Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Otisse, Hunde-Tommy und die jungen Wölfe

Hunde-Tommy wandert mit Claude Otisse in Eppenbrunn. Dort baden Kinder in einem Fischteich.
Kinder baden in einem Fischteich, obwohl es verboten ist. Rechts im Bild: Claude Otisse.

Du warst weg am Mittwoch?
Aber nein. Nicht weg. Nur dort. Nur mit Otisse in Eppenbrunn.

Wo ist Eppenbrunn?
Wo alte Soldatinnen junge Wölfe erschießen. Dort ist Eppenbrunn. Ich bin ein greiser Wolf. Also lebe ich noch.

Wandern. Wir sind den langen Weg zu den Altschlossfelsen gegangen. Zwar konnten wir die Soldatinnen nicht sehen, Doch die jungen Wölfe balgten sich auf der Wiese in Tal um ein totes Reh. Doch schon bald wisperten die alten Soldatinnen in den hinteren Büschen.

Die Trauer des Claude Otisse und Theophils Fragen

Was hat Claude Otisse gesagt?
Erst schwieg er. Aber sein Schweigen war morsch. Am Felsen schleuderte er Fragen wie Geschosse nach mir.

Was fragte Otisse?
So vieles, wie meine Hände nicht fassen und meine Füße nicht übersteigen konnten. Ich bin nicht David, lieber Theophil. Umso weniger, als die Fragen wie ein Goliath vor mich treten.

Und wenn nicht Claude Otisse, sondern ich die Fragen stelle, sind sie dann leichter für dich?
Du bist nicht Goliath, Fetthans, du bist mein Freund.

Warum hast du die Augen der Patientin ausgeschabt?
Ich war ihr Augenarzt. Während sie vor mir unter der Narkose lag, befahl mir der Löffelskalpell, ich soll es tun. Der Skalpell ließ keinen Widerspruch zu. Viel mächtiger als die Altschlossfelsen es je könnten, so sprach er zu mir. Was der Skalpell sagte, machte mir Angst. Ich wollte leben und folgte seiner Stimme.

Sag‘ mir, Theophil, warum ist Otisse so traurig?

Das Schwarz seiner Kleidung und die Finsternis seiner Augen wissen um die Verbote. Also kann ich dir davon berichten. Seine Trauer ist die Melancholie des Moralisten. Sowie alle Moralisten sehend und blind zugleich über jene trauern, welche die Verbote brechen und feixend mit den Kindern im Fischteich baden. Bevor Otisse jemals ein Du erreicht, bevor er liebt, bleibt er stets auf halbem Wege stehen. Denn er sieht nur dieses alte, hässliche von der Sonne gebleichte Schild: „Baden verboten!“

Hat Otisse Angst?
Alldieweil ein Gericht in seiner Seele strenge Urteile spricht. Denn er fürchtet die Strafe seiner Träume schon wenn er träumt. Deswegen bewundert er die jungen Wölfe aus der Ferne. Obwohl Otisse wünschte, er wäre frei wie sie. Jedoch bleibt er zurück und altert in seinem Versteck.

Hunde-Tommy sehnt sich nach den Altschlossfelsen

Nimmst du mich jetzt mit zu den Altschlossfelsen? Ich wäre gerne noch einmal dort!
Nein. Warte noch ein wenig, Hunde-Tommy. Sobald du die Antwort auf die steinerne Frage gefunden hast, wird deine Sehnsucht in Erfüllung gehen. Dann wirst auch du in Eppenbrunn zu den Altschlossfelsen wandern. Du wirst die Schüsse der alten Soldatinnen hören und im Fischteich baden.

Bericht: Theophil Meisterberg
Digitales Bild: Theophil Meisterberg

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