Geistliche Hütte: Drei Säufer im Müll

In Pirmasens geht es immer abwärts. Auch die Geistliche Hütte steht im Müll.
In Pirmasens geht es immer weiter abwärts. Auch die Geistliche Hütte der Kolonie ist marode.

Die Geistliche Hütte ist eine böse Falle für ihre Bewohner. Das hölzerne Bauwerk ist marode und morsch. Selbst die leichte Dachpappe ist bald zu schwer für die alten Balken. Die schimmeligen Bretter tragen kaum noch das eigene Gewicht.

Geistliche Hütte vor dem Einsturz

Bald wird die Geistliche Hütte einstürzen. Das ist leicht vorherzusehen. Wer ein derartiges Altholz ein Zuhause nennt, gibt sich der schönen Lüge hin, das Haus verliere nichts. Denn in so einem Zuhause kann sehr wohl das wertvollste überhaupt verloren gehen. Nämlich das Leben seiner Bewohnerinnen.

Ich frage mich angesichts dessen, wie ein Mensch in dieser Hütte lebend den Winter überstehen will. Zwar ragt ein rostiges Ofenrohr aus dem Dach. Aber was Theophil als Kamin sein eigen nennt, wird die zugige Wackelbude eher niederbrennen als wohlig einheizen. Dann verzehren ihn die Flammen im Schlaf. Sofern er nicht bereits erfroren ist.

Stinkender Müll davor, Bierkisten dahinter

Leere Konservendosen, verblichenes Papier in undefinierbaren Farben, faulende, abgenagte Knochen und andere achtlos weggeworfene Dinge lagen herum. Darunter altes Brot und verdorbenes Obst, die sich zu stinkenden Hügeln türmten. Fette Fliegen schwärmen die für sie leckeren Nahrungsquellen. Die schwarzen Punkte brummen und schwirren überall. Ich fahre um die grässliche Hütte herum bis zur Streuobstwiese dahinter.

Zwischen Apfel- und Birnbaum stehen die drei Männer von der Geistlichen Hütte. Sie halten ihre Bierflaschen in den Händen. Immerhin, die Streuobstwiese ist einigermaßen frei von Unrat. Dort lagern lediglich volle Bierkästen in großer Zahl. Über deren Zweck weiß ich Bescheid. Das hier ist der heilige Vorrat an Gottbier.

Die Sehnsucht nach Kernseife

Bei den Bierkästen steige ich aus dem Wagen. Die drei Männer kommen auf mich zu. Pfarrer Theophil Meisterberg geht vorne weg und streckt die Hand zur Begrüßung aus. Ich ergreife die Hand des Geistlichen. Danach denke ich unwillkürlich an das nächst gelegene Waschbecken. Hoffentlich ist es mit Kernseife und Desinfektionsmittel versehen. Ein der Angst vor ansteckenden Krankheiten geschuldeter Wunsch.

„Willkommen in Pirmasens, Otisse!“ Nach dem auch Hunde-Tommy und Lukas, der Prophet sich per Handschlag vorgestellt haben, kommt Theophil ohne Umschweife zu Sache. „Hast du das Tonbandgerät mit dem Band von Emerson, Lake & Palmer?“

Ich habe das Gefragte dabei. Also führe die führenden Männer der Pirmasenser Geistlichkeit zum Kofferraum meines Wagens und entriegele die Klappe mit der Fernbedienung. Hunde-Tommy erschrickt heftig vor dem Klack-Geräusch und springt zur Seite wie ein aufgescheuchtes Reh.

Hat der Mann noch nie eine automatische Heckklappe gesehen? Es scheint ganz so, als wäre er nicht mit den technischen Errungenschaften unserer Zeit vertraut. Eine Kofferraum-Fernentriegelung besitzt heutzutage jeder Kleinwagen. Der Hunde-Tommy müsste das Klacken kennen.

Paranoid oder vom Alkohol zerfressen?

Die Schreckhaftigkeit des Hunde-Tommy könnte eine Folge des unmäßigen Alkoholkonsums sein. Aber auch das Symptom einer paranoiden Schizophrenie wäre in Erwägung zu ziehen.

