Gesandter Tod: Töten für ein längeres Leben

Gottes Gesandter Tod bietet Pfarrer Theophil einen Vertrag zur Verlängerung des Lebens des krebskranken Geistlichen an. Das Foto zeigt den Handschlag unter der Streckbrücke in Pirmasens.
Gottes Gesandter Tod bietet Pfarrer Theophil einen unmoralischen Vertrag an.

Wennschon Gott die Menschen auf die versprochene Erlösung warten lässt, so ist wenigstens Gottes fleißigster Gesandter Tod ausgesprochen zuverlässig. Ob im tiefsten Schmerz ersehnt und herbei gewünscht, ob in der hellen Freude verdrängt und verflucht – all diese menschlichen Regungen bedeuten dem Tod nichts. Er kommt wann und wo er will. Sowie der Wind weht.

Der Tod kennt keine Moral

Solange bleibt er, bis er hat, was er sucht. Denn das Streben des Todes gilt allein dem Leben. Folglich sammelt er die Menschenleben ein und verbucht sie als Zahl zwischen Soll und Haben in seiner Leben-Bilanz. Weil menschliches Denken wie Moral und Werte, Recht und Gerechtigkeit, Schuld und Sühne den Tod in keiner Weise beschäftigen. Dem Gesandten ist es egal, wessen Leben er jetzt, nachher und morgen nimmt.

Nunmehr versucht der schlaue Theophil mit dem Tod als Gesandter Gottes ins Geschäft zu kommen. So geht er zwar furchtsam, aber doch mutig dem Tod entgegen.

Gleichfalls hält der Tod sein jüngst am Bahnhof gegebenes Versprechen. Hierzu kündigt sich der Schnitter zu einem neuerlichen Treffen an. Mittags um zwölf Uhr unter dem ersten Bogen der Streckbrücke soll es sein. Darüber tobt der Verkehr der Stadt der tausend Augenblicke. Darunter begegnen sich Licht und Schatten an der steinernen Kante. Hell und finster ist dieser Ort, Tag und Nacht, aber weder das eine noch das andere. Hier, im Übergang und Dazwischen soll die endgültige Entscheidung über Theophils Leben fallen.

Gesandter Tod will einen Sekundanten

Ich, der Fetthans, möge Theophil still und aufmerksam als Protokollant dahin begleiten. So lautet die Bitte des Todes an mich. Eine Bitte, die in Wahrheit ein Befehl ist. Oder? Wäre es doch besser, ich beschreibe die mir zugedachte Rolle als die eines Sekundanten? Vielleicht ist dies in der Tat der passendere Ausdruck. Obwohl bei diesem Duell nur einer sein Leben verlieren kann. Doch wie dem auch sei. Ich erfülle gehorsam meine Chronistenpflicht an Theophils Seite und für Gesandter Tod.

Der Gesandte schreibt Theophil sechs Leben gut

 Tod: „Lieber Theophil, bist Du nun bereit?“
  Theophil: „Ja, Herr Tod. Ich bin bereit.“

Tod: „Gut. Dann lass’ uns jetzt ein Stück zusammen gehen.“
  Theophil: „Ist es weit?“

Tod: „Nein. Es sind nur wenige Schritte. Wir bleiben hier im Strecktalpark. Ich liebe diese wunderschönen, schmalen Wege unter der Brücke.“
  Theophil: „Doch ja, das stimmt. Hier ist soviel Leben. Sehen Sie die Kinder spielen, Herr Tod?“

Tod: „Aber ja. Klar und deutlich sehe ich die Kinder. Ich mag die Kleinen für ihr Leben gerne.“
  Theophil: „Warum nehmen Sie diese Kinderleben nicht und verschonen mich, wo ich doch eine Aufgabe zu erfüllen habe?“

Tod: „Während ihre Mütter zu Hause warten, habe ich bereits meinen Abzählreim gesprochen und die Wahl getroffen.“
  Theophil: „Nehmen sie einfach ein Kinderleben mehr? Dann stimmt doch Ihre Bilanz genauso.“

Tod: „Sobald ich mich später auf einer Liege am Teich entspanne, werde ich über die Kinder noch einmal nachdenken, Theophil. Jedoch möchte ich Dir zuerst ein Angebot unterbreiten.“
  Theophil: „Sie machen mir ein Angebot?“

Tod: „Ja, ein Angebot. Statt hier und jetzt Dein Leben zu nehmen, darfst Du Dir weitere Lebensjahre hinzu verdienen.“
  Theophil: „Wie soll ich das machen, Herr Tod?“

Ein Leben – Ein gesunder Monat länger

Tod: „Für jedes Leben, das Du mir darbringst, schenke ich Dir einen Monat mehr Zeit bei bester Gesundheit, bevor ich Dein Leben nehme. Allerdings darfst Du nicht älter als 105 Jahre werden.“
  Theophil: „Also, nochmal zum Verständnis, Herr Tod. Wenn ich Sie richtig verstehe, dann muss ich 600 Menschenleben liefern, damit ich selbst 50 weitere  Jahre am Leben bleiben darf?“

Tod: „Richtig. Genauso ist es. Mir ist es egal, ob die die 600 Leben auf einmal lieferst, oder jeden Monat eins. Aber falls Du mir keine neuen Leben bringst, bin ich am Ende der jetzt verdienten Frist bei Dir. Dann gewähre ich keinen Aufschub mehr.“
  Theophil: „Welche verdiente Frist meinen Sie, Gesandter Tod?“

Der Gesandte schreibt Theophil sechs Leben gut

Der Tod: „Damit meine sich die sechs Leben der deutsch-nationalen Verlegerfamilie. Schließlich habt Ihr, also Du und Deine Kämpferinnen, mir diese Leben schon geliefert. Das ergibt nach meiner Rechnung sechs Monate mehr Lebenszeit für Dich, mein lieber Theophil.“
  Theophil: „Wenn ich darüber komme? Also, was passiert, wenn ich mehr als die geforderten 600 Leben bringe?“

Der Tod: „Aber mehr als 50 Jahre schreibe ich Dir keinesfalls gut. Jedoch kann ich als Gesandter Gottes auf Wunsch die überschüssige Lebenszeit auf Menschen Deiner Wahl übertragen. Ehe vor dem Ablauf Deiner Tage etwas davon in Vergessenheit gerät, werde ich Dich daran erinnern, Theophil.“
  Theophil: „Somit sind wir wieder unter der Streckbrücke angelangt. Lieber Tod, hier sollten wir unseren Vertrag per Handschlag besiegeln.“

Mit diesem Handschlag geschieht es. Gottes Gesandter Tod und Pfarrer Theophil Meisterberg besiegeln das Geschäft und reichen sich die Hände. Nachdem der Vertrag geschlossen ist, gehen die beiden wortlos auseinander.

Bericht: Fetthans
Digitales Bild: Fetthans

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