Psychiatrie: Warum wurde die neue Gott eingewiesen?

Feier einer Reliquie in einer christlichen Kirche. Musste Gott deshalb in die Psychiatrie?
Feier einer Reliquie in einer christlichen Kirche. Musste Gott deshalb in die Psychiatrie?

Zum Interview in die Psychiatrie? Das ist auch für mich nicht alltäglich. Aber der ungewöhnliche Ort für das Interview hatte einen guten Grund. Das Erscheinen Gottes in Bad Liebenzell versetzt den ganzen Schwarzwald in Aufruhr. Allerdings glaubt niemand ans letzte Gericht. Vielmehr dreht sich die Diskussion um das Schicksal einer afrikanischen Prostituierten.

Denn die behauptet, sie sei Gott. Nach einer Strafanzeige wegen des Verdachts der Blasphemie und einem Unterbringungsbeschluss vom Amtsgericht hat man die selbst ernannte Gott schließlich in die Psychiatrie gebracht. Jedoch ist Gott unter bislang ungeklärten Umständen entkommen. Als Journalist hatte ich die Gelegenheit, die verantwortliche Psychiaterin zum Fall Gottes zu befragen. Lesen Sie hier das Interview.

Frau Dr.Grüneisen, warum wurde Gott in die Psychiatrie eingeliefert und wie konnte Gott aus der Psychiatrie entweichen?
Gott drohte den ermittelnden Polizeibeamten mit Gewalt. Wegen der möglichen Fremdgefährdung – ich vermutete eine Psychose mit religiösen Wahnvorstellungen – ordnete das Gericht auf meinen Antrag hin die Unterbringung Gottes in der Psychiatrie an. Mit dem Beschluss in der Tasche suchten wir Gott in ihrem Institut für weibliche Dominanz auf. Nach einem kurzen Gespräch mit mir ließ sie sich widerstandslos zur Klinik nach Karlsruhe transportieren. Dort führte ich in einem gesicherten Raum der forensischen Abteilung ein weiteres Gespräch mit ihr. Doch auf einmal verschwand Gott.

Wie Gott das angestellte, kann ich nicht erklären. Für die fraglichen Augenblicke fehlt mir die Erinnerung. Die Video-Aufzeichnung war ausgerechnet in den entscheidenden Minuten gestört. Unser Verdacht richtet sich gegen Angehörige des Klinikpersonals. Die Ermittlungen laufen, deswegen kann ich dazu eine weiteren Auskünfte geben.

Wie lange haben Sie mit Gott gesprochen?
Genau 2 Stunden und 31 Minuten. Es war ein freundliches und intensives Gespräch. Sie beantwortete freimütig und ohne Zögern meine Fragen. Ich verbrachte im Vergleich zu ähnlichen Gesprächen kurzweilige 151 Minuten, obwohl ich unseren standardisierten Fragenkatalog strikt befolgte.

 

Inwieweit hat das Gespräch den Verdacht einer Psychose bestätigt?
Ich konnte einige Anzeichen einer wahnhaften Psychose bei Gott finden. Eines davon ist die Behauptung dieser afrikanischen Domina, sie sei Gott. Also die Schöpferin des Himmels und der Erde. Sie sei gekommen, um ihr Reich auf Erden zu errichten. Damit sich die Menschen nicht zu sehr fürchteten, habe sie die Gestalt einer mächtigen Herrscherin aus Zentralafrika angenommen.

Dieses Denken ist aus meiner Sicht Teil eines Wahnsystems mit religiösen Inhalten. Neben dem Realitätsverlust und der überwertigen Idee vom Gottsein ist in der Ankündigung des Gottesreiches die Fremdgefährdung zu sehen, weil es dafür zur Übernahme der politischen Macht kommen muss. Da Gott sich wohl kaum zur Wahl stellen wird, ist in dieser Ankündigung eine Gewaltandrohung enthalten. Einen Gottesstaat errichten zu wollen kann als verfassungsfeindlich und als Bedrohung der inneren Sicherheit gesehen werden. Die Zwangseinweisung Gottes in die Psychiatrie ist damit hinreichend begründet.

Gott sitzt ohnmächtig in der Psychiatrie

Mit welchen Mitteln will Gott ihr irdisches Reich errichten?
Das habe ich Gott auch gefragt. Und zwar, weil ihr diese Frage den Widerspruch ihrer behaupteten Macht zu ihrer tatsächlichen Lage eindringlich hätte vor Augen führen müssen. Schließlich war sie unter Bewachung von vier kräftigen Pflegerinnen mit mir in einen geschlossenen Raum gesperrt worden. Doch ihre ohnmächtige Lage beeindruckte diese Person in keiner Weise. Was durchaus als ein weiterer Hinweis auf ihren wahnhaften Realitätsverlust gedeutet werden kann.

