Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Weihnachten: Revolution im Restpostenmarkt

An Weihnachten soll im Namen Gottes geschossen und gebrandschatzt werden.
An Weihnachten soll im Namen Gottes geschossen und gebrandschatzt werden.

Vor Weihnachten? Wer drängelt dort im Restpostenmarkt? Wer bedient sich an den Sonderposten? Rentner, Arbeitslose, Mindestlöhner. Diese Menschen heben den mit Angst beschwerten Fuß nur zu gerne über die Schwelle der miesen Konsum-Bordelle.

Alldieweil von der Illusion geblendet, schlendern die Elenden mit feuchten Augen zwischen den engen Schluchten der Regale. Ihr New-York-Erlebnis, ihr Dazugehören, ihr Gefühl von Reichtum und Besitz.

Die Kameras filmen die verzagte Freude. Resten, Ausschuss und Konkursbestände, danach strecken sie die Hände aus. Verdrängend und doch gepeinigt vom dumpfen Gewissen greifen sie nach den blutigen Produkten asiatischer Sklaven. Dem Einkaufswagen ist das egal. Gefühllos und kalt frisst er gierig die in Plastik gegossene Verwesung.

Der rollende Gitterkäfig würde auch zerstückelte Menschen schlucken. So ist es gleichsam mit Schrecken zu vermerken, die Armen wähnen sich im Glück. Doch dieses nun ist trügerisch. Denn wegen der Armut alleine ist noch niemand auserwählt.

Ein Schneewittchen im Feenwald

Armut bringt Armut, alte Not gebiert neue Not. Die bekannte Weisheit sagt die Wahrheit. Daher übt sich die Pirmasenser Kolonie in Nächstenliebe und Solidarität mit den Armen. Zugleich bekämpfen die Kolonistinnen die Ursachen der Armut. Doch am Händler übt sich die Christengemeinde im Töten. Denn dieser Teufel bereichert sich an der Armut in Fernost. Genauso wie am Elend in Pirmasens. Er und Seinesgleichen halten die Abwärtsspirale der Stadt und der Welt in Gang.

Wiewohl ihm das das Elend der anderen so gut gefällt. Seine Kinder studieren und fressen Ritalin. Sein großes Haus ist wohlig beheizt. Die Finca auf der Sonneninsel angenehm gekühlt. Fernsehen, Radio und Zeitungen erzählen das Märchen vom freien Markt. Wer daran glaubt, vergewaltigt dreimal täglich das Schneewittchen im Feenwald.

Das Kreuz ins Projektil gefeilt

Es ist soweit. Weihnachten steht vor der Tür. Dann hat das Warten ein Ende. Solange pflegen die Gotteskrieger der Pirmasenser Kolonie ihre Sturmgewehre und putzen die Brandgranaten im alten Stollen. Der Scharfschütze und seine Kämpferinnen wollen den Krieg jetzt führen.

Obschon sie um die Gewalt ihres Tuns wissen, sehen sich die Krieger dennoch im liebenden Auftrag Jesu Christi. Sie wollen den Restpostenmarkt in heißen Flammen niederbrennen. Sie wollen Gottes Schöpfung von der widerwärtigen Gegenwart des Händlers und dessen Familie befreien. Schuss und Tod. Deshalb feilen die Kämpferinnen ein Kreuz in jedes Projektil ihrer Waffen.

Ein göttliches Geschenk

Dieser Johann Plattermann verkauft dreckigen Billigramsch!“ Lisa Berg, Vorsitzende des Vereins für Europäische Gemütlichkeit und Präsidentin der Pirmasenser Kolonie, weiß um die Machenschaften des Händlers.

Von Kinderhand gefertigte Lichterketten, Spielsachen, Tassen, Kochtöpfe, Zierrat und Gartenartikel füllten Plattermanns Regale, berichtete Lisa weiter. So klagte die fromm gestiefelte Lederfrau. „Seit Jahren schon schlägt der Mistkerl seinen Profit aus der Armut der Ärmsten. Das hört jetzt auf. Schließlich ist bald Weihnachten. Daher ist Tod der Familie Plattermann ist ein wunderbares Geschenk zum Lobe Gottes.“

Ja, das stimmt, der Plattermann ist ein Gangster“, applaudierte Saskia ihrer Ehefrau. „Die ganze Sippe bereichert sich an den Billiglöhnern in Asien und Afrika. Außerdem beschäftigen sie in Pirmasens nur Aushilfen auf Abruf. Indessen scheffelt Plattermann die fette Kohle. Der Restpostenmarkt muss weg! Die Plattermanns müssen weg! Alle!“

Theophil Meisterberg fürchtet nach dem Säuretod des städtischen Beamten die neuerliche Verantwortung für dieses mörderische Tun. Weshalb er solche Grausamkeit nicht noch einmal hinnehmen wollte. „Der Kampf um Gerechtigkeit muss sein. Aber dieser tödliche Hinterhalt?“ Der Pfarrer versuchte, wenigstens einen Kompromiss zu erreichen.