Die Gesichter der drei Männer sind verquollen. Kleine, geplatzte Äderchen treten rot auf den Nasen hervor. Die Prediger von der geistlichen Hütte können die Augen kaum mehr als einen Schlitz weit öffnen. Ihre Sprache ist lallend und verwaschen. Nackte Füße trampeln stolpernd auf dem Gras herum.

Geisteskranke Alkoholiker sind das. Alle drei. Zu viel Gottbier schädigt die Gesundheit. Obendrein ernähren sich Geistlichen extrem schlecht. Sie essen hauptsächlich Ölsardinen und Fertigessen. Das schließe ich unschwer aus den Müllbergen vor dem Abfallgebilde, das Theophil eine Geistliche Hütte nennt. Ich hätte das Tonbandgerät vielleicht behalten sollen. Dann hätte ich nicht in diesen Dreck gemusst.

Theophil hebt das Tonbandgerät voller Freude aus dem Kofferraum. er freut sich. „Klasse!“ Es ist ein Philips N4415 aus dem Jahr 1977. Danke, Otisse, danke!“ Er fasst das Gerät am ausklappbaren Griff auf der Oberseite, um derentwillen es Koffertonbandgerät heißt. Dann trägt er mein Konfirmations-Andenken in seine Hütte.

Bierig ist des Heilands totes Blut

Hunde-Tommy und Lukas, der Prophet stehen neben mir. Aber offensichtlich wissen sie nicht, ob und wie sie mich ansprechen sollen. Sie sind unsicher, schauen fliehend in die Hecke Zwei Menschen wie sie unsicherer und linkischer kaum sein könnten.

Bis Hunde-Tommy zu fragen wagt: „Willst du ein Gottbier, Otisse?“ Ich lehne dankend ab. Da mag Theophil als Kolonie-Pastor hundert Mal die Einsetzungsworte zum heiligen Abendmahl über die Bierkisten sprechen. Für mich bleibt das Flaschenbier nur Exportbier. Die Flüssigkeit ist eben nicht das Blut Christi. Nicht für mich. Aber diese Pirmasenser scheinen wirklich zu glauben, sie könnten mich mit ihrem magischen Getue verarschen.

Die Parkbrauerei stellte einst die besten Biere der Welt her. Das will ich nicht leugnen. Mit Gott allerdings hat das Gebräu nichts zu tun. Und mit dem Hokuspokus der christlichen Eucharistie schon gar nichts. Ich bleibe lieber abstinent.

Profit wird aus Sehnsüchten gemacht

Die geistlichen Leiter der Kolonie sind besoffen an sich selbst, von ihrer Gottheit und deren Botschaft. Diese drei, sie versprechen das Beste für die Stadt zu suchen. Sie geben vor, den Armen zu helfen. Aber in Wahrheit versinken sie dabei im Dreck ihrer Hütte.

Ausbeuter sind sie. Nicht mehr als gewöhnliche Profiteure der menschlichen Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit. Sie stehlen die Macht Gottes und geben sie als ihre eigene aus. Darauf bauen sie ihre Freikirche, die genauso wackelt wie Theophils Hütte.

Sie werden den Scharfschützen nicht los

„Wo ist denn euer Scharfschütze?“ Theophil schlendert nun von seiner Hütte zur Streuobstwiese zurück. Dort öffnet der Pfarrer die nächste Bierflasche und trinkt. Dann erklärt er kleinlaut, dass er nicht so genau wisse, wo sein schießwütiger Nachbar geblieben ist.

„Wahrscheinlich besorgt er mit seinen Männern Brennholz für den Winter.“ Wenn Theophil besorgen sagt, dann meint er stehlen. So gut kenne ich ihn ja doch, um diese Wortwahl richtig einzuschätzen.

Der alkoholische Pfarrer errät tatsächlich meine Gedanken. „Aber es ist nicht so wie du denkst. Wir stehlen nicht nur. Wir bekommen auch Spenden und kaufen Brennholz. Der größte Teil kommt von einem Lieferanten aus Hinterweidenthal. Und der Scharfschütze? Ja der ist unser Sündenfall“, gibt Theophil zu.

Dann erklärt er mir, dass dieser frühere Fremdenlegionär und Söldner einer amerikanischen Privatarmee schon vor der Gründung der Pirmasenser Kolonie auf dem Gelände zugegen war. Der Scharfschütze besitzt eine Parzelle mit Hütte in Erbpacht. Darin hat der noch recht junge Rentner sein Erspartes investiert.

