Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Beste Psychopillen wie Pfefferminze scharf

Den Katarrh im Gehirn auflösen. Endlich wieder frei und frisch denken dürfen. Das versprechen die Psychopillen wie Pfefferminze scharf in ihrem Blisterstreifen. Fünf Stück auf jeder der zwei Seiten, um 45 Grad exakt gleich geschrägt. Die Psychopillen liegen vor mir auf dem Tisch. Sie sprechen zu mir. Unaufhörlich dringt der Redeschwall in mein Gehör: „Du bist krank im Gemüt! Wir wollen hinein in deinen Schlund! Wir wollen dir helfen! Wir wollen dich heilen!“

Der rote Stern des Wahnsinns. Helfen Psychopillen scharf wie Pfefferminze.
Der rote Stern. Grafik, Klaus Wirth 2021

Noch wehren sich meine Finger gegen das wilde Drängen. Zwar rutscht die Hand über das Holz zur Packung hin, kommt den Psychopillen ganz nahe. Die Berührung tastet zart in einer kurzen Sekunde die Alufolie, bevor die Fingerkuppe erschreckt vom hellen Knistern die lockende Aura doch zuckend verlässt.

Bei mir am Tisch, da weht kein Wind. Dennoch meine ich gerade eben zu verspüren wie das Hemd sich bläht. Ein frischer Zug von kühler Luft. Kommt er nur aus meinen Wünschen, Träumen, Illusionen hervor geflogen, dann mag es sein, die Wirklichkeit ist meinem Geist entzogen, der sich in einer anderen Welt bewegt als die der anderen. Ich rieche etwas.

Ein Duft, ein Geruch, ein feuchter Atem. Der ruhige Ozean erhebt sich. Die Wogen brechen an den Felsen. Es ist der Tang, der duftet. Die Erinnerung an ferne Tage entlegenen Glücks. Ein gefangenes Glück, für eingesperrt in diesem Bild bleibt die schöne Zeit. Ich habe das Meer mit meiner Kamera getötet. Das Foto ist der Mord am Ding. Schuld! Es wogt die Schuld in mir und noch mehr das Gefühl von Schuld, das Schuldgefühl.

Einen Apfel vom Baum gestohlen, so rotbäckig schön und sauersüß. Der Reife freier Fall. Der Herbst mäht die Ernte, die Pflaumen sind schon mit den Vögeln hin. Trauer überfällt mich erst, dann die Wut über den verlorenen Sommer. Psychopillen. Sie wollen hinein in meinen Schlund. So wie den Apfel und die Pflaumen verschlinge ich das Bild. Meine Hand schiebt sich heran. Die Finger gehorchen den Rufen, ihren Versprechen, dem Heil der Psychopillen, schmecken wie Pfefferminze scharf. Die andere Wand trägt kein Bild.

Dort streitet das Gelb auf freier Fläche gegen das Weiß. Das Weiß ist nackt und schwach, es weiß schamhaft um seine Niederlage. Das Gelb ist warm und stark, denn es kennt die Sonne gut. Am Abend kommt die noch vorbei und zaubert mitleidvoll über das Weiß ihre gelbe Magie. Ich sehe die Wand und diese Dramen voller Angst. Das Weiß vergisst mich, das Gelb vergisst mich, die Sonne vergisst mich. Ich ertrage die Vergessenheit nicht, schaue weg, es kommt die Angst. Wieder knistern die Psychopillen zwischen meinen Fingern.

Prasseln und Knistern wie ein Tannenreisig im Kaminfeuer. Mir wird so heiß wie kalt, der Schweiß rinnt über die Stirn, Augen brennen. Der Tisch wankt gegen meinen Bauch, drückt heran. Die Psychopillen wie Pfefferminze scharf rufen laut und nah: „Du bist krank im Gemüt! Wir wollen hinein in deinen Schlund! Wir wollen dir helfen! Wir wollen dich heilen!“

Hinter dem Knistern und Prasseln ertönt ein lautes Knacken. Dann ein leiser, heller Klang wie von einer zart angehauchten Zimbel. Der Meereswind frischt auf, treibt etwas vor sich her, das aussieht wie eine winzige weiße Muschel. Zwischen Maus und Tasten kommt die Muschel auf dem Tisch zum Liegen. Psychopillen wie Pfefferminze scharf. Muscheln können springen. Zwischen meinen Fingern fliegt diese hier zum Mund. Sie lutscht meine Zunge und klettert dann durch meinen Schlund hinab in die Tiefen meines tiefsten Seins.

