Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Warum lieben alle Claude Otisse, aber nicht Theophil?

Ein schöner Schwan pflegt sein Gefieder und will bewundert werden. So wie Otisse.
Claude Otisse ist wie ein schöner Schwan. Er will bewundert werden. Theophil Meisterberg wirft ihm Narzissmus vor.

Wie kann es sein, dass alle immer nur Claude Otisse lieben und nicht mich? Für ihn öffnen die Frauen alle Tore und Türen. Aber ich muss draußen bleiben. Sogar unsere gewöhnlich über allem schwebende Präsidentin Lisa Berg und Gattin Saskia brechen ihren Urlaub auf Mallorca ab und schweben mit dem Flieger ein. Das wäre der Plan, wenn die Kolonie in Flammen stünde. Oder wie jetzt, wenn Otisse sein Kommen ankündigt.

Während ich, obwohl amtierender Leiter der Geistlichen Hütte, für jedes noch so bescheidene Anliegen bei den hohen Damen vorstellig werden muss, um überhaupt gehört zu werden. Aber Otisse? Der hüstelt nur, dann kommen sie gerannt. Es mag durchaus die freie Entscheidung der hohen Damen sein. Aber trotzdem: Ich verstehe das alles nicht.

Die Nervosität beginnt bereits, wenn die Nachricht von Claude Otisses baldiger Ankunft die Runde macht. Die Damen holen ihre schönsten Kleider hervor, verbringen ihre Zeit beim Frisör und vor dem Schminkspiegel. Dann gehen sie in goldenen Stiefeln und glänzenden Gewändern umher, um sich gegenseitig zu prüfen. Sobald er angekommen ist, beginnen die hohen Frauen ihre heitere Plauderei mit diesem Mann. Rätselhaft, was sie diesem Otisse finden. Was sehen sie in ihm? Was meinen sie, wer er denn sei?

Gottbier-Verbot für den Pfarrer

Dann sitzen die Herrinnen der Pirmasenser Kolonie am großen Eichentisch und vertreiben sich mit Claude Otisse die Zeit. Launiges Geplauder ist zu hören. Dagegen muss ich draußen im Obstgarten warten. Und ist noch lange nicht alles. Obendrein verhängte die Vorsitzende Lisa Berg über die Mitglieder der Geistlichen Hütte ein Gottbier-Verbot. Aber nur für die Dauer seines Besuchs. Also sitzen Fetthans, Lukas der Prophet und ich – schwer nach dem geistlichen Trunk dürstend – unterm duftenden Blütenmeer der Zwetschgen, Mirabellen, Äpfel und Birnen. Ja, es ist wunderschön auf unsere geliebte Streuobstwiese. Dennoch fühlen wir uns wie Verstoßene.

In Gegensatz zu Claude Otisse behandeln uns die hohen Damen, als wären wir nicht fähig,