Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Über Gott reden und Bier trinken

Bevor die drei Männer Bier trinken und über Gott reden, urinieren sie ans Bismarck-Denkmal in Pirmasens.
Das Bismarck-Denkmal in Pirmasens ist so hässlich, dass es Männern als beliebtes Urinal dient.

Was für ein Tag! So wohl ist mir, ich könnte immer nur jubeln. Nur noch etwas recken und strecken. Nur noch ein Bier trinken. Dann geht es hinaus zum Abenteuer. Ein wundervoller Tag wie dieser ist wie geschaffen für lange Spaziergänge.

Die Stadt zieht mich immer tiefer hinein in ihre Magie. Sie ruft, sie flüstert, sie lockt an allen Ecken, aus allen Häusern und auf allen Plätzen. Ich lasse den Zauber geschehen. Ich bin in ihr und sie umfängt mich. Sie ist die Braut, ich bin der Bräutigam. Immer wieder wird sie neu, immer wieder werde ich auf ihr Neues gierig.

Es ist Nachmittag, ich wecke den geisteskranken Augenarzt. „Hunde-Tommy! Komm, auf! Lass uns gehen!“ Unser Kolonie-Novize wohnt noch immer in einem kleinen Zelt auf der Streuobstwiese. Im Herbst soll Hunde-Tommy in die Pirmasenser Kolonie aufgenommen werden. Dann wollen wir anlässlich seiner Aufnahme eine Hütte bauen und ein großes Fest feiern. Bis dahin teilt er sich die Wiese mit Mardern, Siebenschläfern, Mäusen und anderem Getier, das sich unter den Zwetschgen-, Birn-, Apfelbäumen tummelt.

Wir gehen nun nebeneinander her. Leicht finden wir den Gleichschritt. Rhythmisch fließt das Gehen. Gedanken schweben wie bunte Luftballone am weiten Horizont. Wir schreiten Seit‘ an Seit‘ durch diesen selbstvergessenen Traum. Wir reden. Wir schweigen. Wir sehen in die Nähe. Wir sehen in die Ferne. Was ist Ferne? Was ist Nähe? Es ist nicht, was unsere Augen schauen. Es ist die erträumte Schönheit des Augenblicks.

„Saskia ist eine wunderbare Frau. Ihr langes, seidig-dunkles Haar, ihre braunen Augen, ihre starke, sanfte Stimme, ihre erotische, fraulich-kräftige Gestalt, ihr Feinsinn, ihre Klugheit, ihre Wärme. Ich sage dir, Theophil, ich bin überwältigt.“

Hunde-Tommy alias Dr.Thomas Busenberger schwärmt von der Ehefrau der Vorsitzenden Lisa Berg.

Hunde-Tommy sagt nichts mehr. Bis wir zu einem seltsamen Laden kommen, dort vernehme ich wieder seine Stimme. „Schau, hier gibt es Kleider für den Scharfschützen“, bemerkt er. Jemand hat die Umrisse von Soldaten auf T-Shirts und Pullover gedruckt. Auf einem T-Shirt ist ein behelmter Scharfschütze mit der Waffe im Anschlag zu sehen.

Hunde-Tommys Gewissensbisse

Mein Begleiter betrachtet nachdenklich die Auslage und fragt mich leise. Ganz so, als fürchtete er, es könnte uns jemand belauschen. „Was machen sie jetzt mit dem Geldeintreiber?“ Ich antworte: „Vorerst sperren sie ihn in eine der Zellen im Keller. Zwei, drei Stunden am Tag darf er in Ketten heraus. Sie verabreichen sie ihm starke Beruhigungsspritzen und Psychopharmaka.“

„Ist diese Strafe nicht zu hart? Der wollte doch nur die Hundesteuer kassieren?“

Hunde-Tommy alias Dr.Thomas Busenberger

Der Beamte soll umerzogen werden

Doch auf diese Frage bleibe ich die Antwort schuldig. Denn ich müsste sonst vor dem Novizen den Fehler offen eingestehen. Obwohl die Antwort stimmt, die mir seine Frage in den Mund legen will. Der Scharfschütze hätte den Geldeintreiber nicht so voreilig und ohne Rückfrage gefangen nehmen dürfen.

Aber weil der pflichtbewusste Beamte der Geldherrschaft ganz sicher mit der Polizei wiedergekommen wäre, wäre der Konflikt mit der Draußen-Welt vorzeitig eskaliert. Daher durften wir ihn nicht mehr gehen lassen. Daher ist diese Entscheidung nach der Gefangennahme ist politisch völlig korrekt.

Es gibt Wichtigeres als das Schicksal eines Beamten. Die Kolonie ist wichtiger. Vielmehr ist es führ ihn sogar ein Werden. Womöglich findet er in der Kolonie sein Erfüllung. Wenn er umerzogen ist, wird er sein früheres Dasein vergessen. Auf die Frage, wer denn sei, wird er dann glücklich und stolz antworten: „Ich bin Franziskus, ergebener Diener der Präsidentin Lisa und ihrer Ehefrau Saskia.“

Hunde-Tommy ist verliebt

„Theophil, weißt du, worum ich den Sklaven Franziskus beneide?“ – „Nein, worum beneidest du ihn? – „Er darf Saskia immer nahe sein.“ – „Du bist also wirklich in Saskia verliebt?“ – „Ja, bin ich!“

Hunde-Tommy alias Dr.Thomas Busenberger

Ich rate unserem Novizen: „Ach, Hunde-Tommy. Deine Gefühle sind an und für sich kein Problem. Aber du darfst du ihr keinen Antrag machen. Sie ist die Ehefrau von Präsidentin Lisa Berg. Du sollst dich nicht dazwischen drängen. Versuchst du es doch, kannst du aus der Kolonie ausgeschlossen werden, bevor du überhaupt aufgenommen bist.“

