Die Flut: Sie wächst, Sie steigt, Sie schwillt

Die Flut ist da. Hochwasser im Hornbach an der deutsch-französischen Grenze.
Die Flut ist da. Pfarrer Theophil Meisterberg will ihr mit Philosophie entkommen.

Die Flut ist da. Sie wächst, sie steigt, sie schwillt. Sie presst das Wasser durch die Deiche. Sie drückt es über die Mauern. Sie schiebt es unter die Fundamente. Folglich geht dieses Land jetzt unter. Das Land versinkt im brauen Schlamm. Denn die Plage quillt von unten.

Finster und schmierig steigt sie aus dem Erdreich empor. Worin sie sich versteckt, bis der Regen sie erweckt. Dort unten lauert die Flut seit Ewigkeiten. Dort wartet geduldig auf den großen Tag. Dann ist sie da. Die Stunde, die Minute, die Sekunde der Flut ist jetzt geschlagen. Wer jetzt nach Weisheit sucht, schaut zu spät in seine Bücher. Denn die Flut reißt jedes Wissen mit sich in den Untergrund. Selbst das mutigste Herz muss nun verzagen.

Theophil Meisterberg ist einer jener späten Leser. die es im vollen Angesicht der Flut noch wagen, die Philosophen zu befragen. Zu befragen danach, ob sie einen Rat wissen, was denn gegen die Flut zu tun sei. Ich finde ihn sitzend einem antiken Helden gleich, mit starrem Blick vor seinem Monitor.

Goethe hätte Kurznachrichten schreiben müssen

Der Computer zeigt ein Bild von einem Buch. Es ist ein altes Werk, das augenblicklich errechnet wird. Zeile für Zeile reihen sich die Buchstaben und Wörter unter den mächtigen Überschriften. „Erfahrung und Urteil“ steht auf dem Schirm geschrieben. Von Edmund Husserl.

Die Neugier zwingt mir Fragen in den Mund: „Wer war dieser Philosoph? Was ist die Erfahrung? Gibt es in der Flut eine Logik?“ Theophil wendet sich nicht. Sein Blick bleibt unverwunden am Bildschirm kleben. An der Unterlippe glimmt eine Zigarette. Doch deren Glut erlischt im Speichelfluss.

Theophil atmet schwer und hört mich kaum. So verschlossen sind seine Sinne in den Schluchten der alten Wörter. Alle fein aufgereiht im rot-grün-blauen Leuchtdiodenschein. Was hätte Goethe wohl gesagt, hätte er dieses Gerät je erblickt? Frau von Stein müsste Kurznachrichten empfangen haben und auf Goethes ewig verlogene Briefe verzichten.

Den Enten ist die Flut ein bloßes Quaken

Ach, die Flut, das böse Wasser! Die Flut ist nur, weil wir ein Wort für sie haben. Hätten wir kein Wort für sie, gäbe es die Flut für uns nicht“, flüstert Theophil. Aber er spricht zum Computer, nicht zu mir. Er sucht in der Maschine nach dem Urgrund allen Denkens und Empfindens. Aus der Tiefe der Menschenseele steigt das Wissen über die Flut empor, mit der Erfahrung fügt sich die Angst in unseren Geist. Gefühl ist Wissen, Wissen ist Gefühl. Eines existiert nicht ohne das andere. Alldieweil er mich dieses vernehmen lässt, starrt er weiter in dieses bunte Licht. Ab und an, so ist es doch zu hören, klickt die Maus. Dann schlägt sein Finger auf die Taste.

Sieh die Enten an! Sie schwimmen auf der reißenden Flut genauso gut wie auf dem stillen Gartenteich. Denn, so wird es klar, Enten haben kein Wort für Flut. Diese Vögel nennen alles Quak-Quak“, fährt er fort. Indessen fällt die nasse Zigarette auf den großen Eichentisch. Obschon sie ein Stück ihres Papiers auf Theophils spröder Lippe hinterlässt, beachtet er die Kippe nicht. Freilich ist Edmund Husserl ein großer Denker gewesen. Seine Bücher untersuchen die Erscheinungen des menschlichen Geistes. Theophil tut es ihm nach.

Aber was nützt uns Menschen das Wissen um die Flut? Wenn wir doch in ihr ertrinken?“ Er ignoriert diese Frage. Abermals und wie so oft in diesen nassen Tagen. Er fällt in seine Starre. Er hört die Frage nicht. Dagegen antwortet Theophil auf ein anderes Problem.

Husserl ertrinkt in der Flut der Mausklicks

Ein Buch ist ein Quader aus Pappe und Papier. Die gedruckten Buchstaben sind fest gesetzt. Durchweg sind sie meiner Macht entzogen. Wiewohl dem so ist, kann ich sie nehmen wie sie sind. Oder die Zeilen nicht lesen. Das Buch verbrennen wie ein Stück Holz im Ofen.

Das Bild des Buches auf dem Schirm hingegen unterwirft den Text meinem Wollen und meiner Macht. Verschieben, Hinzufügen, Weglassen und Kopieren – alles was mein Geist sich ausdenkt darf ich damit tun. Allenthalben ist die Kopie das Original und das Original ist die Kopie. Das Diktat des geschriebenen Textes ist nicht mehr.

„Und der Autor?“
„Husserl ertrinkt in der Flut der Mausklicks.“
„Jetzt ist er wirklich tot und vergessen!“
„Weil niemand seinen Namen zu kennen braucht?“

Pfarrer Theophil Meisterberg

Nun rücke ich näher an die errechneten Zeilen heran. Sogleich verschwimmt das Geschriebene in Theophils Phantasie. „Ich erschaffe eine neue Welt“, lächelt er und sieht zum Tabakbeutel. „Soll ich dir eine drehen?“, frage ich. Theophil bittet darum. Nach der Zigarette reiche ich noch ein Gottbier. „Zisch!“

Ehe ihn der göttliche Zaubertrunk dem Urgrund der menschlichen Seele näher bringt und die trockene Kehle erfrischt, fügt Theophil neue Sätze ein. „Erst wenn wir in der Flut ertrinken, sind wir von der Angst befreit“, spricht er nun laut und fest. „Denn die Flut kommt aus dem Untergrund des Seins. Sie bringt die Erlösung und den Tod zugleich.”

Bericht und Fotos: Fetthans Pirmasens

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