Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Donner: Die Genesung eines Machos

Blitz und Donner wirbeln die Pirmasenser Kolonie durcheinander. Hinter der Wäschehütte fotografiert Fetthans Pirmasens Thorsten, den Macho in Frauenkleidern.
Nach dem Gewitter: Der frühere Macho Thorsten.

Anfangs klang es noch von fern. Ein Wetterleuchten am Horizont grummelte vor sich hin. Doch dann kam das Gewitter näher. Sehr bald schon grollte der Donner unaufhörlich durch die Nacht. Wie die Wellen in der Brandung vereinte sich jeder Schlag sich mit dem nächsten zu einer elektrischen Urgewalt. So mächtig und schwer, dass die Stadt unter ihr erzitterte.

Die Stunde des Donners

Wild und ungelenk erschienen im elektrisch-blauen Licht die panischen Bewegungen der Menschen auf den Straßen. Ehe sie Schutz in den Häusern fanden, rannten sie angstvoll zum Himmel schauend davon. Einige, deren Körperkräfte zum schnellen Lauf nicht reichten, stellten sich in Hauseingängen und Garagen unter.

Auch über den Hütten der Kolonie wüteten Blitz und Donner. Der Sturm riss einen Ast von einem der Obstbäume. Das schwere Holz flog wie ein Papierfetzen davon, landete schließlich auf dem Dach unserer Waschhütte. Dort, wo sonst die Männer mit kräftigen Händen die Wäsche der Kolonistinnen besorgten, war nach dem Donner alles mit Blättern, Zweigen und kleineren Holzbruchstücken übersät.

Nachdem der Donner endlich weiter gezogen war und nur noch leise zu uns drang, verließ ich die Geistliche Hütte. Ich kletterte über eine silberne Leiter aufs Dach der Waschhütte. Denn hätten Blitz, Donner und Regensturm ein Loch ins Dach gerissen, müsste die Reparatur ganz schnell geschehen. Damit kein Regen ins Innere gelangt, der Waschmaschinen und trocknende Kleidung zerstört.

Den zerbrochenen Ast räumte ich mühelos beiseite. Ohne größeren Kraftaufwand gelang es mir wider erwarten, das Holz vom Pflaumenbaum über die Dachkante in den Hof zu befördern. Dort folgte das Gehölz der Schwerkraft. Der Ast stürzte krachend in den Hof hinter der Waschhütte. Dort erblickte ich Thorsten. Er, der obwohl von schmächtiger Gestalt schon immer gerne ein starker Mann gewesen wäre, der schnelle Autos und Fußball-Kameradschaft liebte, saß in einem alten Campingsessel neben einem Wäscheständer. So wie sich mir die Szene vom Dach aus präsentierte, war Thorsten gerade dabei, eine größere Zahl von Socken abzuhängen und ineinander zu stülpen.

Thorsten trägt Frauenkleidung

Zwar schaute Thorsten zu mir hinauf und legte die Socken nebenhin als er mich erblickte. Aber er tat es schweigend. Nicht einmal meinen Gruß erwiderte er. Vielleicht schämte er sich wegen der Spaghetti-Träger und dem kurzen Röckchen. Oder wegen des Sklavenhalsbandes, das er als Symbol seiner männlichen Demut trug. Als ich zur Kamera griff, fuchtelte er jedoch mit den Armen. Genauso, als wollte er einen Schwarm Wespen verscheuchen.

Offensichtlich wollte er nicht fotografiert werden. Obwohl Thorsten körperlich noch immer als ein Mann gelten konnte, legte er doch großen Wert auf sein Äußeres. Und ja, der Mann in Frauenkleidern sah etwas zerzaust und unaufgeräumt aus. Außerdem schien er nicht geschminkt zu sein. Doch trotz seiner Ablehnung drückte ich den Auslöser. Es war mir ein Vergnügen, diesen Mann einmal so gestylt abzulichten.

Als ich dieses Bild Ester und Fetthans zeigte, reagierten beide nicht sonderlich erstaunt. Selbst Ester, die erst vor wenigen Wochen aus Berlin in die Pirmasenser Kolonie gekommen ist, wusste offenbar von der Feminisierung Thorstens. Dennoch betrachteten beide das Foto mit lächelnder Heiterkeit.

Eine Psychiaterin heilt den Autofahrer von seinem Fetisch

Was für ein süßes Bild von Thorsten. Gerade gestern habe ich mit seiner Frau gesprochen, mit der Susanne. Ihr geht es viel besser, seit sich ihr Mann umgezogen hat“, sagte Ester. Zudem ergänzte Fetthans: „Das hast du nicht mitbekommen. Weil wir so viel zu tun hatten. Weil du vier Wochen in der Verbannung warst.“

Dann klärten mich die beiden über die Geschehnisse um Thorsten auf. Nachdem ihn seine Ehefrau wegen ehelicher Untreue und anhaltendem Machismo an Weihnachten aus der gemeinsamen Hütte werfen wollte, konsultierte unsere Vorsitzende Lisa Berg die Karlsruher Psychiaterin Dr. Grüneisen. Die Ärztin besuchte ohne mein Wissen wiederholt die Pirmasenser Kolonie. Dr. Grüneisen an Thorsten ausgiebige Untersuchungen vor.

Sodann diagnostizierte Dr. Grüneisen eine schwere antisoziale Persönlichkeitsstörung. Zwar leitete Vorsitzende Lisa Berg die E-Mail mit dem ausführlichen Befund an Fetthans weiter. Aber der wiederum hat vergessen, die E-Mail an mich zu schicken. Auch sonst hat er mir nichts davon gesagt. „Ich habe es vergessen“, so seine Entschuldigung. Er vergisst vieles, unser Fetthans Pirmasens.

Sechszylinder, Sportauspuff und Machtgefühle

Nichtsdestoweniger lieferte Dr. Grüneisen eine wissenschaftliche Diagnose. Soweit ich Dr. Grüneisens Fachsprache übersetzen kann, machte sie Thorstens antisoziale Persönlichkeitsstörung an seiner Liebe zum Fetisch Auto fest. Thorsten besaß bis Weihnachten einen Audi A6 mit Sechszylinde