Eifersucht: Die Begierde weckt den Teufel

Eifersucht weckt den Teufel. Ester Berlin staunt über den Leibhaftigen.
Die Eifersucht weckt den Teufel.

War es seine unterdrückte Eifersucht? Weil mir die scharfen Blicke des Fetthans Pirmasens zunächst doch einen hohes Maß an Angst einflößten? Jedenfalls traf mich seine Frage mitten ins Herz. Ob ich mich an den Gedanken gewöhnen könnte, in die Pirmasenser Kolonie einzuziehen? Ist mein Leben, mein kompletter Text, nun doch gescheitert?

Wenngleich seine Eifersucht womöglich die stocksteife Haltung des sonst überaus beweglichen und sportlichen Menschen ausgelöst haben mag, gelang es ihm jedoch, seine schlechten Gefühle in echter Selbstverleugnung im Zaum zu halten. Nicht ein aggressives, ironisches und gar beleidigendes Wort kam über seine Lippen. Alles ihn so machtvoll Bewegende legte er in Ausdruck und Kraft seiner Augenblicke.

Die Langeweile eines Kaffeetrinkers

Genauso wie ich seine Eifersucht wegen meines Glücks über die Spaziergänge mit Ester spürte, wurde ich zugleich seines herablassenden Mitleides gewahr, das meiner Abstinenz bei Wein und Gottbier galt. Außer Tabak in Form selbstgedrehter Zigaretten, den Freuden eines elektrischen Dampfgeräts sowie der anregenden Wirkung des Kaffees verzichte ich schon seit Jahrzehnten auf berauschende Substanzen.

.Entsprechend könnte auch mein kleines, bürgerliches Leben voller Pflichten und Regelmäßigkeiten ein noch weit größeres Mitleid erregt haben. All diese Gefühle legte er an diesem Bahnhofsabend in seine Blicke. Entsprechend trafen mich seine Augen. Ertappt, bis ins Innerste offenbart und durchleuchtet fand ich mich vor seinem Angesicht. Gewendet wie man einen Pullover nach der Wäsche umdreht, bevor er auf der Leine aus tropft Dem Gesehen werden in dieser Art folgen leicht die Sentiments der Scham, die eng begleitet vom Gefühl der Schuld zur Wut geleiten.

Jedoch die allergrößte Scham fügten mir mit seinen Blicke zu, als er meine fortdauernde und allzeit schmerzende Unzufriedenheit erkannte. Warum sonst sollte er mir den Umzug in die Pirmasenser Kolonie nahelegen?

Laue Tage vor dem freien Fall

Fetthans hat sie wohl gesehen. Die Lauheit meiner Tage, deren Stunden sich  wie allmählich abkühlendes Badewasser anfühlen. Ein entstaubter Benjamini im Büroflur.  Eine Reihe gebleichter Buchrücken im Ikea-Regal. Dazu passend fand Fetthans die dröge Einsamkeit in großen Lettern auf meiner Stirn geschrieben. Sowie die Verzweiflung des schalen Alterns im Takt der Uhr. In dessen stummen Fortschritt kreisen meine Gedanken immer öfter um den leichten und freien Fall.

Mehr als Eifersucht

Wennschon mir die Zukunft noch weniger Leben verspricht als es Vergangenheit und Gegenwart taten, warum soll ich dann noch in dieser Welt verharren? Dieser Umzug wäre eine Flucht aus dem schimmeligen Einerlei der Großstadt in die lyrische Prosa von Pirmasens. Das heißt, es mochte nicht alleine die Eifersucht als Urgrund Fetthans’ strenger Blicke in Frage kommen.

Dabei ist mir sehr wohl bewusst wie endlos stark dieser Fetthans diese junge Ester lieben muss. Weil seine Verehrung soweit reicht, dass er sie lieber an der Seite eines anderen im Sonnenuntergang promenieren weiß, bevor sie in seiner Begleitung unglücklich wäre. Ja, meiner Neugier folgend fragte ich Ester bei einem der gemeinsamen Spaziergänge über den Hügeln rund um die Stadt. Warum hat sie Fetthans so hart zurückgewiesen?

Sie mag seine strengen Augen nicht

Seine Augen sind zu streng. Diese Blicke halte ich nicht länger als ein paar Minuten aus“, antwortete Ester. „Fetthans ist ein Weiser und ein Sehender. Er weiß die Dinge des Lebens vom Ende her. Doch er ist viel zu weit weg von mir, als dass ich ihn lieben könnte. Manchmal fürchte ich, der Fetthans ist allwissend. Aber Allwissen bedeutet für mich den Tod. Doch ich will frei leben und lieben. Deswegen bin ich nach Pirmasens in die Kolonie gekommen.“

Bericht: Claude Otisse
Digitales Bild: Claude Otisse

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