Super Brandstifter sind sie. Brandstifter! Helden! Heilige!

Das Glück der Brandstifter währte nicht lange. Das brennende Haus entfernte sich mit jedem vergangenen Tag. Wie ein vergessenes Papierfoto im Sonnenlicht verblasst, so verloschen die tosenden Flammen in ihren Köpfen. Mit der Kraft der Erinnerung schwand das Hochgefühl der Brandstifter. Die Spiralen des Alltags rissen die Euphorie hinweg. Und jetzt?

Während Hunde-Tommy beinahe jeden Tag die Kolonie verließ und seine erotischen Abenteuer in den Einfamilienhäusern stärker vorantrieb als je zuvor, verbarrikadierte sich der Brandstifter Claude Otisse in seinem Zimmer. Zuerst glaubten wir noch, er wollte sich in der freiwilligen Abgeschiedenheit von den Strapazen des Sommers erholen. Doch schnell gediehen die ersten Zweifel an seinem Gesundheitszustand. Mir schien es fast, als sei er in eine tiefe Depression gefallen. Andere fürchteten sogar, dieser Brandstifter sei vor seinen Schuldgefühlen in eine undurchdringlich fest verschlossene Welt des Wahnsinns geflohen und der Wirklichkeit nunmehr völlig entrückt.

Noch bevor die Weihnachtszeit begann, spähte ich in neugierig und zugleich sorgenvoll vom Streuobstgarten aus durchs Fenster zu Claude Otisse hinein. Ich sah ihn von einer Wand des Zimmers zur anderen marschieren. Rastlos stapfte er mit immer gleich bemessenen Schritten voran, stets an derselben Stelle wendend. Manchmal trampelte er bei der Wende, so als wäre die Wut wie ein Blitz in ihn gefahren. Die Eichendielen knarrten und knackten leidvoll unter den Sohlen seiner verschlissenen Laufschuhe. Das zerlumpte Schuhwerk schabte das Wachs von der Oberfläche und riss an manchen Stellen schon einzelne Späne aus dem Holz. Otisse zerbrach das Siegel, öffnete das Einfallstor der Zerstörung.

Von der Freiheit der Auserwählten

Der große, übergewichtige Mann benahm sich wie ein Gefangener in seiner Zelle, dem sadistische Wärter den Hofgang verweigerten. Doch in Wahrheit bestrafte ihn niemand. Niemand hegte auch nur den leisesten Gedanken daran. Keine der Auserwählten wollte Otisses Freiheit in irgendeiner Hinsicht einschränken, ihn auch nur im Geringsten zu behindern. Selbstverständlich war es ihm jederzeit gestattet, sein Zimmer, die Geistliche Hütte und die Kolonie zu verlassen. Er darf tun und lassen, was immer er will.

Einzig Gott persönlich könnte seine Freiheit einschränken. So Gott dies denn wollte. Doch Gott würde niemals den Pakt mit ihren Auserwählten brechen. Auch nicht den Pakt mit Otisse. Da Gott sich uns offenbarte und seither zu uns spricht, müssen wir nicht länger warten. Gott kam und erfüllte an uns, wonach sich die verworfene Welt dort draußen seit vielen Generationen sehnte. Deren Hoffnungen und Gebete bleiben für immer unerfüllt. Über diese ist das letzte Urteil gesprochen.

Statt der Erlösung aus dem Elend wurde der verworfenen Welt der Untergang beschieden. Den armseligen Kreaturen gewährt Gott weder Gnade noch Erbarmen. Sämtliche Bewohnerinnen der verworfenen Welt sind zum verzweifelten und schmerzerfüllten Ende verdammt. Der einzig mögliche Ausweg ist die Pirmasenser Kolonie. Jedoch öffnet sich diese Tür nur wenigen Auserwählten.

Im Unterschied zur verworfenen Welt darf sich die Pirmasenser Kolonie der Gnade und der Liebe Gottes sicher sein. Gott berief uns Kolonistinnen in ihr Friedensreich. Mit dieser Gewissheit endete für uns Suche nach der richtigen Moral, die uns zum Ziel führen würde. Alle Kolonistinnen sind der Frage nach Richtig und Falsch enthoben. Wir können nicht mehr scheitern, denn wir sind am höchsten Ziel allen menschlichen Strebens angelangt. Für uns hat das Elend ein Ende gefunden. Wir sind frei.

