Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Große Angst. Die fliehende Spirale der Wahrheit.

Die Wahrheit windet sich. Die Wahrheit dreht sich. Die Wahrheit biegt sich. Die Wahrheit streckt sich. Die Wahrheit ist eine Spirale in blähender Bewegung. Nicht fassbar, niemals einholbar, immer fliehend. Die Jagd ist vergeblich, die Suche ewig ziellos, in der Fülle ihrer Schritte ist sie dem Zweifel innerlich. Ich gehe nicht links, ich gehe linkisch. Ich gehe nicht rechts, ich gehe rechtlich. In meiner Spirale beugt mich der Drall.

Oben ist unten, unten ist oben, links ist rechts, hell ist dunkel. Der verbogene Horizont versperrt die Sicht. Die Stadt liegt eng im Winkel, sie verweigert ihren Blick. Ich sehe sie nicht, sie schaut mich nicht an. Sie weiß es nicht, weil sich die Wahrheit der Spirale beugt. Die Wahrheit kniet nieder, ächzt und stöhnt leise aus der Ekstase.

Die Tasse vor mir – ich greife nach ihr. Aber ich bekomme das Gefäß nicht zu fassen, meine Finger, meine Hände gehen fehl. Meine Arme strecke ich nach der Tasse aus, die Enden meiner Glieder verliere ich im Raum. Ich spüre die Wahrheit, sie ist das Nichts. Das Nichts kennt keine Frage. Die Tasse ist nicht, der Tee ist nicht, der Tisch ist nicht, das Wissen ist nicht, die Wahrheit ist nicht.

Die Frau mir gegenüber auf dem Ledersessel hat mir ihren Namen auf dem Silbertablett herüber gereicht. Ich möge ihren Namen nehmen. Doch ich lehne dankend ab. Ich mag ihren Namen nicht bei mir haben. Nein, ich nenne sie nicht beim Namen. Sie ist die Frau mir gegenüber, eine Frau wie alle Frauen, alle Menschen, ein der Sexus einer Gattung, eine von den namenlosen Vielen ohne Unterschied, eine entflohene Wahrheit, die nicht zu fassen ist.

Sie sei eine Geschäftsfrau, so sagt sie zu mir, ihre Worte in der endlosen Spirale drehend. Ihre Finger fuchteln wild herum. Arme, Haare, Augen, Kopf, Hals, Körper, Beine, Füße, eine Spirale zum Antlitz eines Menschen geformt, sich vor mir windend. Nein, einen Namen will ich nicht, nicht den Ihren. Doch wer Antworten will und nach einer gebogen Wahrheit sucht, muss zu den Fragen greifen. Wer? Was? Wo? Wann? Warum? Die Fragen sind die schärfsten Waffen zur Jagd nach der Wahrheit.

Doch darf eine Namenlose diese Waffen abfeuern, diese Fragen stellen? Die Tasse voll mit Tee, der Säure sein könnte. Die bürgerliche Schwärze ihres Ledersessels, die strahlende Helle ihrer Terrassentür. Die Ornamente ihrer Schränke. Die Bilder an der Wand. Die Gegenstände ihres anscheinenden Besitzen ermächtigen die Namenlose. Obwohl ohne Recht und Berechtigung fragt sie mich. Mich, der ich einen Namen trage. Mich, Claude Otisse. Mich, der ich aufgebrochen bin, die Wahrheit zu erlegen. Mich, der ich den Spiralen mutig entgegen trete.

Wo ist der Mann mit Hut? Wo ist er, der die Antworten meiner Fragen kennt? Ich finde ihn nicht. Statt seiner winselt mir die Namenlose ihre Fragen entgegen. Sich im Ledersessel erhebend, stetig zu einer Riesin heran wachsend. Ich schaue wieder nach der Tasse, will das Porzellan ergreifen. An die Wand will ich die Tasse werden. Tausend Splitter und ein Aufschrei. Doch die Berührung schreckt meine Hand zurück. Kraftlos, müde schlucke ich den Tee. Bitter und lau drang die Flüssigkeit in mich ein.

Warum ich den Winter besoffen im Zimmer zerlebt habe. Das will die Namenlose von mir wissen. Was für eine Dreistigkeit, diese Frage nach Warum. Die Gründe meines Handelns? Woher soll ich die kennen und in Worte pressen? Gibt es diese Gründe überhaupt? Trotz dem sich mein Inneres im prallen Widerwillen gegen die Namenlose aufbäumt, fehlt mir doch die Kraft zur letzten Weigerung. Also kapituliere ich. Beginne, über die Gründe zu grübeln.

