Eine frohe Witwe aus dem Schwarzwald

Das Lied vom Tod für den Mann aus dem Schwarzwald.
Das Lied vom Tod für den Mann aus dem Schwarzwald.

Otisse: Theophil, bist du endlich fertig mit dem Eisverkäufer aus dem Schwarzwald?

Theophil: Nicht so ganz.

Otisse: Ich auch nicht. Der Mann aus dem Schwarzwald war richtig durchgeknallt. Kein normaler Mensch läuft mit Stoffhose, Pullunder und Galgenstrick im Wald herum und will wissen, wo er sich am schönsten aufhängen kann.

Theophil: Nein, normal und gesund war der Typ aus dem Schwarzwald keineswegs.

Die Witwe lacht über den Tod ihres Mannes

Otisse: Was sagt denn die Witwe?

Theophil: Der Ariane geht es gut. Sie hat schon lange einen anderen. Als ich ihr erklärte, wo ihr Ehemann hängt, hat sie gelacht: „Typisch Stefan! Klar, dass der sich den schönsten Ast im Pfälzer Wald aussucht!“

Otisse: Die ist offenbar froh, den Typen aus dem Schwarzwald endlich los zu sein. Und wie geht es den Töchtern?

Theophil: Die Älteste soll in Bad Wildbad einen Wohnungspuff aufgemacht haben. Aber das sind nur Gerüchte. Man spricht über die Familie in Bad Liebenzell. Der ganze Schwarzwald zerreißt sich das hässliche Maul.

Otisse: Gierig wie die Leute dort sind, könnte das gut passen, oder? Hat der Eisverkäufer den Waffenhandel seines Vaters weiter betrieben?

Theophil: Ich weiß nicht, was sie im Schwarzwald mit den Waffen gemacht haben. Vielleicht haben sie das Zeug einfach in den Rhein geschmissen. Stefan fürchtete ja schon sehr um sein Ansehen, weil sein Vater in der Waffenfabrik arbeitete. Der illegale Waffenhandel durfte auf gar keinen Fall an die Öffentlichkeit kommen.

Der Eisverkäufer hörte Stimmen

Otisse: Ja, die verborgenen Abgründe. Ist der Eisverkäufer letztlich daran zugrunde gegangen?

Theophil: Nein, das alleine war es bestimmt nicht. Würde sich jeder erhängen, der Dreck am Stecken hat, wäre der Schwarzwald bald ausgestorben. Beim Eisverkäufer war das etwas anderes. Der litt seit seiner Jugend an einer Psychose und er wusste, dass er verrückt war, seit er zum ersten Mal die Stimmen hörte.

Otisse: Warum glaubte der Eisverkäufer eigentlich, dass der Ahorn ihn mit den Zweigen schlägt und warum hörte er die Stimme Isabell?

Theophil: Die Stimmen kamen kurz vor dem Abitur. Danach sollte er bei den Eltern ausziehen, um zu studieren oder eine Ausbildung zu machen. Aber der Eisverkäufer fürchtete sich extrem vor dem Leben ohne die Eltern. Er würde sie enttäuschen und könnte dafür mit Verachtung bestraft werden.

Diese Angst konnte er weder gedanklich verarbeiten noch aushalten. Er hatte Todesangst. Mit Stimme Isabell und später mit Bruno, der Kommandant, schuf sich Stefans gequälte Seele einen Ausweg. Die Stimmen sagten ihm, was zu tun war. Sie belohnten seinen Gehorsam mit Applaus.

Die Eltern waren nicht schuld an seinem Wahn

Otisse: Waren also die Eltern schuld an Stefans Schicksal?

Theophil: Stefans Eltern schämten sich für ihr Dasein. Die Familie schottete sich ab, sie ließen niemand in ihre Bude. Sie belogen sogar ihren Sohn über den Beruf des Vaters. Sie fühlten sich von der Gesellschaft ungerecht behandelt. Mit der vermeintlichen Ungerechtigkeit rechtfertigte Stefans Vater den Diebstahl und den Waffenhandel.