Trotz dieser erlösenden Gewissheit isolierte sich Otisse vollends. Er mied radikal jeden menschlichen Umgang. Die Gründe dafür verbarg er hinter dem versteinerten Schweigen seiner maskenhaft erstarrten Gesichtszüge. Niemand wagte sich an die Vorhersage, wie lange dieser rätselhafte Rückzug noch dauern sollte. Was könnte mit Claude Otisse geschehen sein? Hatte sich sein Gemüt tatsächlich so sehr verfinstert? Ist er wirklich verrückt geworden? Ich überlegte, ob und wie ich ihn ansprechen konnte, um Näheres über seinen Seelenzustand in Erfahrung zu bringen. Also wartete ich auf die passende Gelegenheit. Bis dahin beobachtete den Brandstifter so oft und so genau wie ich konnte.

Nichts außer den einfachsten körperlichen Bedürfnissen trieb ihn aus seinem Zimmer. Nur wenn ihn Hunger und Durst bedrängten, trat er über die Schwelle des Gemeinschaftsraums. Wagte er den Übertritt, dann blieb er nur so kurz wie möglich. Außerdem bevorzugte er jene Stunden, von denen er wusste, dass sich höchst selten eine andere Person im Gemeinschaftsraum aufhielt. Der Brandstifter zeigte sich meist am frühen Morgen und am späten Abend, gelegentlich auch in der Nacht.

Während seiner kurzen Ausflüge versorgte er sich eilig mit Essen und Trinken. Der Brandstifter griff nach den Gläsern mit eingelegten Früchten. Gerne nahm er Äpfel und Birnen, dazu zog er zwei oder drei Büchsen mit marokkanischen Ölsardinen aus dem Vorratsschrank. Mit dem großen Messer schnitt er einige Scheiben Brot vom Laib und legte sie auf seinen Teller. Jedenfalls erzählten die Spuren seiner Besuche überdeutlich von diesen Tätigkeiten. Doch sein zäh im Raum klebender Körpergeruch war sicher das mächtigste Zeugnis seiner Anwesenheit.

Den duftenden Kaffee verschmähte Otisse ebenso wie das frische Wasser. Statt dessen bevorzugte er eine gehaltvollere Flüssigkeit. Jeden zweiten Tag schleppte er eine frische Kiste Exportbier in sein Zimmer, für dessen Lieferung Theophil Meisterberg die Verantwortung übernahm. Der Pfarrer übernahm diesen Dienst, ohne dass ihn jemand darum gebeten hätte. Was viele Kolonistinnen mit ungläubigem Staunen beobachteten, denn seit den frühen Tagen der Kolonie bestimmte ein Zerwürfnis das Verhältnis der beiden Männer. So wie man sich die Geschichte erzählt, hat Otisse damals damit gedroht, den Pfarrer mit einem Beil zu erschlagen. Angesichts des versuchten Totschlags floh Theophil Meisterberg aus Otisses Haus und bezog eine Hütte in der Pirmasenser Kolonie. Die Zuflucht blieb nicht lange verborgen. Claude Otisse folgte ihm wenig später.

Dennoch stellte der brave Geistliche nunmehr seit vielen Wochen mit Freude das Bier für Claude Otisse bereit. Ich meine, gelegentlich ein seliges Lächeln auf Theophils Gesicht bemerkt zu haben. Seines geistlichen Amtes waltend sprach er würdevoll die Einsetzungsworte über das Gebräu. Wodurch er das einfache Export zum Gottbier verwandelte, einen heiligen Trank, der den Trinker zur Beziehung mit Gott öffnen sollte.

Otisse durfte sich nach dem Segen ohne jedes Bedenken dem Gottbier hingeben. Der Pfarrer erlaubte keine Zweifel daran, dass das Gottbier den seit Monaten verstockten Brandstifter eines nicht so fernen Tages aus seiner Trübsal befreien würde. Der Theologe hoffte auf die heilende Wirkung seines magischen Rituals. Er glaubte unerschütterlich daran, dass die Kraft seiner Worte Dinge und Menschen zum Guten hin verändern werde. Aber Gott? Nein, sie verlor nicht ein einziges Wort über die magischen Rituale. Gott erschafft Wissen und Fakten, teilt die Menschheit in Auserwählte und Verworfene, aber verteilt keine kindischen Beschwörungsformeln. Und sie verwandelt kein Export in Gottbier. Genauso wenig, wie sie aus Wein Blut und aus Brot Menschenfleisch zaubert. Solch billige Hexerei überlässt Gott gerne den Menschen.

