Die Gleitsichtbrille der alternden Terroristin

Ex-Terroristin Svetlana zeigt auf dem Schlossplatz in Pirmasens ihre neue Gleitsichtbrille
Ex-RAF-Terroristin Svetlana trägt stolz ihre neue Gleitsichtbrille in Pirmasens.

Wie kommt diese alternde RAF-Terroristin an eine neue Gleitsichtbrille? Obwohl sie im Untergrund lebt? Zuerst erschien mir diese Frage geradezu unbedeutend und nebensächlich. Jedenfalls nicht wichtig genug, sie während Svetlanas Vorstellungsgespräch zu stellen. Aber dann drängte mich mein Bauchgefühl dazu, doch nach der neuen Brille zu fragen. Die Antwort fiel überraschend aus.

Die in Pirmasens untergetauchte Terroristin Svetlana erschien pünktlich zu ihrem zweiten Vorstellungsgespräch in der Geistlichen Hütte. Sie nahm diesmal widerspruchslos den für Bewerberinnen reservierten Stuhl und setzte sich. Auch sonst hielt sie die Regeln ein, wie sie vor dem Bewerbungsausschuss der Kolonie gelten. Was auch angemessen ist. Immerhin steht für die Bewerberin die wichtigste Entscheidung ihres Lebens bevor. Nämlich die, ob sie in die Gemeinschaft der Auserwählten Gottes aufgenommen wird oder nicht.

Sofort betrachtete ich das neue Brillengestell unter ihrer roten Perücke. Eine Gleitsichtbrille offenbar. Leicht zu erkennen an der unterschiedlichen Brechung des Lichts innerhalb eines Glases. Eine Brille in der Machart wie sie für ältere Leute gefertigt wird. Denn über 50 macht sich die fortschreitende Altersweitsichtigkeit sehr deutlich bemerkbar.

Fortan vermochte ich meinen Blick kaum mehr von dem technischen Wunderwerk zu lösen. Schließlich erlauben diese Gläser ihrer Besitzerin ein sehendes Altern. Allerdings ist gutes Sehen ein feines Privileg der Wohlhabenden. Weil ganz schlicht der hohe Preis all jene ausschließt oder in die Zinsknechtschaft presst, denen das nötige Geld fehlt. So ergeht es den Leuten aus dem terroristischen Untergrund.

Die Gleitsichtbrille für die Schauspielerin

Der Besitz dieser Brille bringt daher etliche Zwangsläufigkeiten mit sich. Svetlana muss einen Brillenladen aufgesucht haben. Dort hat sie vermutlich mehrere Sehtests hinter sich gebracht. Dann hat sie die Fassung ausgesucht und die hochwertigen Gläser bestellt. All dies muss sie unter falschem Namen durchgezogen haben. Also hat sie ihre falsche Identität mittlerweile perfekt einstudiert. Bestimmt besitzt diese Frau sogar mehrere falsche Identitäten. Exakt diese Illegalität entreißt den Brillenkauf dem Alltäglichen. Damit wird dieser Vorgang für mich interessant.

Svetlana schauspielert jedenfalls sehr überzeugend. Sie ist so stark beherrscht, dass selbst der tiefste Blick in ihre Augen nichts von diesem Betrug verrät. Trotzdem bleibt die Illegalität für Leute wie Svetlana immer ein großes Risiko. Denn die biometrischen Daten aller lebenden Menschen werden regelmäßig gescannt und nach Verdächtigen durchsiebt. Schließlich machen Repression und Kontrolle die Machtbasis der Wirtschaftsdiktatur aus.

Ein verräterischer Optiker und ein williger Richter

Neulich erst haben sie einen Bekannten verhaftet, der seine Steuern hinterzogen haben soll. Während er beim Optiker seine neue Gleitsichtbrille abholte, lauerten die Greifer schon vor dem Laden. Weil er sich wehrte und randalierte, sitzt er jetzt in der Psychiatrie. Das erzählte mir seine Ehefrau. Obgleich sich der Mann bei bester körperlicher und geistiger Gesundheit wähnte, fand sich schnell ein williger Amtsrichter. Der unterschrieb sofort die Zwangseinweisung.