Der Gründung des Vereins für Europäische Gemütlichkeit (VfEG) und der Pirmasenser Kolonie stimmte er nur unter der Bedingung zu, dass er auf Lebenszeit Vorstandsmitglied bleibt. Als solches zeichnet der ehemalige Söldner und Auftragskiller für die Sicherheit der Kolonie verantwortlich.

Weder die Vorsitzende Lisa Berg, noch die Mitgliederversammlung wollten es damals auf einen Streit mit dem bewaffneten Kämpfer ankommen lassen. „Wir werden den Militär nicht los“, klagt Theophil frustriert.Auch die anderen in der Geistlichen Hütte würden den Scharfschützen gerne aus der Kolonie vertreiben.

Über den gehorsamen Beamten

„Wie geht es dem gefangenen Vollziehungsbeamten?“ Nach einer für Theophil ungewöhnlich langen Bedenkzeit antwortet er: „Ich glaube, dem Franziskus geht es gut. Wir hatten Glück, dass das Sklavendasein seinen Neigungen entspricht. Er ist Masochist und nach seinem Bekenntnis ein wiedergeborener Christ. Was ist eine durchaus häufig anzutreffende Kombination wäre. Jedenfalls fügt sich fügt sich Franziskus perfekt in jede Ordnung. Außerdem dient er unseren beiden sadistischen Vorstandfrauen.“

Theophil sieht das Leben des Sklaven Franziskus trotz der gelungenen Anpassung noch immer in Gefahr. Vorsitzende Lisa Berg trage sich mit dem Gedanken, Franziskus „verschwinden zu lassen, wenn sie den Spaß an ihm verliert.“ Lisa Berg würde nie einen Hund ins Tierheim geben. Aber sie will ohne Gewissensbisse einen Mann ins qualvolle Verenden schicken.

„Der Scharfschütze und seine Kameraden haben unten im Stollen eine Körperbeseitigungsanlage gebastelt. Das sind mehrere große Becken. Die stammen aus der Pleite einer Maschinenfabrik. Der Söldner hat die Becken und die Fässer mit den Chemikalien irgendwann gestohlen. Die Fabrik brachte darin mit hoch konzentrierten Laugen und Säuren den Rostschutz auf Metallteile auf. Der Scharfschütze hat neulich zu Versuchszwecken den Kadaver einer Kuh innerhalb von zwei Stunden ohne Spuren aufgelöst”, erzählt Lisa Berg in einer Email an Theophil, die er mir zeigt.

Wegen moralischer Bedenken will Theophil nicht für die Tötung des Sklaven Franziskus stimmen. Es dürfe kein Mord an einem Auserwählten geschehen, nur weil sich die Frauen aus purem Überdruss ihres menschlichen Sexspielzeugs entledigen wollen.Nach des Pfarrers Meinung ist der ehemalige Beamte getauft. Wenn auch unfreiwillig und mit Bier statt geweihtem Wasser. Gegen die Hinrichtung eines Verworfenen von außerhalb der Kolonie hätte der Geistliche sicher wenig einzuwenden.

Bald wird eine neue Geistliche Hütte gebaut

Die drei Säufer von der geistlichen Hütte begleiten mich zum Auto. Mein Blick schweift noch einmal über den stinkenden Müll und die hölzerne Bruchbude. Theophil bemerkt meinen angewiderten Gesichtsausdruck.

„Die alte Geistliche Hütte soll im Frühherbst abgerissen und durch ein Blockhaus mittlerer Größe ersetzt werden. Mit dem Neubau der Geistliche Hütte bekommen wir eine Unterkunft, wie sie normalerweise für eine Familie mit zwei Kindern in der Pirmasenser Kolonie gebaut wird.“ Das versichert mir Theophil noch schnell durchs offene Seitenfenster.  Dann verlasse ich Pirmasens und fahre zurück nach Karlsruhe. Dort gibt es auch eine Geistliche Hütte. Allerdings sieht die mehr aus wie ein Palast und erinnert an die Macht des beamteten Christentums.

Bericht und Foto: Claude Otisse

Das könnte dich auch interessieren …