Die leer gesoffenen Gottbierkisten brachte Otisse nicht mehr in den Gemeinschaftsraum zurück. Er zog es vor, die leeren Kisten mit Wucht aus dem Fenster seines Zimmers auf die Terrasse vor dem Streuobstgarten zu schleudern. Das Krachen und Klirren der fallenden Flaschen war weithin zu hören, wenn das hohle Glas auf die Dielen der Terrasse schlug. Das Leergut flog aus den Fächern seines Gehäuses, folgte der Schwerkraft, rollte mit der verbleibenden Energie noch ein Stück weiter und versammelte sich schließlich klirrend am Saum der Wiese. Wieder war es der Pfarrer, der Otisses Leergut einsammelte.

Nicht ein einziges Mal kam mir in diesem Winter zu Gehör, dass Otisse die Schublade mit dem Besteck geöffnet hätte. Das laute, metallene Scheppern hätte ich aber hören müssen. Selbst im tiefsten Schlaf wären mir diese Geräusche nicht entgangen. Denn für gewöhnlich pflegte Claude Otisse die Laden und Türen der Schränke und Vitrinen in einem brachialen Riss zu öffnen. Neben dem gewalttätigen Lärm verursachte Claude Otisse regelmäßig beachtliche Schäden an den Möbeln. Scharniere rissen aus dem Holz, Schubladen stürzten zu Boden und zerbrachen.

Ebenso wenig bemerkte jemand ein vom Brandstifter benutztes Besteck im Küchenbecken oder in der Spülmaschine. Sicher, mir könnte durchaus entgangen sein, wie er in einem unbeobachteten Augenblick schon früher, vor seinem Rückzug, ein Besteck mit in sein Zimmer genommen hatte. Zwar sitze ich oft lange, aber trotzdem nicht rund um die Uhr über meiner Arbeit am großen Eichentisch.

Es wäre also durchaus möglich, Otisse versteckte in seinem Zimmer Messer, Gabel und Löffel in einem verborgenen Winkel seiner Unterkunft. Er könnte die Esswerkzeuge heimlich hervorholen und nach der Mahlzeit mit einem alten Lappen oder an seiner Kleidung abwischen. So müsste er die Spülmaschine nicht benutzen. Der zusätzliche Weg in den Gemeinschaftsraum bliebe ihm erspart.

Das wäre eine Möglichkeit. Allerdings erschien es mir viel wahrscheinlicher, dass sich der Brandstifter so wenig mit der Reinigung seines Geschirrs wie mit der Hygiene seines Körpers befasste. Womöglich benutzte er gar kein Besteck. Der Zustand seiner klebrig-schwarzen Hände ließ eben dies jedenfalls erahnen. Otisse sah so aus, als würde er die Ölsardinen mit den Fingern aus der Büchse ziehen, dann die glitschigen Fische mit dem Daumen über die Brotscheiben zerdrücken, das Öl darüber gießen und schließlich die eingeweichte Brotscheibe mit krallenden Fingerspitzen in den Mund befördern. Ebenfalls erschien mir plausibel, dass noch immer der Schmutz aus dem Haus der toten Paula an seinen Händen haftete, das der Brandstifter im August angezündet hatte.

Mittlerweile zeigte der Kalender bereits März. Das noch junge Jahr begann zu altern. Im Garten öffneten sich die gelben Blüten der Forsythien. In den noch immer bitterkalten Nächten vernahm ich seit Wochen den lockenden Ruf eines Uhus. Laut und klar schallte der Ton des schönen Greifers durch die Dunkelheit und paarte sich mit dem gelb-roten Vollmond zum Vorzeichen der baldigen Veränderung. Die Zeit war gekommen, den Brandstifter anzusprechen, ihm mit meinen Fragen gefällige Antworten zu entlocken.

Wer in den Himmel darf

Grau dämmerte die Morgenstunde des frühen Märztages, als ich den Schlaf aus den Augen reibend durchs Fenster auf Pirmasens hinüber blickte. Das erste Licht war noch zu schwach, um die Farben der Stadt zu entzünden. Finster drohend erhoben sich die die Doppeltürme der St.Pirmin-Kirche vor den Häusern des Berges Horeb. Hohläugig starrend, als wollten sie wie böse Fabelwesen die erwachenden Menschen aus den Betten zerren, ihre blutigen Leiber auf dem Altar ihres toten Gottes unter dem Klang dröhnender Glockenschläge zerschneiden und das Fleisch verspeisen. Von guten Mächten lange verlassen wackelte die getürmte Mitra voll des kalten Nichts.

pirminius-kirche pirmasens mit schlossbrunnen
Svetlana fürchtet sich vor den Türmen der St.Pirmin-Kirche in Pirmasens.

