Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Extrem radikalisiert: Wie ein jähzorniges Kind

Claude Otisse will sich in keine Ordnung fügen. Extrem radikalisiert und hemmungslos geht er seine Mitmenschen an. Völlig unberechenbar und aus dem Hinterhalt reitet er seine wütenden Attacken. Immer steht eine Drohung im Raum. Eine laute Beschimpfung, eine stille Intrige oder ein hämisches Lachen. Ruhe und Frieden sind Claude Otisse fremd geworden. In anmaßender Selbstermächtigung stellt er seine Forderungen über die Bedürfnisse anderer. Kritisiert ihn jemand, verschließt er sich, zieht sich zurück, macht einfach dicht.

Weil er aber nicht immer so verstockt gewesen ist, stellen sich natürlich Fragen wie diese: Wie kommen wir noch einmal an Otisse heran? Können wir ihn als das wertvolle Mitglied unserer Gemeinschaft wieder gewinnen, das er einmal war? Die Meinungen über Claude Otisse gehen weit auseinander.

Die einen wollen ihn einfach machen lassen. Diese Fraktion meint, es sei seine Sache, wie er sich gegenüber den Mitmenschen verhält. Zumindest solange er bloß mit Worten schimpft, aber keine körperliche Gewalt anwendet. Andere schlagen eine Psychotherapie vor. Sie glauben, die Isolation während der Pandemie hätte ihn von der Gesellschaft entfremdet. Dadurch sei ein seelisches Trauma entstanden. Diese seelischen Wunden müssten dringend behandelt werden.

Dann gibt es noch eine weit größere, deutlich härter urteilende Gruppe. Jene nämlich, die in Otisse einen bösartigen Narzissten zu erkennen glauben und ihn am liebsten zeitweise oder für immer aus der Gemeinschaft verbannen wollen. Die widersprüchlichen Meinungen führen zwar zu schier endlosen Diskussionen, doch eine Lösung des Problems ist bisher nicht in Sicht. Am Ende liegt die Entscheidung bei mir als Leiterin der Geistlichen Hütte. Was tun? Gewähren lassen, therapieren oder Härte zeigen?

Treffe ich formal gesehen keine Entscheidung, erlaube ich Otisse automatisch, weiterhin sein Ding durchziehen. Keine Entscheidung bedeutet eine Entscheidung für das Gewähren lassen. Genau das ist jedoch von der Mehrheit in der Geistlichen Hütte nicht gewünscht. Lediglich Hunde-Tommy verlangt, Claude Otisse in Ruhe zu lassen. Außerdem erklärte sich Hunde-Tommy bereit, Otisses Teil der Arbeit zusätzlich zu erledigen.

Ob dieses Angebot wirklich so selbstlos und gemeinsinnig ist wie es klingt? Diese Frage kann ich nicht eindeutig beantworten. Selbstverständlich bin ich daran interessiert, möglichst viele Bewerbungen zu bearbeiten. Schließlich sollen Bewerberinnen eine faire Chance auf einen Zugang zum Reich Gottes bekommen. Diesen Grundsatz würde ich nie in Frage stellen, weil Gerechtigkeit nun einmal zur Grundverfasstheit der Pirmasenser Kolonie zählt. Allerdings hege ich Zweifel daran, ob Hunde-Tommy bei der doppelten Arbeit die nötige Sorgfalt und genügend Zeit für den Einzelfall aufbringen kann.

Zurzeit kann die gerechte Verteilung der Chancen jedoch nicht gewahrt werden, weil Otisse seit Monaten die Arbeit verweigert. Die ihm zu gelosten Bewerbungen werden nicht einmal angesehen und gelten folglich als abgelehnt. Und zwar endgültig und für immer. Er weiß ganz genau, dass deswegen ganze Familien ungehört in die verworfene Welt verwiesen werden. Er kennt die Regeln und die Aufgaben der Geistlichen Hütte sehr gut. Trotzdem weigert er sich beharrlich, seinen Aufgaben nachzukommen. Das ist ein extrem und radikal feindseliges Verhalten.

Doch damit nicht genug. Wenn es ihm einfällt und er Lust darauf hat, dann säuft er hemmungslos. Es vergehen schlimmstenfalls Wochen und Monate, in denen Claude Otisse überhaupt nicht mehr ansprechbar ist. Darüber hinaus vermüllt er unsere Räume und den Streuobstgarten. Auch das ist radikal und extrem respektlos. Es ist noch gar nicht lange her, da hat ihn Svetlana Nextgeneration auf den Müll angesprochen. Ich saß am großen Eichentisch und hörte, was geredet wurde.

radikal und extrem fotografiert von claude otisse svetlana nextgeneration
Svetlana Nextgeneration, Foto: Claude Otisse

Extrem radikal: Der Bildersturm wird hemmungslos

„Lieber Otisse, würdest du bitte deine leeren Fischdosen aufsammeln und in den Gelben Sack stecken? Der Gestank zieht aus deinem Zimmer durch die ganze Hütte. Davon kann einem übel werden!“ Diese freundliche, aber bestimmte Ansprache richtete Svetlana an Claude Otisse, während er sich früh morgens am Kaffee-Automaten zu schaffen machte. Otisse antwortete, ohne seine Handgriffe am Kaffee-Automaten zu unterbrechen: „Ölsardinen enthalten viel Vitamin D. Das Vitamin stärkt mein vom vielen Rauchen und Saufen geschwächtes Immunsystem. Ich will keinen Krebs bekommen. Willst du, dass ich Krebs bekomme?“

Svetlana schaute irritiert zu Claude Otisse hinüber, der mit dem Rücken zu ihr stand und gegen die Wand gesprochen hatte. „Nein. Selbstverständlich will ich nicht, dass du Krebs bekommst“, antwortete Svetlana. Otisse hatte den Wassertank aufgefüllt und frische Bohnen aus der Tüte in die Schütte über dem Mahlwerk rieseln lassen. Jetzt drückte er den Knopf, der ihm einen doppelten Kaffee aus zwei Anteilen Bohnen und drei Anteilen Wasser verschaffte. Die Maschine brummte und verrichtete brav ihren Dienst. Der feine Duft des frisch gemahlenen Pulvers überlagerte den schlechten Geruch der verderbenden Fischreste.