Sie glaubten, dass ihnen das Geld zustand. Die Eltern bezahlten damit ihre Reisen und prügelten Stefan durchs Gymnasium. Der Sohn sollte an ihrer Stelle erreichen, was sie nicht konnten. Die Eltern haben ihn von Geburt an dressiert wie einen Hund. Obwohl, die meisten Hunde haben mehr Freiheiten als Stefan jemals erlebte.

Otisse: Dann war die Armut als solche doch nicht entscheidend?

Theophil: Nein, die Armut war eine Randbedingung. Neid und Hass bestimmten das Leben der Familie. Dieses Gift trug Stefan in sich und machte ihn zum unberechenbaren Psychopathen, der alle Menschen in seiner Nähe zu seinem Vorteil benutzte. Als der Eisverkäufer zusammenbrach, hatte er gut bezahlte Jobs in den Unternehmen seiner Frau. Er genoss gewiss nicht die Zuneigung, aber den Respekt seiner Mitmenschen, manche fürchteten ihn sogar. Er war längst nicht mehr arm.

Der Mann aus dem Schwarzwald wurde verrückt

Otisse: Du schreibst in deinem Essay, nicht lange vor seinem Selbstmord steigerte der Eisverkäufer seine Aktivitäten. Wie kam denn das?

Theophil: Es ist neurologisch nachweisbar, dass bei diesen Psychotikern der fürs Denken verantwortliche Teil des Gehirns mit der Zeit schrumpft. Die verblöden regelrecht. So dürfte es auch Stefan ergangen sein. Als er das Nachlassen bemerkte, versuchte Stefan noch mehr als zuvor Bestätigung in Beruf, Familie und Ehrenämtern zu bekommen. Das funktionierte zunächst. Bis er schwere Fehler machte. Dann warfen sie ihn aus seinen Ämtern. Dazu war er rechthaberisch, streitsüchtig und leicht kränkbar. Er verlor die wenigen Freunde, die noch zu ihm hielten. Seine Ehefrau verliebte sich in einen anderen Mann und wollte die Scheidung.

Otisse: Könnte ihn das in den Tod getrieben haben?

Theophil: Er fiel in eine tiefe Depression. Die Träume von der nackten und mit Kot beschmierten Monika, die er mit seinen Händen unter der Plastiktüte seines Vaters erstickt, stehen für ungeheuer mächtige Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle. Der Eisverkäufer fühlte sich als Ausgestoßener und Versager, der er ja auch war. Das machte ihn enorm wütend. Die Aggression wendete er gegen sich selbst. Zum Glück, denn Stefan hätte auch zum Sturmgewehr greifen und Amok laufen können.

Otisse: War er tatsächlich schuldig?

Theophil: Mit der Entscheidung, sich den Stimmen zu unterwerfen, um Ansehen und Besitz zu erlangen, wurde er schuldig gegen sich selbst und gegen seine Mitmenschen. Er hat Martina, Ariane und seine Kinder um die Liebe betrogen, die er ihnen versprach. Er hätte ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen können. Er hatte eine Wahl.

Der Eisverkäufer hätte frühe Hilfe gebraucht

Otisse: Ist es moralisch falsch, sich um beruflichen Erfolg und Wohlstand zu bemühen?

Theophil: Natürlich ist das nicht falsch. Im Gegenteil. Ich halte es sogar für die Pflicht eines jeden vernünftigen Menschen, die angeborenen Fähigkeiten nach den Möglichkeiten auszubilden und eine Aufgabe in der Gesellschaft zu finden. Es ist auch gut, so viel Wohlstand zu besitzen, dass man anderen davon etwas abgeben kann.

Aber es ist falsch, das Streben nach Bewunderung, Ansehen und Besitz zum obersten Lebensprinzip zu erheben. Erfolge sind flüchtig, denn sie hängen von Bedingungen ab, die der einzelne Mensch nicht beeinflussen kann. Es gibt Kriege, Wirtschaftskrisen, Naturkatastrophen, Krankheiten, es gibt das Alter und es geschehen Unfälle. Dann zählen Gerechtigkeit, Freundschaft, Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Liebe. Darauf bauen ehrlicher Erfolg und Reichtum.

Bericht: Claude Otisse
Foto: Claude Otisse

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