Ich wendete meinen Blick vom Grauen dieses Morgens zu dem, was mich an diesem Tag erwartete. Auch das vor mir Liegende reckte sich in die Höhe. Dieser Turm stellte exakt jene Frage, welche der christliche Glaube so sehnsüchtig wie vergeblich beantworten wollte: Wer ist zum Reich Gottes auserwählt?

An meinem Platz am großen Eichentisch lag der Stapel wie mit dem Winkellineal ausgemessen neben dem Computer, dem Notizbuch und dem roten Stift für mich bereit. Bestehend aus 49 wohl gestalteten Bewerbungsmappen, eingesendet von hoffenden und liebenden Familienmüttern sowie einigen wenigen Einzelpersonen. Solche Hefte flehen stets inständig um meine gnädige Beachtung.

Ihre Verfasserinnen würden alles darum geben, in die Pirmasenser Kolonie eintreten zu dürfen, sich und ihre Familien in Sicherheit zu wissen. Ester Berlin, die Leiterin der Geistlichen Hütte, hatte dieses Tagewerk in der Nacht für mich vorbereitet. So wie sie es immer für die Mitgliederinnen der Geistlichen Hütte tat. Die Plätze von Claude Otisse, Fetthans Pirmasens, Hunde-Tommy, Pfarrer Theophil Meisterberg und Ester Berlin selbst waren in gleicher Weise mit je einem Stapel dieser sehnsüchtigen Dokumente versehen.

Schnell noch bereitete der Automat brummend eine Tasse Kaffee, während ich einen frischen Plastikbeutel dunklen Tabaks öffnete. Bevor ich mich auf meinem Stuhl am großen Eichentisch niederließ, griff ich den Aschenbecher aus dem Unterschrank der Spüle. Als mein Arbeitstag begann, lag der Gemeinschaftsraum noch in friedlicher Ruhe. Nur der Frühling zwitscherte aus dem Streuobstgarten freudig herein. Die anderen Mitgliederinnen der Geistlichen Hütte schliefen noch. Meistens begann das Leben im Gemeinschaftsraum erst zwischen 9 und 10 Uhr.

Also ging ich jetzt ungestört ans Tagewerk. Sechs Bewerbungshefte zog ich aus dem Stapel. Den Rest schob ich zur Mitte des Tisches. Die Kolonistinnen der Posthütte werden diese Mappen später abholen. Sie scannen und speichern die Namen der Absenderinnen, die somit von einer erneuten Bewerbung ausgeschlossen sind.

Eine Lotterie zum Gottesreich

Die Lotterie, unsere Arbeitshaltung und der persönliche Geschmack entscheiden somit über den Zugang ins Reich Gottes. Weil Gott nicht eigenhändig auswählen will, hat sie diese Aufgabe der Geistlichen Hütte übertragen. Wie wir auswählen sollen, hat uns Gott allerdings nicht mitgeteilt. Weil sie uns keine Anweisung gab, wer wie und aus welchen Gründen erwählt und wer verworfen sein soll, entwarfen wir selbst eine unverbindliche Anleitung. Laut dieser werden jeder Mitgliederin der Geistlichen Hütte an Wochentagen außer samstags 49 Bewerbungen vorgelegt. Weil von den sieben Arbeitsplätzen der Geistlichen Hütte bisher nur fünf besetzt sind, können wir höchstens 245 Mappen täglich annehmen.

Wie viele der 49 Hefte sie ansehen mag, bleibt letztlich jeder Mitgliederin überlassen. Namentlich Claude Otisse lässt seit Monaten sein Tagespensum unberührt am Arbeitsplatz liegen. Für die Bewerberinnen hat seine Trägheit schicksalhafte Folgen. Sie werden endgültig abgelehnt. Im Unterschied zum Brandstifter Otisse sind sich die übrigen Mitgliederinnen der Bedeutung ihrer Aufgabe bewusst. Deswegen befassen sie sich regelmäßig mit diesen letzten Hoffnungen aus Papier, Tinte und Plastikfolie. Jede Mitgliederin wählt sechs Mappen aus, von denen wiederum mindestens drei gelesen und geprüft werden sollen. So hat sich das Verfahren mit der Zeit eingespielt.

