Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Glaube: Fragen an Pfarrer Theophil Meisterberg

Blick in die Kathedrale von LeHavre. Der Glaube macht Menschen widerstandsfähig gegen den Zeitgeist.
Der Glaube macht Menschen widerstandsfähig gegen den Zeitgeist.

Ist Glaube heute noch möglich? Sind Gläubige immer verdächtig? Unterdrückt der Glaube Frauen? Hasst der Glaube die Homosexuellen? Sind Gläubige evangelikal oder fundamentalistisch? Bedeutet ein Glaube, die Erkenntnisse der Wissenschaft zu leugnen, das Elend in der Welt zu ignorieren und dem religiösen Wahn zu verfallen?
Fragen über Fragen. Zweifel über Zweifel. Pfarrer Theophil Meisterberg erklärt Claude Otisse, wie Glaube trotzdem möglich ist.


Otisse: Was ist?

Theophil: Das Nichts ist!

Otisse: Ist Gott nichts?

Theophil: Das Nichts ist Gott!

Otisse: Wie kannst du das behaupten?

Theophil: Nun, Otisse, das sagt die biblische Schöpfungsgeschichte.

Otisse: Die Schöpfungsgeschichte? Du meinst Adam und Eva?

Theophil: Diese Sage erzählt uns, wie die ersten Menschen ihren Gott erschaffen haben. Wenn wir die Geschichte aus diesem Blickwinkel betrachten. Dann wird uns schnell klar, warum wir auch heute noch Glaube brauchen.

Otisse: Also Adam und Eva haben Gott erschaffen?

Theophil: Ja, natürlich. Als die ersten Menschen sich selbst erkannten, merkten sie, dass sie denken konnten. Sie versuchten, ihre Welt zu verstehen und zu erklären. Die Welt zeigte sich mal freundlich, mal feindselig und gefährlich. Die Menschen waren der Natur schutzlos ausgeliefert. Siedelten sie wie Adam und Eva in einem Garten Eden mit guter Nahrungsgrundlage, ging es ihnen gut. Aber es konnte jederzeit das Unheil über sie hereinbrechen, das sie mit Feuerschwertern aus dem Paradies vertrieb.

Fruchtbare Erde am Vulkan


Wo fanden die Beduinen in der Gegend des Sinai besonders fruchtbare Siedlungsgründe? An den den Hängen eines Vulkans. Aber sobald der Vulkan ausbricht, sind die paradiesischen Zeiten vorbei. Adam und Eva müssen fliehen und woanders neu anfangen.
Hinter diesen jähzornigen Kräfte setzten die ersten Menschen den Namen Gott als deren Verursacher. Der Glaube entstand. An anderer Stelle des Alten Testaments findet sich der Feuer speiende und dampfende Gott wieder. Nach der Flucht aus Ägypten zogen die Israeliten jahrelang als Nomaden durch die Wüste Sinai – ihrem Gott folgend, der nachts als Feuerschein, und tags als Wolke den Weg wies.

Otisse: Wie bitte? Gott ist ein Vulkan?

Theophil: Gott war eine Anschauung von einem Vulkan. Daraus ging mit der Zeit eine Vorstellung von Gott hervor. Die Menschen fanden keine andere Erklärung. Sie dachten sich die Vulkane übermächtige Wesen, denen sie schutzlos ausgeliefert waren. Es gab viele derartige Erscheinungen. Das Wetter, die wilden Tiere, feindliche Menschen, Erdbeben und eben Vulkanausbrüche. So sind zunächst viele Götter entstanden. Aus denen wurde später eine einzige Gottheit, welche die Bilder der vielen Götter in sich trägt.

Glaube und Denken

Otisse: Wenn Gott eine lebendige Vorstellung ist: Existiert er nur, weil es Menschen gibt, die diese Vorstellung haben?

Theophil: Erkenntnis und Erkennen sind untrennbar mit den Sinnen und dem Aufbau und Funktion des Gehirns verbunden. Anschauungen und Vorstellungen kann es daher nur innerhalb dieser Grenzen geben. Die Farbe Rot erkennen wir, weil wir Rezeptoren für eine bestimmte Wellenlänge des Lichts in den Augen haben. Die meisten Wellenlängen erkennen wir jedoch nicht. Deswegen haben wir keine Empfindung und keinen natürlichen Begriff dafür. Diese können wir nur mit Hilfe von Instrumenten aus der Physik messen.


Die Sprache verhilft den Menschen zur Möglichkeit, ihre Vorstellung unter bestimmten Bedingungen zu teilen. Gott ist eine Vorstellung aus dem Bedürfnis heraus, den Sinnzusammenhang des menschlichen Daseins zu verstehen. „Der Mensch ist das Tier, das denken kann“, sagte die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich.

