Dieser Christ stinkt wie eine Biotonne im August

Der Christ und Theologe Theophil Meisterberg raucht seine Zigaretten nass.
Eine nasse Zigarette von Theophil Meisterberg.

So saß er also an meinem Küchentisch. Der Christ und Theologe Theophil Meisterberg war extrem dreckig. Er stank enorm und war seit Monaten unrasiert. Eine selbst gedrehte Zigarette nach der anderen rauchend. Dabei steckte er die filterlosen Kippen soweit in den Mund, dass das Papier den Speichel aufnahm.

Die Spucke durchnässte die Zigarette einen Finger breit. Die Tabakfasern schienen hindurch. Einzelne von ihnen blieben auf den Lippen kleben. Die gelbliche Sud sickerte von den schwarzen Nägel herab an Zeige- und Mittelfinger entlang bis zur Handfläche. Daher stammten die dunkel orangenen Spuren.

Wie eine faulende Biotonne

Doch wer ihn nicht hätte rauchen sehen, könnte auch vermutet haben, die Fingerflecken stammten von altem, eingetrocknetem Blut. Oder schlicht von Scheiße. Theophils Geruch. Der Mann stank wie eine Biotonne voller gebrauchter Damenbinden und alter Fleischreste im August. Seine geruchliche Visitenkarte kündete von Fliegenlarven und eitriger Verwesung. Dazu gesellte sich der brenzlige Rauch des schwarzen Tabaks aus Holland.

Theophil erschien als ein Sitzriese von Gestalt. Er stach mit seinen hellen, blauen Augen in den Nebel, den er in meine Küche gepafft hatte. Dabei schaute er mich an. Er sagte: „Ich bin Christ und Theologe.“

Ein Bekenntnis, das so wenig zu ihm passen wollte, wie die körperliche Verkommenheit zu seinem klaren Blick. Worte, die ich nicht fassen konnte. Die in ihrem ersten Niederschlag Zweifel, Unglauben und sogar Hohn weckten.

Ein Christ stinkt nicht

So sieht kein Christ aus. So riecht kein Christ. Kein Gläubiger ist derart zerfallen, zerlumpt und verzehrt wie Theophil. Aber der Mann an meinem Küchentisch sieht aus wie der erwachsene Fötus einer gescheiterten Abtreibung, den der bloße Zufall vor der Ausschabung gerettet hat. Dieser Theophil sieht aus wie eine böse Karikatur des menschlichen Seins geradezu.

Kein Christ bricht in fremde Häuser ein. Christen stehlen keine Bücher aus fremden Kellern. Auch wenn er in meiner philosophischen Sammlung nach Paul Thagard suchte. So wie Theophil handelt kein Christ. So benimmt sich kein Mensch mit Überzeugung und Glauben.

Er kennt keine Körperhygiene

Ein Landstreicher wie dieser hier in meiner Küche beschäftigt sich doch eher mit der Frage, wie er das Geld für die nächste Mahlzeit beschafft. Deswegen geht er stehlen. Das war sein Interesse in meinem Keller. Nicht aber die Frage nach der Funktion des menschlichen Geistes. Theophil Meisterberg kannte nicht einmal die einfachsten Regeln der Körperhygiene. Weshalb er ja auch stank wie die Biotonne im August.

Wer sich Christ nennt, kennt das Doppelgebot der Liebe. „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ So heißt es doch. Wer dieses annimmt, verharrt nicht im Dreck. Der verrät weder sich noch seine Mitmenschen an die Lieblosigkeit. Wer dieses Gebot in seine Seele aufnimmt, wendet sich den Menschen zu. Der verzieht sich nicht in die einsamen Höhlen wie Pfarrer Theophil Meisterberg.

Theophil muss demnach jeden hassen, so wie er sich selbst hasst. Aber, das musste ich ihm doch zu Gute halten: Er zeigte sein Inneres für alle und jeden sichtbar. Wenigstens schien er in der Weise nicht zu lügen. Denn er hätte sich auch gewaschen und im grauen Anzug bei mir zeigen können.

So wie es viele tun, die ihr Dasein in allen Fasern hassen. Die in lieblosen Beziehungen leben. Aber die äußerlich sauber im hellen Schein gebügelter Hemden schlaue Reden führen. Die ihrer Anpassung wegen den Atem ihrer Seele mit den Leichengasen der Lüge blähen.

Es war Theophils Ehrlichkeit, die er mir zu Füßen legte. Die mich in all ihrer Macht verführte, ihn zum Kaffee zu bitten. Als er in meinen Büchern wühlend den tödlichen Schlag meiner Axt fürchtete, meinte ich den letzten Funken seiner Lebensliebe zu sehen. Das war der Grund, warum ich den Hieb bremste und den Arm habe sinken lassen.

Den Thagard konnte er dort unten im Keller nicht finden. Was er dort gesehen hat, waren die Spuren meines eigenen Christseins in Bananenkisten. Gänzlich in die Tiefe meiner Erinnerung gesunken unter der starken Pappe. Theophil kann nicht Christ sein? War sein Bekenntnis wirklich eine Lüge? Das werde ich erforschen.

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