem fortschreitenden Alter gegen unsere Gesundheit. Die Gelenke schmerzten wegen der Arthritis. Die Magengeschwüre fraßen die Schleimhaut. Die Sehkraft unserer Augen ließ nach und die Nieren schwollen in heißer Entzündung. Verletzungen wurden lediglich notdürftig versorgt. Gelegentlich nahmen wir kostenlos für Obdachlose arbeitende Ärztinnen in Anspruch. Selbstverständlich besaß niemand von uns eine Krankenversicherungskarte.

Eine neue Welt namens Pirmasens

Von bösen Neubauten und Altbausanierungen aus den Großstädten vertrieben, verschlug es uns irgendwann nach Pirmasens. Von einem der wenigen verbliebenen Unterstützer haben wir erfahren, dass es in dieser abgelegenen Kleinstadt hinter dem großen Wald noch immer viele leer stehende Wohnungen und Abrisshäuser geben soll. Weil wir nichts mehr zu verlieren hatten, beschlossen wir den raschen Umzug. Ich stahl ein älteres Wohnmobil. Damit machten wir uns von der niederländischen Grenze aus auf den langen und gefährlichen Weg durch Belgien und Frankreich nach Süden.

Es war ein nebelkalter Tag im November, als wir in der neuen Welt namens Pirmasens ankamen. Noch bevor es hell wurde, schleppten wir unsere Rucksäcke in die Räume eines unbewohnten Hauses im Stadtteil Horeb, das man uns empfohlen hatte. Damit das Wohnmobil mit den holländischen Kennzeichen nicht auffällt und am Ende eine Polizeikontrolle provoziert, fuhr ein Aktivist damit sofort nach der Ankunft in einen Wald auf der französischen Seite der Staatsgrenze. Dort zündete er die Karre an. Das Feuer beseitigte unsere Spuren sicher und zuverlässig. Es dauerte einen ganzen Tag, bis er auf einem gestohlenen Fahrrad völlig durch gefroren und nass in unserer neuen Bleibe ankam.

Die Heizung war schon lange außer Betrieb. Das Öl war aufgebraucht, der Tank bis zur Neige leer. Zwar verschonte uns der November vor argem Frost und zeigte sich einstweilen gnädig und milde. Dennoch setzten uns die Kühle und die Feuchte in den Räumen unseres neuen Quartiers mächtig zu. In einem Keller entdeckte ich einen Haufen vergammelter, übereinander geworfener Matratzen, die nach Rattenpisse stanken und mit eingetrockneten, menschlichen Exkrementen übersät waren. Dennoch bescherte uns der Sperrmüll eine kleine Freude.

Denn die Matratzen isolierten die Schlafsäcke vom kalten Boden. Der schmutzige und sicher infektiöse Sperrmüll bewahrte die Körperwärme vor dem kalten Gebälk des faulen Gebäudes, nahm uns etwas die Angst vor dem Erfrieren. Nach all der Anstrengung kam endlich der erlösende Schlaf. Wie immer lag die Beretta schussbereit neben mir. Eine zweiläufige Kleinwaffe verbarg ich im Schaft meiner Stiefel. Jede Aktivistin hielt ihre Waffen bereit.

Abschied vom Genossen Karl

Ich nenne ihn Karl. Karl war der fünfte Genosse des harten Kerns. Karl war derjenige, das das Wohnmobil verbrannt hatte und nach der erfolgreichen Aktion durchnässt und unterkühlt ins Lager zurückkehrte. Karl erholte sich nicht. Am ersten Tag des Dezember fanden wir unseren Genossen tot in seinem Schlafsack. Im Schein der Taschenlampe lag er starr, blau und schwarz gefleckt. Die Augen und der Mund weit offen zu einem letzten, stummen Siegesschrei. An was er gestorben ist? Vielleicht hatte ihn die Aktion mit dem Wohnmobil die letzte Lebenskraft geraubt. Karls Kampf um eine gerechte Welt war in Pirmasens zu Ende gegangen.

Nunmehr lag der Kampf um eine gerechte Welt nur noch in den Händen von uns vieren. Wir waren der Rest des harten Kerns. Die uns bedrohende Kälte half uns nun doch. Der Winter bremste Karls Leichenfäule und verschaffte uns die Zeit, ein geeignetes Grab für den Genossen zu finden. Eine überaus schwierige Aufgabe, deren Lösung zwingend mit dem Verlassen des Lagers verbunden war. Zwar gab es die Idee, wir könnten Karl aufschneiden und die Eingeweide entfernen. Damit wäre der schlimmste Gestank gebannt. Der Rest des toten Körpers könnte in einem der alten Schränke unterm Dach gelagert werden, damit er austrocknet.

Jedoch verwarfen wir diesen Plan, er dauerte zu lange. Viel Zeit hatten wir nicht. Denn unsere ohnehin kleinen Vorräte an Dosenfisch und Obstkonserven näherten sich dem Ende. Da Karl nun nicht mehr konsumierte, würde uns die Nahrung zwar ein paar Tage länger genügen als gedacht. Ein Vorteil von Karls jähem Tod. Dennoch war eines sicher: Wir mussten das Lager bald verlassen, um neue Lebensmittel und Geld zu beschaffen. Karl durfte nicht länger in seinem Schlafsack neben uns liegen. Karl musste verschwinden. Er wäre eine zu deutliche Spur in dem Fall, dass jemand eindringen würde. Ein Obdachloser vielleicht, die die Behörden ruft.