Otisse: Wir Menschen sind also Teil der Evolution und denkende Tiere. Ist das Bedürfnis nach dem Sinn des Lebens zu fragen demnach angeboren?

Theophil: Es gibt eine Reihe wissenschaftlicher Erkenntnisse, die für ein angeborenes Bedürfnis des Menschen nach Religiosität sprechen. Ja. Ich möchte das jetzt nicht im Einzelnen ausführen. Aber ich erwähne die Entwicklungspsychologie, die Neurowissenschaften, die Kognitionswissenschaften und die vergleichenden Kulturwissenschaften.

Es gibt so viele Vorstellungen von Gott wie Menschen und Kulturen. Wie man an den biblischen Schriften erkennt, durchläuft diese Gott- Vorstellung einen beträchtlichen Entwicklungsprozess. Die Menschen haben Gott nach ihren Bedürfnissen gestaltet. Es war ein weiter Weg vom zornigen Vulkan bis zum Wanderprediger, den sie Christus nannten.

Glaube an den Grenzen der Wissenschaft

Otisse: Bedeutet das, es gibt keine Gottheit außerhalb unserer Anschauung und unserem Denken?

Theophil: Die Grenzen der Möglichkeiten unseres Erkennens und der Erkenntnis sind gesetzt. Zwar können wir Instrumente und Werkzeuge erfinden, welche die Reichweite unserer Sinne erweitern. Beispielsweise das Mikroskop, Fernrohre und Raumschiffe. Auch können wir unsere Denkleistung mit Computern vergrößern. Aber eine Grenze bleibt immer.

Wir wissen aus der Evolutionstheorie, dass wir biologisch zu den Primaten gehören, und aus welchen Zusammenhängen das Leben auf der Erde entstand. Die Biologie sucht nach der Antwort auf die Frage, wie das vor sich ging.

Aber die Antworten auf die Fragen des Warum, des Wohin und nach dem Sinn des Lebens hat die Naturwissenschaft nicht gefunden. Diese Antworten bleiben wie bei den ersten Menschen unserer persönlichen Anschauung und Vorstellung überlassen. Ob es jenseits unserer Erkenntnisgrenzen und unserer Vorstellung ein göttliches Wesen gibt, wissen wir nicht. Sobald wir in der Welt nach ihm suchen, finden wir das Nichts.

Das Nichts ist unerträglich

Otisse: Und weil wir vom Nichts keine Anschauung haben können und von Gott auch nicht, dann ist das Nichts dasselbe wie Gott?

Theophil: Für Menschen ist die Gewissheit des Nichts unerträglich, obwohl diese Gewissheit die wissenschaftlich einzig mögliche ist. Weil das Nichts unerträglich ist, haben die Menschen das Nichts in Gott umgedeutet und dieser Gottheit die Eigenschaften einer Person zugedacht. Als Hinweis auf diesen mentalen Bedeutungswechsel kann man die Passage im Schöpfungsmythos „ … und die Erde war wüst und leer“ und den Schöpfergott annehmen.

Otisse: Welchen Vorteil bringt es uns, wenn wir statt ans Nichts an Gott glauben?

Theophil: Der oder die persönliche Gott ist erreichbar; man kann zu ihm oder ihr beten, sie um Genesung von einer Krankheit bitten, um eine gute Ernte, um Erfolg bei einer Prüfung. Es ist möglich, mit Gott einen inneren Dialog zu führen.

Es beruhigt ungemein zu sagen: „Ich komme von Gott und gehe zu Gott!“ Es ist ein wunderbar warmes und tröstendes Gefühl, sich von Gott gewollt und geliebt zu wissen. Selbst wenn man alt und krank wird, wenn das Lebensglück versagt bleibt und die große Liebe nie gekommen ist. Die Vorstellung von Gott bleibt bis zum letzten Atemzug.

Glaube macht gute Gefühle

Otisse: Also ermöglicht uns die Vorstellung einer Gott oder eines Gottes, das Nichts zu verdrängen und gute Gefühle zu haben?

Theophil: Stell‘ dir mal vor, Otisse, du beginnst deinen Tag mit dem Gedanken: „Ich komme aus dem Nichts!“, gehst abends zu Bett mit der Vorstellung: „Ich gehe ins Nichts!“ Wie wäre wohl deine psychische Befindlichkeit? Jede Wette, du würdest schnell in Depression und Wahnsinn verfallen. Ein solches Fürwahrhalten eines Gottes im Sinne des natürlichen Bedürfnisses nach Glauben schützt vor gesundheitlichen Gefahren. Ein weiterer Vorteil ist die Vielfalt an Glaubensvorstellungen, die friedlich nebeneinander existieren können.

Otisse: Du sprichst über die seelische Befindlichkeit der Gläubigen. Wie verhält sich das in den Beziehungen der Gläubigen zu anderen Menschen?