Das Gelbwurstbrot für den Brandstifter

So steckte ich eine Zigarette zwischen die Lippen, nippte zweimal an der Kaffeetasse und griff zu. Das oben auf liegende Foto im Format eines DIN-A-4-Blatts zeigte eine fünfköpfige Familie. Die Eltern, ein heterosexuelles Paar in seinen frühen Vierzigern, hatten sich zwecks Aufnahme mit ihren Kindern im gepflegten Vorgarten ihres Reihenhauses versammelt. Die Eltern stehen dahinter, die Kleinen nach dem Alter nach von links nach rechts aufgereiht davor.

Just in dem Moment, als ich das Foto genauer betrachten wollte, schob sich plötzlich ein grauer Nebel zwischen mich und die Mappe. Ich versuchte, das lästige Grau mit einem Handstreich wegzuwischen ‒ vergeblich. War die Brille dreckig? Ich wischte über die Gläser, aber der Nebel blieb. Einen Moment lang glaubte ich noch, die Beschichtung des Fotos trübte meinen ansonsten klaren Blick.

Aber es half mir auch nicht, die aufgeschlagene Mappe etwas gegen das Licht von der Decke zu halten und sie dabei leicht in verschiedene Richtungen zu neigen. Da bemerkte ich den Schatten, der sich von der Seite über den Tisch und die Mappe gelegt hatte. Und ich roch den Gestank. Der Ursprung des Übels war Claude Otisse, der seinen Körper unbemerkt zwischen mich und das mittlerweile vom Tageslicht erhellte Fenster geschoben hatte. Langsam drehte ich den Kopf. Dann erblickte ich den dicken, ungewaschenen Mann.

Die Angst der Terroristin vor dem bösen Blick

Tatsächlich. Der ewig besoffene Brandstifter war aus seinem Zimmer gekommen und stand in seiner gewalttätigen Erscheinung nicht weit von meinem Platz entfernt im Gemeinschaftsraum. Sein schwarz beflecktes und mit eitrigen Ekzemen übersätes Gesicht schaute grinsend auf mich herab. Die grau-blauen Augen fixierten mich. Der Brandstifter verkrallte sich in mir. Seine unsichtbaren, mit Widerhaken besetzten Blicke stachen wie die giftigen Tentakeln einer Qualle tief unter meine Haut. Ich fühlte einen brennenden Schmerz im Unterkörper, der sich rasend durch den Bauch und hoch bis zum Hals ausbreitete. Ich presste unwillkürlich die Beine zusammen und verschränkte die Arme vor meinen Brüsten. Etwas verstopfte mir den Hals. Der Puls hämmerte in meinen Schläfen. Ich hatte Angst vor ihm.

Zwar ahnte ich schon länger, dass sich die Begegnung mit Claude Otisse alles andere als angenehm, heiter und fröhlich anfühlen würde. Trotzdem hatte ich gehofft, die Situation souverän meistern zu können. Aber jetzt, da es unversehens soweit war? Der Brandstifter löste Gefühle in mir aus, die mich überwältigten, die mich von einer souveränen Frau am Anfang ihres siebten Lebensjahrzehnts in das ohnmächtige, kleine Mädchen zurück verwandelten, das ich einmal gewesen bin.

Ein Handel gegen den Ekel

“Mach mir bitte ein Gelbwurstbrot!”, bat mich der Brandstifter mit ruhiger und gedämpfter Stimme. Ich erstarrte, als er einen Schritt auf mich zu machte. Er beugte sich drohend zu mir hinunter und fixierte mich weiter mit seinen Blicken. Der strenge Gestank von altem Schweiß, Kot, Urin und Zahnfäule ließ mich vor Ekel erschauern. Ich versuchte dem Grabgeruch zu entkommen. Das Gelbwurstbrot war meine Chance, ein paar Meter Distanz zwischen mich und den Brandstifter zu bringen.

gelbwurstbrot für den brandstifter
Svetlana serviert dem Brandstifter Claude Otisse ein Gelbwurstbrot.