„Es heißt doch, die Kolonie wäre so frei?“ – „Das ist sie auch. Wir haben uns Regeln gegeben, damit wir überhaupt frei sein können. Denn Freiheit entsteht aus der Gewissheit, dass keiner der Kolonisten versucht, unerwünscht ins Leben eines anderen einzudringen. Freiheit ist nicht, wenn jeder nach Belieben macht, was ihm gerade in den Sinn kommt. Auch in der Kolonie kennen wir Mein und Dein.“

Doch Hunde-Tommy gibt sich mit dieser Antwort nicht zufrieden geben. Aber Theophil, was wäre, wenn ich Saskia meine Liebe gestehe und sie meine Gefühle erwidert?“ – „Du musst über deine Gefühle verschweigen. Kommt Saskia auf dich zu, darfst du deine Liebe offenbaren. Aber nur dann.“

„Wie denkst du über Saskia, Theophil? Welche der beiden Frauen gefällt dir besser, Lisa oder Saskia?“ – „Wenn ich zwischen den beiden wählen müsste, würde ich mich bestimmt auch für Saskia entscheiden. Aber ich wollte weder der einen noch der anderen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. So wie es der Franziskus ist. Sie beschallen ihn ständig mit Andrea Berg-Songs. Diese Frauen können sehr hart und brutal sein. Lisa quält ihn mit Lust. Sie genießt sein Leiden. Saskia ist launisch. Sie tritt manchmal herrisch auf und kommandiert die Leute herum. Saskia vermag Dinge zu tun, die weder ihr Liebreiz noch ihre Bildung erahnen lassen.“

Gottes eifriger Prophet

Wieder gehen wir eine Weile schweigend weiter durch die Stadt. Auf dem Schlossplatz spielen Kinder. Daneben steht ein junger Mann auf einem Gesims und predigt. Er hält ein schwarzes Buch in der Hand und spricht gegen den großen Brunnen an, wo Stierhörner spitz in den Himmel stechen. Der junge Prediger ruft: „Macht euch bereit, der Tag ist gekommen! Gott ist hier und wird über euch richten! Kehrt um! Haltet inne und betet!“

Hunde-Tommy und ich halten an. Wir sind bereit. Er bemerkt uns, lächelt, steigt herunter. „Sei gegrüßt, Hunde-Tommy! Sei gegrüßt, Theophil! Endlich seid ihr da. Ich habe euch erwartet.“ Wir sind verdutzt. Woher kennt der unsere Namen? „Ich bin Lukas, der Prophet“, stellt er sich vor. Dann bittet er uns, ihn zu einer Sitzbank an der Seite des Platzes zu begleiten. Wir folgen ihm und setzten uns wie gewünscht. Lukas, der Prophet lässt sich zu unseren Füßen im Lotossitz auf dem Boden nieder.

Wir wollen über Gott reden und Bier trinken

„Gott ist gekommen und du bist sein Prophet?“, lache ich ironisch. Auch Hunde-Tommy grinst so breit er nur kann. Gleich redet der Prophet über Gott und ich habe kein Bier. Ohne Bier rede ich nicht gerne über Gott. Gott und Bier gehören zusammen. „Wo gibt‘s hier Bier?“ Der junge Prediger überlegt nicht lange: „In dem Brauhaus dort oben verkaufen sie Bier. Das schmeckt gut und man bekommt gleich die Ein-Liter-Flasche.“

„Oder wir gehen runter zum Kaufland und holen uns eine Kiste Export“, meint Hunde-Tommy. Er rechnet vor, dass Export billiger ist und wir schließlich zu dritt sind: Zehn Liter müssen es schon sein. Da ich nicht länger durstig bleiben will, muss ich die Gott-Bier-Frage nun entscheiden.

Hunde-Tommy und der Drachentöter

„Wir gehen ins Kaufland“, schlage ich vor. Lukas, der Prophet und Hunde-Tommy sind einverstanden. Bevor wir aufbrechen und die Hauptstraße hinunter gehen, müssen meine Begleiter noch pinkeln. Da weit und breit kein Abort zu finden ist, entleeren sie ihre Blasen am Bismarck-Denkmal. Ich schaue ungeduldig zu. Der Reiter auf dem breiten Sockel kämpft mit einer Lanze gegen eine Art Schlange. Siegfried, der Drachentöter soll das sein.

Was hat der bloß mit dem ehrlosen ostpreußischen Landjunker und dessen kleinkriminellen Machenschaften zu tun? Aber egal, das ist Geschichte. Eine Geschichte, die uns nichts angeht. Deutschland ist tot. Nur der Kadaver stinkt noch und vergiftet die Brunnen der Freiheit. Als Pissoir ist der Zementblock aber noch ganz gut zu gebrauchen.

Müde vom Kauf einer Kiste Bier

Alsbald stehen wir zu dritt mit unserem Kasten Export vorm Kaufland und rauchen zur Entspannung eine Zigarette. Immer wieder halten Taxifahrer an, laden ganze Familien mitsamt ihres Einkaufes ein und fahren davon. Hunde-Tommy fragt: „Sollen wir auch ein Taxi nehmen?“

Seltsam. Ich fühle mich auf einmal müde und ausgelaugt. Zugleich steigt eine unzufrieden nagende Aggression in mir auf. Jedenfalls habe ich jetzt keine Lust mehr, die Bierkiste hoch auf den Schlossplatz zu schleppen. „Ja, lasst uns nach Hause fahren. Was ist mit dir, Lukas? Kommst du mit in die Kolonie? – „Klar, ich komme mit. Wir wollen ja heute noch über Gott reden, oder?“

Bericht: Pfarrer Theophil Meisterberg

Das könnte dich auch interessieren …