Theophil: Dass sich diese Vorstellung von einem Gott positiv auf das menschliche Miteinander auswirkt, ist meiner Meinung nach selbsterklärend. Wer statt ans Nichts an einen guten Gott glaubt, wird zufriedener sein. Gläubige werden mehr Empathie für ihre Mitmenschen aufbringen. Zugleich werden sie weniger ängstlich und offener sein. Gute Effekte dieser Art des Glaubens auf den Charakter eines Menschen darf man zurecht erwarten.

Otisse: Das heißt also, Gläubige sind bessere Menschen?

Theophil: Lieber Otisse, diese Frage weise ich zurück. Denn du gibst nicht an, welche Eigenschaften eines Menschen Du mit vergleichst und bewertest. Für einen Vergleich muss ich wissen, was vergleichen werden soll. Eine Bewertung braucht einen gültigen Maßstab.

Otisse: Theophil, du selbst vergleichst, wenn du positive Effekte des Gott-Glaubens auf den menschlichen Charakter feststellst. Als einzige Bedingung des Vergleichs gibst du „selbsterklärend“ an. Also stimmt auch der Vergleich nicht?

Theophil: Meine Erklärungen beruhen auf psychologischen Studien, die nach dem Zusammenhang von Gott-Glauben und Charakter suchen. Die Forscher haben eine Gruppe Ungläubige und eine Gruppe Gott-Gläubige nach den Charaktereigenschaften Neurotizismus, Intraversion und Extraversion, Offenheit, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit untersucht.

Die Ergebnisse wurden verglichen und die statistischen Zusammenhänge der einzelnen Merkmale mit dem Glauben ausgewertet. Allgemein gelten wenig neurotische, dafür aber offene und verträgliche Menschen als die angenehmeren Zeitgenossen. Die kommen öfter unter den Gott-Gläubigen vor. Das sind die Bedingungen meiner Aussage. Also ist meine Theorie allgemeingültig, bis es eine bessere gibt.

Gläubige Menschen leben freier als andere

Otisse: Gut, ich frage anders. Befolgen Gott-Gläubige die moralischen Regeln einer Gesellschaft gewissenhafter als Nichts-Gläubige?

Theophil: Eine Charaktereigenschaft beschreibt die Neigung einer Person, in bestimmten Situationen ähnliches Verhalten zu zeigen, so und so zu reagieren. Dagegen meint Moral das Verhalten, das von einer bestimmten Gruppe von Menschen geteilt wird und das ihre Mitglieder erwarten. Als guter Mensch gilt in der Gruppe derjenige, der diese Regeln befolgt und das erwartete Verhalten zeigt.

Die Moral knüpft mit ihren Forderungen an das Charaktermerkmal der Gewissenhaftigkeit an. Das starke Streben, diese zu erfüllen, stammt aus der Angst eines Menschen, den Anforderungen nicht zu genügen. Also sind unter den moralisch Angepassten, Eiferern und Mitläufern eher die Nichts-Gläubigen zu finden als Gott-Gläubige.

Gläubige fühlen sich von ihrem Gott geliebt und sind nicht zwingend auf die Anerkennung der Gruppe angewiesen. Das erlaubt ihnen ein selbstbestimmtes und freies Leben. Gläubige dürfen entscheiden, welcher Moral sich sich unterwerfen und welcher nicht.

Otisse: Der Glaube verlangt kein bestimmtes Verhalten von mir, ich muss mich nicht verändern?

Theophil: Die Furcht vor dem Nichts und die innere Vorstellung eines Gottes alleine begründen noch keine Regeln zur Lebensführung. Ein moralischer Wille Gottes existiert nicht. Es sind vielmehr die Regeln der Menschen. Sie unterwerfen den Einzelnen.

Damit geht die Behauptung eines moralischen Gottes einher. Dieses Unternehmen mündet immer in irgendeiner Ideologie. Ideologen bestimmen willkürlich, welcher Glaube richtig und falsch ist. Ideologen schreiben anderen vor, wie sie zu denken und zu leben haben. Dabei berufen sich viele von denen auf die Bibel, den Koran oder andere Schriften, den sie die höchste Autorität zusprechen. Aber mit Glaube und Gott hat das alles nichts zu tun. Dabei geht es um irdische Macht.

Es gilt das Gebot der Nächstenliebe

Otisse: So muss ich mich als Gott-Gläubiger um keine Moral und keine Ethik scheren?

Theophil: Das Gefühl von Gott geliebt zu sein entbindet nicht von den Verpflichtungen gegenüber den Mitmenschen. Mit Verstand und Gefühl erkennst Du, welche Moral für das Leben gut ist, und welche das Leben unterdrückt. „Liebe deinen Nächsten so wie dich selbst“, lautet des oberste Prinzip aller Regeln.

Bericht und Fotos: Claude Otisse

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