Faust: Dominik schlägt Leonie ins Gesicht

Bei einem Volksfest in der Innenstadt schlägt Dominik der Leonie mit der Faust ins Gesicht.
Der Frühling wird mit einer ökologischen Schrottsammlung gefeiert.

Für Dominik war es ein Befreiungsschlag. All sein Überdruss, seine Frustration, die Beklemmungen verdichteten sich in diesem einen Augenblick, in diesem Hieb. Denn als die Zeit in dieses kleine, winzige Stück zerbrach, traf Dominiks Faust mit aller Kraft Nase, Lippen und Kiefer der jungen Frau.

Unter der wütenden Wucht barst das jugendlich geschminkte Gesicht zuerst in feine Risse. Dann stoben die Schneidezähne wie Blütenstaub im Frühlingswind auseinander. Nur Millisekunden später riss mit hölzernem Knacken das Jochbein, dessen Splitter wir Geschosse ins Gehirn eindrangen.

Leonie schreit nicht

Doch Leonie schrie nicht. Sie wehrte sich nicht. Ihre Hand erhob sich nicht. Keiner ihrer Reflexe bremste Dominiks fliegende Faust. Wiewohl die junge Frau den dumpfen Schmerz empfand, ihn empfunden haben muss. Als ihr Blut das weiße Blouson benetzte, stürzte Leonie mit leisem Seufzen zur Seite hin. Ihr Kopf ließ den Stahl eines rostigen Auspufftopfes dumpf erklingen. Trotzdem nun schrille Rufe zweier Namen über den Schlossplatz hallten, vernahm ich dennoch diesen zarten Glockenklang.

Dominik feiert die Faust

Leonie, Leonie!“ Laut und verzweifelt diesen Namen eilte eine Frau herbei.
„Dominik, Dominik!“ Der junge Mann mit der Faust entfernte indessen sich im Laufschritt, während einer seiner Begleiter nach ihm rief. Dominik drehte sich kurz um. Er lächelte seinen Begleiter fröhlich an. Dabei reckte er die erhobene Faust in den festlich blauen Himmel dieses Märznachmittags.

Applaus für die fleißigen Schrottsammler

Während ein Pritschenwagen der Schrottsammler das Alte Rathaus erreichte, intonierte der Spielmannszug über dem rauschenden Brunnen einen Marsch. Aber die Menge applaudierte den fleißigen Männern und Frauen vom Schrott. Schließlich verdienen die freiwilligen Arbeiter der Faust jede Anerkennung, jedes nur erdenkliche Lob. Denn ihre mutige Faust packt jedes Jahr furchtlos und entschlossen an, was blaugrüne Familien hinter Büschen, in finsteren Winkeln, in Parks und an Waldrändern verstecken. Zum Frühling soll Pirmasens sauber sein. Sowie die Fastenzeit die Seelen reinigt, befreit sich die Stadt von ihren alten Lasten.

Ein Frühlingsmarsch und alter Schrott

Vornehm und klar erklang die Querflöte über hohem Schrott. Zuvor hatte der stolze Kapellmeister den Höhepunkt des musikalischen Sonntagsmenüs schneidig angesagt. „Der Winter ist vergangen – Ein fantasievoller Marsch.“ Dann gab der Uniformierte mit dem Stab in seiner starken Faust das Zeichen. Die Musikanten folgten ihm willig mit sorgsam einstudiertem Spiel. Indessen stapelte der Kran den rostigen Berg aus Altmetall zur Mahnung an die ökologische Moral vor dem Alten Rathaus bis über die erste Etage.

Leonie liegt blutend im Dreck

Dann störten der Rettungswagen und der Notarzt die festliche Stimmung des Sonntagsnachmittags. Polizisten geboten dem Spielmannszug Einhalt. Den hießen die Schrottsammler, beiseite zu treten. Die feiernde Menschenmenge bemerkt nicht, wei schlimmes um die junge Frau stand. Leonie blutete aus Ohren und Nase. Schnell vermengten sich ihr Blut und der wirbelnde Staub des Abfallberges zu einem klebrig-öligen Schleim auf Kleidung der jungen Frau. Langsam schwanden ihre Sinne.

Nach der Ankunft der Rettung schloss die Bäckereiverkäuferin den großen Klappladen ihres Verkaufsstands. Der Panzer schnappte krachend ins Schloss wie das Tor einer alten Blechgarage. Davor hatten Dominik und Leonie in der Reihe hintereinander noch wenigen Minuten friedlich um Brezeln angestanden. Nun jedoch herrscht schweigen. Die nach Leonies Sturz herbeigeeilte Frau sah stumm dem Rettungswagen hinterher.

Mit Kamera und Zorn

Ich begab mich hinter den Schrottberg. Von den Stufen des Alten Rathauses schoss ich ein digitales Foto von dieser Szene.  Inzwischen war es später Nachmittag an diesem Festsonntag in Pirmasens geworden. Während Leonie ins Krankenhaus gebracht wurde, kehrte ich in die Kolonie zurück.

Das Fest vor dem Alten Rathaus ging weiter. Sogleich hob der Spielmannszug an zu einem neuen Lied. Alsbald ich zur Hälfte die Kaffeetreppe hinabgestiegen war, trug der laue Frühlingswind aufs Neue die den Klang der Querflöte heran. „Der Winter ist vergangen.“ Ich ballte die Faust und dachte darüber nach, wo sich der Schläger Dominik wohl vor dem Zugriff der Polizei und Leonies Angehörigen verborgen halten wird.

Bericht: Fetthans
Foto: Fetthans

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