Terror: Wo der Supermarkt implodiert

Terror: Der Supermarkt ist Ziel eines Anschlags
Ein Supermarkt der Purgamentum-Kette ist Ziel des Terrors.

So beginnt also die letzte Adventsaktion in der Karriere der alternden Terroristin Svetlana. Zuvor musste sie sich noch irgendwo von irgendwem eine passende Kreditkarte besorgen. Weil Kundinnen in den neuen Purgamentum-Märkten nur noch bargeldlos bezahlen können. Klimpergeld und Euroscheine besitzen im „Pu“ allenfalls noch musealen Wert. Ganz hinten in einer schmalen Ecke neben der H-Milch haben sie Fotos in hölzernen Rahmen an die Wand gehängt. Dort kann man bestaunen, wie es früher einmal war.

Mit nostalgischen Gefühlen sehe ich die Bilder von Kassen aller Jahrzehnte. Von heute bis zurück in die Zeit der Kolonialwarenläden. Aber was sicher von niemand vermisst und von allen gerne der Verdrängung anheim gestellt werden dürfte, ist das endlos nervende Plööp-Konzert der Fließbandkassen. Eine andere Art Terror. Hingegen dürfte durchaus hie und da die Frage auftauchen, was denn die Kassiererinnen jetzt beruflich machen. Schließlich sind diese ebenfalls dem Silikonchip gewichen. Wo sind die alle geblieben? Wer sackt jetzt die Löhne ein? Der blaue Anzug auf dem Wachturm vielleicht? Jedenfalls wurde der Einkauf nicht billiger.

Ware spricht mit Kreditkarte über Kontostand

Die Rechnung wird automatisch per Kreditkarte vor dem Verlassen des Purgamentum-Marktes beglichen. Dafür haben die schlauen Köpfe aus der Robotik eine Bezahlzone ersonnen, wo sich Karte und Ware über Summe und Kontostand austauschen. Also zahlen die Käuferinnen im Vorbeigehen. Logischerweise bedeutet dies, dass Kundinnen ohne gedeckte Kreditkarte kein Zutritt zu den Purgamentum-Märkten gewährt werden kann.

Dementsprechend bleibt die seit Mitte der 1980er Jahre im Untergrund lebende Terroristin Svetlana vom modernen Einkauf bei „Pu“ ausgeschlossen. Jedoch musste sie nicht lange über die Lösung des Problems nachsinnen. Mir nichts, dir nichts eins-zwei-drei erklärte sich Ester Berlin im Handumdrehen bereit, ihre Kreditkarte an Svetlana auszuleihen. Somit steht der Vorbereitung der terroristischen Adventsaktion nichts mehr im Wege.

Svetlana wollte mich mitnehmen! Mich!

Natürlich bin ich stolz. Svetlana hat mich gefragt, ob ich sie auf ihrer Tour begleiten möchte. Nicht Theophil Meisterberg, nicht Claude Otisse nicht Ester Berlin und Lukas, der Prophet. Sondern mich, den an seiner Paranoia gescheiterten Augenarzt. Ich trage diesen Spottnamen übriges ohne dass ich jemals einen Hund besessen hätte. Pfarrer Theophil Meisterberg vermutet, es könnte mit meinem Gehorsam gegenüber den sieben leeren Kefir-Dosen zusammenhängen. Er meinte, ich würde auch sonst hündisch benehmen. Wie dem auch sei, hier möchte ich anmerken, dass mein richtiger Name Dr. Thomas Busenberger lautet.

Aber die Kefir-Dosen besitzen nun mal alle Kraft und Weisheit und sind das Sprachrohr Gottes. Die Kefir-Dosen sprachen sich für meine Mission mit Svetlana aus. Otisse, der wegen Ester eifersüchtig auf Svetlana ist, warnte mich: „Die braucht bestimmt nur deshalb einen Mann, weil ein reisendes Paar weniger auffällig ist als eine einzelne Frau.“ Aber was weiß der schon, dieser bürgerliche, dekadente Schreiberling?

„Wir müssen die fünf besten „Pu“-Filialen finden“, sagte Svetlana, während wir am frühen Morgen mit dem VW-Bus die Stadtgrenze von Pirmasens in Richtung Osten überquerten. Zwischen Frankfurt, Mannheim und Aschaffenburg sollen die auszuwählenden „Pu“-Ziele der Bomben- und Giftanschläge liegen. So fuhren wir Kilometer um Kilometer auf kurvigen Landstraßen durch den Odenwald.

Terror: Adventsaktion mit Gift und Sprengstoff

Aber auch in Frankfurt, Offenbach, Mannheim und Darmstadt nahmen wir „Pu“-Märkte unter Svetlanas Lupe. Wobei wir immer Kleinigkeiten wie Sandwichs und Dosengetränke einkauften. Das Bezahlen mit Esters Kreditkarte klappe Problemlos. Jeweils davor und danach notierte Svetlana in pingeliger, kleine Schrift für mich unlesbare Sätze und Zeichen in ein Notizbuch. Wahrscheinlich sollten die Notizen der späteren Auswahl der „Pu“-Filialen bei der Konferenz mit ihren Genossen Pirmasens dienen.

Wir haben an diesem einen Tag zig Einkaufsmärkte abgeklappert. Obwohl ich neben Svetlana auf dem Beifahrersitz saß, konnte ich mich am Abend nach unserer Rückkehr in die Pirmasenser Kolonie nicht mehr an alle Orte erinnern. Außerdem heißen nicht alle Märkte „Pu“ und tragen daher nicht das rote P. Zwar gehören die Läden ohne ,P’ auch zu Purgamentum. Aber betrieben werden die Geschäfte von anderen Firmen. So erklärte mir Svetlana den Zusammenhang. Vielleicht rühren meine Gedächtnislücken daher.

Die Ex-Terroristin zwingt zum Schweigen

Eben habe ich die Beine auf dem Bett in der Geistlichen Hütte ausgestreckt, kommt Svetlana schon wieder an. Diesmal mit finster drohender Miene. „Du nennst niemand die Orte“, befiehlt Svetlana. Überdies fasst sie rückwärts an ihren Hosenbund. Dort hatte sie den Tag über eine Pistole verborgen. „Wenn du doch redest, nehme und verbrenne ich deine sieben Kefir-Dosen im Holzofen!“

Unter dieser Drohung werde lieber über die genauen Orte unserer Inspektionsreise schweigen. Umso weniger als Svetlana und ihre Genossen nach dem Warum ihrer Taten fragen, desto sicherer bin ich mir über das Gewicht ihrer Drohung. Mit anderen Worten: Weil es ihr nur noch ums Töten an sich geht, zögert diese Frau keine Sekunde, einem Schwächeren die geistige Lebensgrundlage zu nehmen. Sie könnte auch die Waffe ziehen.

Bericht: Hunde-Tommy
Foto: Hunde-Tommy

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