Klezmer: Die Freiheit hört laut

Klezmer erklingt unter der Streckbrücke in Pirmasens. Ein Zeichen der Freiheit.
Die Streckbrücke in Pirmasens wurde 1927 erbaut.

Die Freiheit hört Jazz und Klezmer. Wir genießen in unserer Stadt der tausend Augenblicke das schöne Stracciatella-Eis. Wir trinken zur Erfrischung Sahlep und Ayran. Wir gehen über diese Brücke und wieder zurück. Weil es so wunderbar ist. Ja, über diese Brücke gehen wir. Weil es so wunderbar ist, an ein Ufer zu gelangen und dann zum anderen. So bunte, so viele und so lebendige Schritte.

Klezmer, Musik der Freiheit

„Je te parlerai souvent!“ Ich sage es laut, deutlich und sehr oft. Selbstverständlich. Genauso wie es die Sängerin auf unserer Bühne singt. Jetzt intoniert sie ein Gedicht von Rainer Maria Rilke. In Französisch. Schlagzeug, Posaune, Klarinette und Kontrabass. Kurzum. So fröhlich und heiter schmeckt, leuchtet und klingt Pirmasens in der Kolonie. Anders gesagt: Ein Garten Eden, dessen Engel uns Menschen die Erotik der Unendlichkeit schenken.

 Stadt der tausend Augenblicke

„Hör mal, Fetthans. Nachher kommt noch eine Band aus Krakau. Dann spielen sie Klezmer. Freust du dich schon?“

Aber ja. Natürlich freue ich mich, mein lieber Theophil. Seit Ester nach Pirmasens gekommen ist, liegt auch die Stadt der tausend Augenblicke in Israel. Denn sie ist die Königin des Gottesreiches auf Erden. Wenn es keine Grenzen mehr gibt, ist Israel überall und überall ist Frieden. Ich liebe Ester. Auch wenn sie meine Liebe verschmäht. Dennoch trösten mich die tausend Augenblicke dieser Stadt. Jeder Anblick wird zum neuen Takt, zum neuen Ton. Ja, zur neuen Harmonie der Freiheit.

Todesfuge: Wir alle sind Sulamith

„Aber du weißt schon, dass die Brücke zur Zeit der Weimarer Republik erbaut wurde?“

Aber klar ist mir das bewusst. 1927 – sechs Jahre bevor die Deutschen zum ersten Mal die Vogelschiss-Partei wählten. Sowie heute auch ließen sich die Pirmasenser mit versprochenen Arbeitsplätzen kaufen. Aber Wohlstand und Heiterkeit herrschten bald die Vergewaltiger, Räuber und Mörder über die Stadt. Somit faulte der Vogelschiss immer weiter. Umso mehr, als das deutsche Volk Todesfabriken im Osten baute. Deswegen kenne ich die Todesfuge von Paul Celan auswendig. „Dein goldenes Haar Margarete; dein aschenes Haar Sulamith“.

Eine Quadriga des Verbrechens

„Die Nationalisten benannten unsere Brücke nach Paul Hindenburg, Fetthans?“

Bismarck – Hindenburg – Hitler – Vogelschiss-Partei. Auf jeden Fall kenne ich die Namen der deutschen Verbrecher-Quadriga. Aber das war einmal. Heute gehört die Brücke uns, der Pirmasenser Kolonie. Unsere Klezmer-Klänge widerhallen von ihren Pfeilern. Auch wenn der Vogelschiss wieder in den Parlamenten sitzt, werden diese Verbrecher bald nicht mehr lachen.

Vogelschiss-Partei will Klezmer verbrennen

Wir gehen hinüber über die Brücke und wieder zurück. Dort und hier, hin und her. Nirgends werden sie uns das Gottbier verbieten, nirgends werden die Verbrecher den Klezmer und den Jazz zerschlagen. Auf keinem Platz werden sie Pink Floyd verbrennen und niemals die Theater stürmen. Denn Sulamith ist aus der Asche auferstanden.

„Damit hast du Recht, Fetthans. Sulamith lebt. Wir alle sind Sulamith.“

Deswegen bleiben unsere Straßen und Plätze sicher. Wir erlauben ihnen kein zweites Mal als Vergewaltiger, Kinderschänder und Mörder über diese Brücke zu ziehen. Ehe der Vogelschiss zur erneut zur Macht gelangt und der Tod hinter jeder Ecke dieser Stadt lauert, erschaffen wir das Gottesreich im Hier und Jetzt.

Die Brücke im Objektiv des Scharfschützen

„Schau’ mal, Fetthans. Der Scharfschütze hat ein tolles Bild von der Streckbrücke.“

Nun, es stimmt wirklich. Im Gegensatz dazu sind meine digitalen Bilder gerade mal Hobbyistenfotos. Jedenfalls sollte ich künftig nur noch kitschige Sonnenuntergänge knipsen. Anders ausgedrückt – der Scharfschütze ist wahrhaftig ein Meister seines Fachs. Er versteht virtuos mit der Optik umzugehen. Er und seine Kämpferinnen treffen immer ihr Ziel. Da geht kein Schuss vorbei.

„Aber ja, unbedingt. Der Scharfschütze erschoss als Legionär und Söldner über 800 Gegner.“

Hierdurch lernte der Scharfschütze fotografieren. Weil er die meisten Gegner vor dem Schuss aus großer Distanz länger durchs Zielfernrohr beobachtete. Das hat er nicht nur Theophil Meisterberg erzählt. Sondern auch mir.

Bericht: Fetthans
Digitales Bild: Scharfschütze

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