Alsdann versuchte der wackere Theologe den Furor abzuwiegeln: „Einverstanden, den Teufelsladen dürft ihr gerne niederbrennen. Dass für solchen Dreck wie den Restpostenmarkt überhaupt irgendwelche Leute arbeiten, ist in der Tat ein Gräuel in Gottes Augen. Aber warum wollt ihr gleich die ganze Familie töten?“

Der Gewaltsame Tod als göttliche Gnade

Das ist doch klar, lieber Theophil“, konterte Lisa Berg. „Kein Hemd, kein Auto, kein Haus. Nichts. Nicht einmal der Körper ist eines Menschen Eigentum. Gott kennt kein Menschenrecht. Gott ist den einen gnädig, den anderen nicht. Somit gibt es für die Familie Plattermann eben keine Gnade. Das musst du anerkennen, Theophil. Die allmächtige Herrin der Heerscharen entscheidet alleine nach ihrem Plan über Werden und Vergehen.

„Die Raffgierigen, die blinden Pflichterfüller, die Ausbeuter, die Duckmäuser, die Schleimer und Narzissten fallen jetzt dem Gericht Gottes anheim“

Lisa Berg, Präsidentin

Sodann holte Lisa tief Luft und sprach erregt weiter: „Die Raffgierigen, die blinden Pflichterfüller, die Ausbeuter, die Duckmäuser, die Schleimer und Narzissten fallen jetzt dem Gericht Gottes anheim. Ab Weihnachten herrscht der Krieg über die selbst ernannten Herrscher dieser Welt. Dafür sind wir gut gerüstet. Weihnachten wird ein Fest der Waffen, die Gott uns gegeben hat. Jeder vom Antlitz der Erde getilgte Teufel ist für Gott eine Freude und für uns Auserwählte ein Segen. Jedes Sodom ist eine gottgewollte Liebestat.“

Im Sitzen spritzt der Urin genauso gelb

Schließlich fand Theophil keine Ruhe mehr unter diesen Sätzen der Gewalt. Er dachte, brummte, maulte, rückte seine alte Jeans bis über den Nabel zurecht. Dann verließ er den Raum und ging hinüber zum Abort. Dort entleerte er seine Blase im Sitzen durch den geöffneten Reißverschluss bei hochgezogener Hose.

Deshalb strömte der von Bier gut gemälzte Urin zu Boden, weil der Strahl vom Hosenschlitz leicht angehoben die Schüssel deutlich verfehlte. Somit breitete sich die Flüssigkeit um Theophils Füße aus. Mit der Schuhsohle patschte er rhythmisch in die Lache. Abwechselnd links und rechts. Die gelben Tropfen flogen weit nach beiden Seiten davon und rannen lebhaft spielend an den weißen Fliesen der neu gebauten Toilette hinab.

Schwerkraft für Männer

Theophil betrachtete aufmerksam das Glitzern seiner warmen Pisse an der Wand. Die Schwerkraft beschleunigte die großen Tropfen naturgemäß stärker als die kleinen. So kam es, dass ein großer den kleinen Tropfen einholte. Dann strebten beide zur bernsteinfarben schimmernden Perle vereint der Lache auf dem Boden zu. Dabei kam Theophil plötzlich Galileo Galilei in den Sinn.

Obwohl? Pinkelte der gescheite Italiener auch schon im Sitzen? Wenn ja, dann hätte er seine Studien zur Erdanziehungskraft viel einfacher bewerkstelligen können. Aber damals, als es weit und breit noch keinen Restpostenmarkt gab, durften Männer noch im Stehen pinkeln. Eine Willensfreiheit, die das 21. Jahrhundert seinen Männern nicht mehr bietet.