Psychopillen und die letzte Fliege

Die letzte Fliege des sterbenden Sommers umkreist die Stirn, angelockt vom Schweiß der Angst kitzeln ihr Beinchen auf der Haut. Die Klatsche bleibt liegen, verschont die Fliege gnädig vom harten Schlag. Winzige Beißwerkzeuge zwicken in die leichten Schuppen. Ich lasse sie gewähren, schaue zu den Wogen und versinke in den Träumen.

Dort steht Ester auf dem Stein erhaben über dem feinen Strand. Sie lächelt in die Ferne, sie lächelt mich an. Ich habe sie geliebt, sie erstrahlte im Glück. Wir gehen weiter, immer weiter an den Wogen entlang, versinken bewusstlos im Sand. Ihre Hände graben sich hinein, tasten, fühlen und finden den goldenen Stein. Ester spricht: „Nimm‘ ihn und halte ihn fest!“

Ich erwache, die Fliege brummt hinter meinem Ohr. In den Händen halte ich den Blisterstreifen. Eine fehlt, das Silber ist gebrochen. Silber, Gold, wo ist Esters Stein? Verloren. Unauffindbar in meiner Seelenfinsternis versunken. Gleichsam achtlos in das Gelb des Wahns geworfen, die Schmerzen rasen unendlich groß wie der Verlust.

Das Verlorene, das noch zu Verlierende, der immer währende Untergang zieht und reißt mich in den Strudel seiner endlosen Spirale. Die Wut. Ich ergreife die Klatsche und schlage die letzte Fliege des Sommer doch. Aber das Tierchen windet sich aus meinem Hieb und brummt weit davon zur anderen Wand. Der schwarze Punkt im leeren Gelb bewegt sich noch und schaut mich an. Diese Fliege sieht mich machtlos mit der Klatsche fuchteln. Sie lacht und feixt im im Angesicht meiner ärgsten Peinlichkeit.

Die Fliege tänzelt erregt auf der Wand entlang. Ich ertrage ihre Freude nicht länger. Deshalb muss sie sterben. Zerschlagen sollen die krummen Beinchen sein. Geplatzt der der haarige Körper, ihre Facettenaugen werden für immer blind. Doch sie sieht mich, sie erkennt mich. Mit der Klatsche rase ich zur gelben Wand. Der Schlag geht fehl. Erneut greife ich an, jetzt mit massiven Schlägen aus der Luft. Doch auch die Luftschläge treffen sie nicht. Die Fliege schlägt Haken und dreht fröhliche Pirouetten.

Ihr hämisches Lachen gellt in meinen Ohren. Psychopillen wie Pfefferminze scharf. Die Fliege glaubt nicht an die Heilung. Sie kreist um mich herum, die Klatsche trifft sie nicht im flinken Flug. Die Fliege kreiselt wie wie ein Satellit um meinen Kopf, ich kreise mit ihr. Schwindel befällt mich in schneller Rotation, wie ein Walzer tanze, fliege ich im Raum. Der Damm bricht. Die Wände wirbeln, der Ozean bricht aus dem Foto aus, flutet meine Schuhe. Die Wogen schaukeln mich, ziehen mich drücken mich.

Ich höre die Fliege nicht mehr brummen. Auch sie ist verloren in den blauen Fluten. Die Wellen krachen gegen den harten Fels, brechen schäumend über mir, die Kämme schlagen wild zusammen. Ein spitzer Schmerz unter dem Fuß, ich zucke weg, taumle rechts und falle tief ins nasse Schwarz. Auf die Scherben einer Muschel bin ich fest getreten. Der Atem stockt in meinem Mund, das Herz rast, es schnürt der Hals. Psychopillen wie Pfefferminze scharf. Schnitt und aus.

Claude Otisse


Der Zerfall. Animation, 2021

Der Zerfall. Animation, Klaus Wirth 2021.

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