Also schlug ich einen Handel vor: “Einverstanden! Wenn du dich auf seinen Platz setzt, mach’ ich dir ein schönes Gelbwurstbrot.” Der Brandstifter wippte einige Sekunden der Höhe nach nach auf seinen Füßen, schwankte leicht, aber fand schnell ins Gleichgewicht zurück. “Das wäre sehr nett von dir, Svetlana. Ich habe nämlich Hunger.” Dann ging Claude Otisse zu seinem Platz an der gegenüber liegenden Seite des großen Eichentischs und ließ sich auf seinem Stuhl nieder. Der stinkende Nebel wich von meinen Augen. Der quälende Schmerz ließ zwar nach, verschwand aber nicht.

Ich erhob mich und stellte zwei Fenster auf Kipp, bevor ich an der Küchenzeile das Gelbwurstbrot zubereitete. Seine Tentakel ließen mich nicht los. Die Augen des Brandstifters klebten an meinem Körper fest wie Fangarme. Das große Brotmesser schnitt eine dicke Scheibe vom Laib. Einen Augenblick länger als nötig hielt ich das lange Messer in der Hand und betrachtete die scharf geschliffene Klinge.

Dann holte ich den Plastikbehälter mit der bereits geschnittenen Gelbwurst aus dem Kühlschrank, strich Butter über das Brot und belegte es satt mit Wurst. Schließlich servierte ich dem Brandstifter das Gelbwurstbrot wie gewünscht auf einem Teller. Claude Otisse bedankte sich, äußerte aber sogleich einen weiteren Wunsch: “Reichst du mir bitte noch ein Gottbier? Meine Kehle ist trocken, ich habe Durst!” Der Pfarrer hatte bereits am Abend eine frische Kiste neben Otisses Tür gestellt. Ich umrundete den großen Eichentisch, nahm eine Flasche heraus und brachte sie dem Brandstifter.

Wie ein verschüttetes Gottbier über Leben und Tod entscheidet

“Danke!”, gab der stinkende Mann zurück. Während Claude Otisse hektisch in seinen Hosentaschen nach einem Feuerzeug kramte, passierte ihm ein Missgeschick. Mit dem Ellbogen stieß er an den Hals der Gottbierflasche und warf sie um. Die Flasche rollte in einem Bogen über den Tisch, stieß an den Bewerbungsstapel vor Otisse, wo sie liegen blieb. Der Brandstifter griff nach dem Gottbier, nahm die Flasche in die Hand und hebelte den Kronenkorken mit seinem Feuerzeug herunter.

Sofort spritzte ein Strahl aus weißem Schaum über den Stapel an Ester Berlins Arbeitsplatz. Zwar nahm Otisse mit der routinierten Schnelligkeit eines Alkoholikers die Öffnung der Flasche in den Mund und sog den Inhalt ein wie ein halb verhungerter Säugling die Muttermilch. Doch es war zu spät. Esters Mappen waren mit Bier überspült. Vom voll gesogenen Papier wird die Leiterin der Geistlichen Hütte keine Bewerbung lesen wollen. Das wusste auch der Brandstifter. “Es werden neue Bewerbungen kommen”, meinte Otisse tröstend, während er Esters Stapel zur Mitte des großen Eichentischs schob und damit 49 Bewerberinnen nebst Familien den Weg ins Reich Gottes für immer versperrte.

Der Brandstifter ist satt und muss scheißen

Die Bierpfützen auf dem Tisch wischte Otisse mit den Unterarmen und den Händen zum Rand des großen Eichentischs, von wo die Flüssigkeit auf die Dielen herab tropfte. Kaum hatte er die Tischplatte leidlich vom Gottbier befreit, klaubte er die Gelbwurst mit den Fingerspitzen von aus der Butter von der Brotscheibe und stopfte sie in den Mund. Danach verleibte er sich das übrige Butterbrot ein und saugte die Bierflasche mit in einem Zug bis zur Neige leer. Der nun gesättigt wirkende Brandstifter sah mich an und rülpste laut und stimmhaft.

Ich antwortete: “Darf ich dir noch etwas bringen?” Claude Otisse besah sich seine Hände. Vielleicht hoffte er, auf deren schmutzigen Oberflächen die Antwort auf meine Frage zu finden. Nach dem er in seinen Handflächen gelesen hatte, sah mich der Brandstifter mit offenem Mund an. Vermutlich dachte er noch einmal kurz über seine Wünsche nach. Schließlich rief er laut in mein Gesicht: “Ich muss scheißen!”

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