Svetlana erschien mir alles andere als streitsüchtig an diesem Morgen. Sie freute sich über den Kaffeeduft, lächelte und wendete sich dem vor ihr auf dem Tisch liegenden Stapel aus Bewerbungen zu. Claude Otisse jedoch fühlte sich ganz offensichtlich von der Kritik in tiefster Seele angefasst. Die Kaffeetasse in der rechten Hand haltend stand der große und massige Mann hinter Svetlanas Rücken. Wie ein wild gewordener Stier die Hörner senkt und mit den Hufen scharrt, nahm Otisse unvermittelt seine typische Angriffshaltung ein. Hervor quellende Augen, gerecktes Kinn, verhärtetes, rotes Gesicht. Jeder Muskel der wütenden Männergestalt schien angespannt. Was kommt jetzt?

Einen Augenblick lang fürchtete ich, er würde den heißen Kaffee über Svetlana ausschütten. Aber das geschah nicht. Gleichwohl schwappte etwas von dem Heißgetränk über den Rand der Tasse auf den Boden. Viel Kaffee fiel zwar nicht hinunter. Doch die Menge reichte aus, um ein Klatschgeräusch zu erzeugen. Svetlana schreckte auf. „Die Bilder sind furchtbar geworden“, sagte Claude Otisse über Svetlanas gebeugten Rücken hinweg. Wie vom Schlag getroffen zuckte die Frau unter diesen Worten zusammen. Der Stift fiel aus ihrer Hand. Die Bilder, die Fotos?

Es mag zwei Wochen her sein, da hatte ich Claude Otisse gebeten, neue Porträts von Svetlana aufzunehmen, weil sie sich die Bilder zum Geburtstag wünschte. Zu meinem Erstaunen weigerte er sich nicht. Es kam eine Nachricht, sie solle sich bei ihm melden, dann werde er an einem Abend zur Blauen Stunde, wie es die Fotografen nennen, mit Svetlana hinausgehen zu einem kleinen Shooting. Die beiden trafen sich tatsächlich. Später kam Svetlana gut gelaunt zurück. Es sei eine entgegen ihrer Befürchtungen angesichts Otisses Zustand ein harmonisches Miteinander gewesen, aus dem sehr schöne Bilder entstanden waren. Sie freute sich sichtlich darüber. Doch nun verkehrte Claude Otisse die Freude extrem ins Gegenteil.

Svetlana zerbricht unter Claude Otisses Wut

„Diese Fotos sind derart radikal und extrem schlecht, dass ich sie nicht freigeben kann“, redete Otisse weiter. „Ich ziehe die Fotos zurück und werde die Aufnahmen löschen“, kündigte er mit drohend erhobener Stimme an, die keinen Widerspruch erlaubte. Svetlana sah mich fragend an. Jedoch war Otisses Urteil über die Bilder für mich gleichermaßen unverständlich wie für sie. Otisse war noch nicht fertig: „Seit diesem Abend sind wir getrennte Leute. Auf den Bildern stimmt nichts, aber auch gar nichts. Ich konnte mich nicht konzentrieren, weil ich deinen Widerwillen spürte. Deine Abneigung gegen mich spricht aus diesen Bildern. Ich habe den Fleisch gewordenen Hass fotografiert. Aus den Aufnahmen schaut mir eine alte, schrumpelige, verhärmte und hasserfüllte Hexe entgegen. Ekelhaft!“

Claude Otisse wartete die Antwort nicht ab. Mit schnellen, wütenden Schritten verschwand er in seinem Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Er ließ uns ratlos zurück. Zu ersten Mal sah ich Svetlana weinen. Die sonst überlegt und überlegen wirkende Ex-Terroristin zitterte und sackte am Tisch zusammen. Sie hatte so viel ertragen in ihrem Leben, ohne dass sie sich der Verzweiflung hingegeben hätte. Doch nun schienen die Kräfte aufgebraucht. Ich setzte mich neben sie und legte tröstend den Arm um Svetlanas Schultern. Claude Otisse hatte ihre wunde Stelle entdeckt und seine Attacke radikal und extrem hinein gestoßen. Er hat eine tiefe Verletzung verursacht.

Während ich die zitternde Svetlana mit Pfarrer Theophil Meisterbergs Hilfe in ihr Zimmer führte und ins Bett half, kam mir ein böser Verdacht. Womöglich war Claude Otisses freundliche Zusage des Shootings Teil seines Plans. Dann wusste er bereits beim Fotografieren, dass er diese Blaue Stunde und die Bilder vom verbindenden Erlebnis in ein Trennendes umdeuten würde. Jedenfalls bleibt für mich unverständlich, aus welchen Antrieben heraus Claude Otisse schönen und harmonische Momente willkürlich zerstört wie ein jähzorniges Kind. Nur, dass Claude Otisse kein Kind, sondern ein erwachsener Mann in Verantwortung ist, dass seine Worte wirken. Was bleibt zu tun?

Ester Berlin, Leiterin der Geistlichen Hütte, Pirmasens

Die Spieluhr. Jeder dreht sich um sich selbst.

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