Vom Elend, nicht träumen zu können

Verstehe, Frau Dr.Grüneisen. Können Sie bitte die Antwort Gottes auf diese Frage wiedergeben?
Gott sagte, sie nehme mit den auserwählten Menschen in deren Träumen in Kontakt auf. Auf diesem Weg trete sie in einen inneren Dialog mit jenen, die am Reich Gottes teilhaben dürfen. Diese erlebten ihre Berufung in der Gefühlswelt, die über den Verstand bestimme. Sie liebe die Träumerinnen, erklärte Gott.

Menschen, die traumlos leben, seien von der Gemeinschaft mit Gott ausgeschlossen, sagte sie. Die seien verurteilt, Anerkennung und Bewunderung in der äußeren Welt zu finden, um sich geliebt zu fühlen. Mittels dieser Unterscheidung vollziehe Gott jetzt und heute das letzte Gericht. Das verlaufe äußerlich ruhig. Es sei kein Spektakel am Firmament zu erwarten, fügte Gott noch ironisch hinzu, bevor sie den Raum verließ.

Wie ordnen Sie diese Aussagen wissenschaftlich ein?
Es gibt in der klinischen Praxis tatsächlich eine Gruppe von Patienten, die sich nicht an ihre Träume erinnert. Sie berichten stets von einem traumlosen Schlaf. Die allermeisten der Traumlosen kommen wegen einer schweren Depression zu uns. Nicht selten nach einem Suizidversuch. Dieser Befund ist für uns der Einstieg in die biografische Arbeit.

Traumlose Menschen sind oft Narzissten

Bei den Traumlosen kommt oft eine narzisstische Persönlichkeitsstörung heraus. Deren Symptome entsprechen grob gesagt dem, was Gott über die Ausgeschlossenen sagte. Diese Menschen sind extrem ichbezogen, rechthaberisch und uneinsichtig. Zugleich sind sie unfähig, anderen mit Empathie zu begegnen und sind zur Liebe unfähig.


Besitz und Erfolg – sei es eigener Erfolg oder die neidische Identifikation mit fremdem Ruhm – dienen ihnen als Ersatz für den Kontakt zu ihrem Inneren. Es ist der Ersatz eines Gefühlslebens, das bei Gesunden in den Träumen seinen Ausdruck findet.

Weil die Traumlosen ebenso wie alle anderen den Rückschlägen, Krankheiten und letztlich dem Alter ausgesetzt sind, gelingt es diesen Patienten irgendwann nicht mehr, die Phantasie der eigenen Größe aufrecht zu erhalten. Dann werden diese Leute depressiv und verbittert. Es sind also nicht das Maß des äußeren Erfolgs und des erlangten Besitzes entscheidend über die Lebenszufriedenheit. Vielmehr sind ein lebendiges Gefühlsleben und der Kontakt zum Inneren entscheidend.

Heißt das, Gott könnte Recht haben?
Ja, sie könnte Recht haben. Wie gesagt können Traumlosigkeit und Narzissmus gemeinsam auftreten. Das sind dann die schlimmsten Fälle. Soweit decken sich Gottes Aussagen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen und unserer klinischen Erfahrung. Angesichts dessen könnte man die Traumlosigkeit durchaus als Zeichen eines Verdikts, als ein Urteil begreifen.

Diese bedauernswerten Menschen bleiben schließlich zeitlebens von der Liebe und jeglichem emotionalen Gemeinschaftserleben ausgeschlossen. Daher sind sie Gefangene ihrer Unzufriedenheit, der sie mit Leistung und Anpassung zu entkommen versuchen. Sie werden das Reich Gottes nicht schauen, beschreibt ein mythologischer Ausdruck dieses psychische Phänomen sehr zutreffend.

Gott ist transsexuell

Was können Sie über die Sexualität Gottes sagen?
Bereits vor Gottes Einlieferung in unsere Klinik hörte ich von ihrer Transsexualität. Die Erscheinung Gottes ist die einer sexuell attraktiven, gesunden, sportlichen, hochgewachsenen Afrikanerin. Sie trug eine für die Profession der Domina typische Bekleidung.

Während sie im Deeskalationsraum auf dem Stuhl vor mir saß, erlaubte der schmale Minirock einen freien Blick in Gottes unbedeckten Intimbereich. Aus dieser Anschauung heraus kann ich das Hörensagen bestätigen. Aus Gottes Vulva ragt ein vollwertiger Penis. Den sichtbaren Geschlechtsmerkmalen nach ist Gott Mann und Frau zugleich.

Wie lautet Ihre abschließende Einschätzung der psychischen Gesundheit Gottes?
Eine abschließende psychiatrische Diagnose meinerseits gibt es noch nicht. Dafür hätte ich mehr Zeit haben müssen.
Der Unterbringungsbeschluss bleibt jedoch in Kraft. Sobald wir Gott habhaft werden, setze ich die Untersuchungen fort.

 Das Interview führte Claude Otisse.

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