Wir fassen einen einstimmigen Beschluss. Diskussionen gab es keine. In den folgenden Nächten verließen wir einzeln das Haus, um die nähere Umgebung zu erkunden. Die erste Suche galt dem Grab. Ich wurde unerwartet fündig. Nur wenige hundert Meter von unserem Lager entfernt entdeckte ich eine Baustelle. Unweit eines Parks, dessen Schilder ihn als Alten Friedhof auswiesen, hatten die Stadtwerke eine Grube ausgehoben. Darüber spannte zum Schutz der Arbeiter vor dem Regen ein Zelt. Ich lief so schnell ich konnte durch die menschenleere Straße zurück. Dann berichtete ich entkräftet und erschöpft, aber gleichwohl begeistert der Gruppe von meinem Fund.

Ich nenne den Genossen Heiner. Heiner hatte ein Ingenieursstudium abgeschlossen, bevor er den Kampf an der Seite der Gerechten aufnahm. Somit befasste er sich mit allem, was irgendwie mit Technik zu tun hatte. Heiner reparierte und pflegte die Waffen, entwickelte virtuos gestaltete Zünder für die verschiedensten Bomben. Heiner zapfte Strom und Wasserleitungen an und bereitete Sabotageakte vor. Heiner, der kluge Kopf im Umgang mit den Dingen, begab sich noch in derselben Nacht zur Baugrube.

Er befand sie als geeignet, um den Genossen Karl darin zu entsorgen. Die Stromleitung war fertig repariert, die Grube wartete nur noch auf den bereits aufgeschütteten Bausand und die Asphaltschicht obenauf. Allerdings musste Karl kleiner werden. Wir mussten ihn schrumpfen, passend machen, damit wir ihn unter die Stromleitung pressen konnten. Heiner zögerte nicht. Er brach das Bein eines alten Tisches im Keller ab. Dann öffnete er den Reißverschluss von Karls Schlafsack und zerrte den abgemagerten Mann heraus. Die Leiche schlurfte über den Holzboden.

Heiner zerschlug mit krachenden Knüppelhieben die Arme und Beine des erstarrten Aktivisten. Die Kochen barsten, die mürbe Haut riss unter der Gewalt der Hiebe. Gebrochen kostete es kaum noch Mühe, den Toten auf das Maß seines Rumpfes zu falten. Mit alten Stricken von einer Vorhangstange banden wir Karl zu einem kompakten Paket. Den Knüppel presste Heiner an Karls Wirbelsäule entlang unter den Stricken durch und schuf einen überaus praktischen Tragegriff.

Noch immer lag unsere neue Welt namens Pirmasens in ruhigem Schlaf. Ungestört trugen wir das Paket zur Baustelle neben dem Alten Friedhof. Tatsächlich, Heiner behielt Recht. Karl passte sich wunderbar unter der schwarz ummantelten Elektroleitung ein. Ich war stolz, eine gute Lösung für unsere Gruppe gefunden zu haben. Eine vergessene Schaufel half uns, die Leitung und Karl vollständig mit Bausand zu bedecken. Mit den Füßen stampften wir das Grab so fest wie es uns möglich war. Auch darin hatte sich Heiner nicht geirrt. Als ich in der folgenden Nacht die Baustelle aufsuchte, war die Grube bereits mit Asphalt verschlossen. Das Tiefbauunternehmen hatte nichts vom toten Karl bemerkt und die Grube aufgefüllt. Die Welt ist schön.

Weinende Frau vor dem Rathaus in Pirmasens
Die Weinende. Eine Fotomontage von Claude Otisse

Bald schon baute ich meine bürgerliche Maskerade wieder auf. Bei einem Ausgang traf ich in der Fußgängerzone einen getarnten Aktivisten. Durch die Schaufenster seines Geschäftes erkannte ich ihn. Ein feiner Mann mit grauen Schläfen im weißen Kittel war aus ihm geworden. Seine Bürgerlichkeit sah täuschend echt aus. Niemand wäre auf die Idee gekommen, dass dieser hier an tödlichen Aktionen beteiligt war. Wie dem auch sei. Damit wir die Welt verbessern können, verschaffte er uns eine bessere Wohnung in der Hauptstraße. Nach und nach wurde mir die anarchische Welt der Kleinstadt sympathisch.

An die Allgegenwart verelendeter Menschen gewöhnte ich mich genauso wie an die patrouillierenden Schwadrone der Repression und die Vorherrschaft der bürgerlichen Inkompetenz. Die Beretta stets schussbereit in der Handtasche tragend, kehrte der Traum von der Gerechtigkeit schon bald zurück. Wie nahe an der Wirklichkeit dieser Traum gewesen ist und auf welch ungeahnte Weise er in Erfüllung gehen sollte, zeigte sich im September des Jahres 2018 in der Gestalt eines kauzigen Mannes, der unter einer Blumeninsel nach Ratten suchte. Pfarrer Theophil Meisterberg nahm mich mit in die Welt der Auserwählten Gottes. Eine neue Welt, in der mein neues Leben begann.

Svetlana Nextgeneration, Ex-Terroristin,
Angehörige der Geistlichen Hütte, Pirmasens

Das könnte dich auch interessieren …