Eine Spirale der Wahrheit braucht keine Gründe

Nein, das ist gewiss. An dem Tag, in der Stunde, der Minute, da ich beschloss, die Tür hinter mir zu verriegeln, kannte ich die Gründe nicht. Es war ein bloßer Impuls, ein vages Gefühl. Schmerzen im Oberbauch, der saure Magen. Ja, das mag es auch gewesen sein. Dieses irre Stechen im Hals. Vielleicht auch das. Eine schimmernde Spirale hat sie mich mitgerissen in die finstere und gleichsam erlösende Wahrheit des nahen Todes.

Die Sardinen habe ich angefasst. Wie glitschig die toten Fische sind. Das Öl lief an meinen spitzen Fingern hinunter, flutete über die Handflächen und mühte sich den Arm hinauf bis zu den Ellbogen. Dort saugte sich die zähe Flüssigkeit in den Stoff meines Kaputzenshirts hinein. Das billige Pflanzenöl vereinigte meine Haut mit dem schmutzigen Stoff, während mein Mund die Fischkörper mit schmatzigen Lippen und mahlenden Zähnen verschlang. Das entleerte Weißblech klapperte zu meinen Füßen, rutschte scheppernd vom Tisch.

Den aufgerissenen Deckel zur scharfen Spirale gedreht, schnitt mich diese Wahrheit in den Zeigefinger. Das Blut tropfte, strömte, floss in einem roten Faden, emulgierte schließlich zu trüb-roten Öl als wäre es das Blut der Fische. Eine Scheibe welken Brotes aus der Plastiktüte war mein liebster Schwamm. Der saugte das Blutöl auf. Dann aß ich das schwere Brot von klammen Fingern. Die Krümel geiferten in den Mundwinkeln, die wischte der Ärmel ab.

„Mit wem hast du geredet, Otisse? Wer war dir ein lebendiges Gegenüber?“ Geredet? Was meint sie damit? Gesprochen, das habe ich. Aber geredet? Einen Dialog, ein Gespräch mit anderen Menschen, Personen geführt? Gedanken getauscht? Mit keiner Person, mit niemandem. Außer mit Pfarrer Theophil Meisterberg. Der Geistliche versorgte mich täglich mit Ölsardinen, Äpfeln und Bier. Der treu sorgende Mann muss meine spärlichen Lebensäußerungen beobachtet haben. Immer wenn meine Vorräte im Zimmer aufgebraucht waren und ich in die Küche ging, um aufzufüllen, standen die Sachen schon bereit. Wir, die beiden Männer, sprachen wortlos miteinander.

Die Fülle und Leere der Gefäße reichte aus zum Zeichen. Dieser symbolische Dialog wirkte in einem anderen Medium als dem der Worte. Eine Bildersprache, wie sie zu Beginn der Menschheitsgeschichte gesprochen wurde. Hatte ich eine gewisse Zahl von Ölsardinenbüchsen geöffnet und geleert, warf ich sie aus dem Fenster. Genauso hielt ich es mit den Bierkästen. Waren 20 Flaschen am Ende eines Tages ausgesoffen, so stürzte ich die Kiste morgens über die Fensterbrüstung nach draußen in den Streuobstgarten.

Theophil räumte den Dosenmüll und die Flaschen beiseite. Daraus schloss er auf meinen Bedarf und besorgte Nachschub. Die Anderen in der Geistlichen Hütte scherten sich nicht um mich. Ich hörte sie bisweilen lautstark klagen und lamentierten, tratschen und ihre bösen Reden führen. Um so mehr sie mich anklagten, um so mehr festigte sich mein Entschluss, das Zimmer nicht mehr zu verlassen. Spott, Häme und Vorwürfe wegen der versäumten Arbeit würden mich am großen Eichentisch erwarten. Dem wollte ich entgehen. Keine Arbeit ist diese Anklage hinzunehmen wert.

Angst vor den Menschen, Fluch und Segen der Einsamkeit

„Hattest du Angst vor ihnen?“, fragt die Frau im Ledersessel. Dabei öffnet sie neugierig den Mund und reckt ihn mir entgegen, als wollte sie die erwartete Antwort sogleich verschlingen. Angst? Ich weiß gar nicht, was Angst eigentlich ist, will es nicht wissen. Wovor sollte ich Angst haben? Schon als Kind war ich immer einer der Größten in der Klasse.