Untergrund: Ratten in der Blumeninsel

Aus dem Untergrund: Svetlana sitzt im Minirock, hohen Stiefeln und einer bunten Bluse auf einer Blumeninsel in Pirmasens.

Ein Leben im Untergrund? Wie fühlt sich das wohl an? Selbst für mich, der ich Jahrzehnte weit außerhalb der blaugrünen Gesellschaft verbrachte, ist der Untergrund schwer vorstellbar. Denn ich war einfach bloß obdachlos und arbeitete als Hausierer und Tippgeber für die Einbrecher. Dabei blieb ich aber immer der, der ich bin.

Diese Frau jedoch verbirgt ihre wahre Person hinter vielen Namen und Masken. Weil die Greifer nach ihr suchen. Folglich will sie niemals und nirgends die Frau sein, die sie wirklich ist. Weiß sie überhaupt noch, wer sie einmal war? Welche Farbe ihr Haar hatte, bevor sie nur noch billige Perücken trug? Mir stellte sie sich am Mittwoch in Pirmasens als Svetlana vor.

Wann ist ein Tag die Erinnerung wert?

Außer dass die Sonne an diesem Mittwoch im September noch immer die gleichen Schweißperlen und den gleichen Durst wie im Juli in der Stadt verteilte, hatte dieser Tag in seinen Genen nichts besonderes zu bieten. Sowie die meisten Tage zählte ich auch diesen Mittwoch nicht zu den einer Erinnerung würdigen. Er würde schon morgen mit seinen Geschwistern zu dem Satz verschmelzen: Irgendwann im September. Obwohl – wenn ein Tag, ein Datum, eine Zeit wegen seiner Ereignisse zur Erinnerung wird, geschieht dies immer im Blick zurück.

Sodass ich ich diesen Mittwoch in seinen frühen Stunden als einen Tag wie alle anderen auf mich zukommen ließ. Wie einen Alltag eben. Am Nachmittag, suchte ich nach getaner Seelsorge-Arbeit etwas Zerstreuung. Denn es ist ja weithin bekannt, dass menschliche Gehirne die Lösung schwierige Aufgaben bevorzugt dann finden, wenn die Synapsen nicht mehr angestrengt nachdenken. Also griff ich die Fotokamera und machte mich auf den Weg in die Fußgängerzone. Dort wollte ich Bilder für eine neue Kollage aufnehmen.

Putzige Tierchen aus der Kanalisation

Mein Thema: Tiere im Untergrund der Stadt. Weil mir zu Ohren kam, dass es in Pirmasens eine große Rattenplage gibt, hoffte ich an diesem Mittwochnachmittag wenigstens eines der putzigen Tierchen vor die Linse zu bekommen. Jedoch wollte ich zu diesem Zweck mit Rücksicht auf meine Gesundheit nicht ohne Begleitung in die Kanalisation hinab steigen. Trotzdem mir dort die gewünschten Motive sicher wären. Daher suchte ich einen jener Orte auf, wo die Ratten gewöhnlich aus dem Untergrund hervor huschen und ihr Futter an der Oberfläche finden. Darum begab ich mich in die Nähe einer Imbiss-Bäckerei in der Fußgängerzone.

Die Fußgängerzone ist ein reich gedeckter Tisch

Dort, wo halb gekaute Schinkenbrötchen, Salamipizzen und Schokohörnchen mitsamt durchweichter Tüte und klebriger Alufolie auf dem Granitpflaster ein reichhaltiges Buffet bereiten. Alldieweil die Biologie den kleinen Nagern eine gewisse Intelligenz attestiert, vermutete ich die Ratten auf neue Leckereien wartend unter einer der schneckenförmigen Blumeninseln aus Sandstein-Imitat aus rot gefärbtem Beton.

Also legte ich mich mit der Kamera bäuchlings auf die sonnenwarmen Pflastersteine. Nunmehr kriechend, mich wie ein Wurm auf dem Boden seitwärts windend, schaute ich durch den Sucher der Kamera unter die Blumeninsel. Doch dort war keine einzige Ratte zu sehen. Aber die Tiere mussten da gewesen sein. Denn neben allerlei Abfall lagen unzählige kleine Kothäufchen verteilt. Zudem strömte unter dem roten Beton der typische muffig-scharfe Geruch von Nager-Urin hervor. Vielleicht warteten die Untergrundbewohner unter der anderen Insel vor der Bäckerei? So vermutete ich jedenfalls. Deshalb wollte dorthin.

Vor einer Unbekannten auf dem Bauch kriechend

Aber noch bevor ich mich aufrichten konnte, setzte sich eine hochgewachsene Frau mit rotem Haar auf die Bank an der Blumeninsel. Sie sprach mich an: „Haben sie gefunden, was sie suchen, Pfarrer Theophil Meisterberg?“ Erstaunt und erschrocken sah ich zu der Fremden auf. Woher weiß die meinen Namen? Durchaus hätte sie eine der getarnten Greiferinnen sein können. Umso mehr als diese Agentinnen der Wirtschaftsdiktatur gegen die geringste Regung des Widerstands ausgesendet werden. Davor fürchtete ich mich nun.

Wie sollte ich nun gegen die Greiferin wehren? Ich lag auf dem Bauch, während sie machtvoll über mir saß. Also blieb mir kaum eine Chance zur Gegenwehr. Die Vision, vollgepumpt mit Psychopharmaka und festgebunden in einem vergitterten Zimmer der Psychiatrie zu verenden, erschien plötzlich bedrohlich greifbar an diesem alltäglich geglaubten Mittwochnachmittag.

Seit mehr als drei Jahrzehnten im Untergrund

Offenbar hatte die Frau meine Furcht sofort bemerkt. Denn sie sagte grinsend: „Sie müssen keine Angst haben, Theophil. Ich tu’ ihnen nichts!“ Dann stand sie auf und reichte mir die Hand, um mir aus der hilflosen Lage zu helfen. „Ich bin Svetlana. Ich sage es gleich offen: Seit mehr als 30 Jahren lege ich zusammen mit einigen Genossinnen im Untergrund. Weil ich mit ihnen und den Pirmasenser Kolonistinnen reden möchte, habe ich sie angesprochen. Können wir ein Stück gemeinsam gehen?“

Mir war der Schreck so sehr in die Glieder gefahren, dass mein rasender Herzschlag bis in die Schläfen zu spüren war. Dennoch nahm ich meinen Mut zusammen. So bat ich Svetlana, doch noch einmal auf der Blumeninsel Platz zu nehmen. Für ein Foto. Sie lachte und erfüllte ohne meine Bitte ohne Zögern. Scheinbar war sich die Frau, die angab, Svetlana zu heißen, ihrer Tarnung absolut sicher. Danach schlenderte sie an meiner Seite durch den Strecktalpark ins Blümelstal bis zum Tor der Kolonie. Ich musste sie nicht führen. Sie wusste bereits, wo wir entlang gehen würden.

Bericht: Theophil Meisterberg
Digitales Bild: Theophil Meisterberg

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