Theophil will die Kinder verschonen

Endlich, jetzt mit freundlich entspannter Blase kehrte Theophil an den Tisch der geistlichen Hütte zurück. „Wir sollten die jüngeren Plattermann-Töchter zu uns in die Kolonie holen. Unsere Pädagoginnen werden auch aus ihnen gute Kolonistinnen machen. Die Kinder hätten mit dem Restpostenmarkt nichts mehr zu tun. Damit wäre wir doch viel mehr gewonnen als durch ihren Tod.“

Verworfene und Auserwählte

Doch Lisa Berg ließ Theophils Vorschlag nicht gelten. „Wenn wir wie wiedergeborene Christen handeln wollen, dürfen wir kein Mitgefühl mit den Gottlosen zeigen. Gott scheidet die Verworfenen von den Auserwählten. Diese Leute hatten Zeit zur Umkehr. Die Kinder tragen den Unglauben in sich. Wir dürfen sie nicht in der Welt lassen. Gottes Liebe ist höher als alle menschliche Vernunft. Wir wissen, was über das letzte Gericht in der Bibel steht und was Gott auf das Tonbandgerät gesprochen hat. Danach handeln wir gegen den Restpostenmarkt. Somit ist die Gnade für das Böse nur der Tod.“

„Wie kann es eine Liebestat sein, Kinder zu erschießen?“

Pfarrer Theophil Meisterberg

Lukas, der Prophet erwiderte: „Suchet der Stadt Bestes!“ So heißt es im Buch des Propheten Jeremia. Das Beste für die Stadt ist, wenn die Diener des Geldes verschwinden. Gott duldet keine Herrscher über ihren Auserwählten. Sie sandte ihren Sohn Jesus zu uns Menschen, um ihr Königreich zu errichten, aber sie wollte keinen Restpostenmarkt.“

Flüche und fromme Lieder

So bereiten sich die Guerilleros der Pirmasenser Kolonie auf die Adventszeit vor. Beten, fromme Lieder singen, Gottbier trinken und den Teufel verfluchen. Der Vorstand des Vereins für Europäische Gemütlichkeit weiß um die reinigende Kraft des Feuers.

Der Heilsplan Gottes: Jesus Christus lässt beim Endgericht in der Heiligen Nacht die Sturmgewehre sprechen.

Lisa Berg, Präsidentin

Zu Weihnachten das Schlachtfest

In der Nacht von Heiligabend zum ersten Weihnachtsfeiertag soll es soweit sein. Darum stürmen in der Heiligen Nacht zehn mit Sturmgewehren bewaffnete Männer und Frauen das gründlich ausspionierte Haus der Plattermanns.

Kinder und Verwandte der Gottlosen werden zu Besuch sein. Nach dem fetten Weihnachtsbraten liegen sie satt schlafend in den Betten. Dann wird der Scharfschütze rufen: „Christ ist geboren!“ So lautet das Kommando für den Kopfschuss vom Erlöser.

Stille Nacht, heilige Nacht

Während die Schädel der Plattermanns und ihrer Nachkommen im Feuer der automatischen Waffen bersten, werfen drei weitere Gotteskrieger ihre Brandbomben in den Restpostenmarkt. Zeitlich abgestimmt beginnen die Gotteskrieger ihre bewaffneten Aktionen in allen größeren Städten des Abendlandes.

Entsprechend ihres heiligen Plans sollen die Aktionen zu Weihnachten über den ganzen Kontinent verteilt beginnen. Danach geht der erste Gerichtstag zu Ende. Dann feiert Jesus Christus mit der Kolonie das heilige Abendmahl. So lautet der sorgsam ausgearbeitete Plan der Vorstandsfrau Lisa Berg.

Theophil will eine geistige Schlacht

Aller Bedenken zum Trotz waren sich die Entscheiderinnen bis auf Theophil Meisterberg einig. Sodann wollen sie den Auftakt der christliche Revolution an Weihnachten befehlen. Aber Theophil versteht den Auftrag Gottes als einen geistigen Kampf. Kurzum. Krieg und Terror erscheinen ihm keinesfalls als geeignetes Mittel, um den Menschen aus der Knechtschaft des Kapitalismus und dessen Restpostenmarkt zu befreien.

Denn Revolution von Weihnachten bedeutet für Theophil etwas anderes. Wenn Geld, Erfolg und alles Wirtschaften den Menschen dienen, und nicht mehr die Menschen dem Geld. Nichtsdestoweniger will er für diese Gerechtigkeit kämpfen. Aber nicht mit der Waffe in der Hand. Sondern mit der Gottbier-Flasche und wortgewaltigen Predigten.

Bericht: Fetthans Pirmasens
Foto: Pfarrer Theophil Meisterberg

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