Dem Vernehmen nach arbeiten viele Juristen mit Großkonzernen und den Vollzugsbehörden der Republik eng zusammen. Ich jedenfalls vermute, sie haben den Bekannten aus dem Verkehr gezogen, weil er im Internet eine Petition gegen die Aufrüstung und die Autoindustrie unterschrieben hatte. Den Widerstand gegen Vollstreckungsbeamte, haben sie gegen ihn als Fremdgefährdung ausgelegt. Auf Grund dessen haben seine Zwangseinweisung beschlossen. Ferner geht aus dem Fall des verschwundenen Bekannten noch etwas hervor. Dr Optiker muss die Daten des mutmaßlichen Steuerhinterziehers unmittelbar per Computer an die Behörde weitergegeben haben.

Reise an die Kanalküste

Alldieweil musste meine Frage nach der Brille noch etwas warten. Denn Fetthans Pirmasens, Theophil Meisterberg und Ester Berlin behielten als Bevollmächtigte den Vortritt. Trotzdem ich am Wochenende eigens nach Nordfrankreich fuhr, um für Svetlanas Genossen dringende benötigte Medizin zu besorgen, blieb ich als Nicht-Koloniebewohner nur Gast bei diesem Bewerberinnen-Gespräch.

Aber das war in gewisser Weise auch gut so. Denn während ich am Wochenende vor dem Gespräch mit Svetlana im Auto nach Nordfrankreich fuhr, bereiteten sich die Kolonistinnen zu Hause auf das Gespräch vor. In einem Hangar im Hafen von Boulogne traf ich zwei ehemalige Mitkämpfer unserer Untergrund-Genossin. Dort lud ich die Medikamente in den Kofferraum. Dann machte ich mich ohne weiteren Aufenthalt auf den Rückweg.

Svetlana offenbart ihre Neigungen

Dazu befragte Ester die Bewerberin Svetlana. Deren Antworten fielen wie verlangt aus. Nein, Svetlana wollte sich keinem Mann unterordnen. Weder lebenspraktisch noch sexuell. Dessen ungeachtet, dass sie sonst eine überaus gute Schauspielerin ist, konnte Svetlana diese Einstellung durchaus glaubhaft machen. Auch wenn das sexuelle Selbstverständnis noch keinen Freifahrtschein ins Reich Gottes bedeutet, ist die Abschaffung der Geschlechtertrennung und des Privateigentums zwei der wenigen Kriterien, die Gott selbst für die Auserwählten vorgegeben hat.

Wenn ich mal devote Bedürfnisse verspüre, lebe ich die mit einer Freundin aus. Niemals werde ich mich einem Mann unterordnen”, versicherte die Terroristin. Demnach passt sie hervorragend zu uns. Zudem offenbarte Svetlana ohne vorherige Nachfrage noch ein paar kleinere, weniger bedeutende Vorlieben. Demnach empfinde sie nackte Fahrten im Aufzug als höchst erotisch. Dabei genieße sie schier unendliche, multiple Orgasmen, während sie ekstatisch masturbierte. Aber das war für mich eher nebensächlich. Mich interessierte ja, wie sie zu der neuen Gleitsichtbrille kam.

MG-Holger macht jetzt auf Optiker

Gegen Ende des Bewerberinnengespräches durfte ich endlich meine Frage nach der Gleitsichtbrille vorbringen. Die Antwort kam überraschend prompt und offen. „Die Gleitsichtbrille habe ich von MG-Holger. Der war in den 80ern einer von uns. Sein Spitzname stammt von seiner Vorliebe, alle Aufgaben des antikapitalistischen Kampfes mit der Kalaschnikow zu lösen. Allerdings verließ MG-Holger Anfang der 90er Jahre unsere Gruppe. Nachdem ich ihn zufällig in Pirmasens wiedergetroffen hatte, erzählte er mir von seinem Schicksal. Er betreibt ein Optikergeschäft in der Pirmasenser Innenstadt. Die Brille hat er auf den Namen seiner Ehefrau bestellt und mir geschenkt.“

Die Bibel und der kommende Aufstand

Wegen Svetlanas Offenheit sowie ihrer geistigen und sexuellen Orientierung dürfte dürfte ihre Aufnahme in die Pirmasenser Kolonie nun nahezu sicher sein. Zumal Ester in die oberste Schublade des Pirmasens-Schränkchens griff und zwei Büchlein herausholte. Zum Abschied überreichte Ester der lächelnden Svetlana die Bibel und das Bändchen des unsichtbaren Komitees, „Der kommende Aufstand“. Zum Ende des Gesprächs verabschiedeten sich die beiden Frauen mit einer herzlichen Umarmung.

Bericht: Claude Otisse
Digitales Bild: Claude Otisse

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