Social fiction um Macht, Intrigen, Freundschaft und Liebe. Von Klaus Wirth

Glaubenskraft: Was ist ein Versprechen?

Warten auf den Zug am Bahnhof in Pirmasens. Hält die Bahn ihr Versprechen?
Kommt der Zug, oder bricht die Bahn ihr Versprechen?

Was ist ein Versprechen? Wenn ich den Fahrplan lese und das bedruckte Papier mir sagt, es kommt samstags um 21.57 Uhr ein Zug. Dann erwarte ich dessen Ankunft. Zwar ist der Zug um 21.45 Uhr noch nicht da. Aber ich glaube fest daran, dass es den Zug wirklich gibt und dass er kommt. Und daran, dass er bereits auf dem Weg nach Pirmasens ist. Infolgedessen besteht tatsächlich die Möglichkeit, die Ankunft eines Zuges um 21.57 Uhr in Pirmasens zu erwarten.

Schließlich verspricht keine geringere als die Deutsche Bahn die Ankunft des Zuges am Samstag um 21.57 Uhr in Pirmasens. Warum glaube ich diesem Versprechen? Deshalb: Die Deutsche Bahn besitzt Züge, Weichen und Gleise. Sie beschäftigt Schaffner, Fahrdienstleiter und Lokführer. Also nennt das Unternehmen Bahn sowohl die Möglichkeit als auch die Fähigkeit ihr Eigen, das Versprechen ihres Fahrplans Wirklichkeit werden zu lassen. Außerdem ist die Deutsche Bahn damit beauftragt und willens, den Zug in Pirmasens ankommen zu lassen. Also ist es ihre Aufgabe, das Versprechen des Fahrplans einzuhalten.

Worte erschaffen Wirklichkeit

Ebenso könnte aber auch Pfarrer Theophil Meisterberg mit Hilfe seines Computers einen Fahrplan erstellen und ausdrucken. Danach könnte er das Papier überall in der Stadt verteilen. Dazu könnte Theophil Meisterberg eine Schauspieltruppe engagieren. Sobald Theophil seinen Fahrplan, die Darsteller von Schaffner, Fahrdienstleiter und Lokführer sowie seinen Businessplan beisammen hat, beruft er flugs eine Pressekonferenz ein und behauptet, er habe ein neues Bahn-Unternehmen gegründet. Und er behauptet weiterhin, dass er die Summe von 80 Millionen Euro in der klammen Stadt investieren will.

Großer Auftrieb um ein falsches Versprechen

Alle kommen. Redakteure, Fotografen, Politiker. Dann legt er seinen Fahrplan vor – das eigentliche Versprechen. Vielmehr als die Bahn verspricht Theophil die Ankunft von Zügen im Takt der halben Stunde. Sogar nachts. Wie wohlklingend der wortgewandte Prediger flüssig und schlüssig die Vorteile seines Fahrplans auseinander legt, so schenken sie alle seinem Versprechen ihren Glauben. Weil sie es so glauben wollen. Sowie ein Hochzeitspaar mittels des Glaubens ans Eheversprechen die Wirklichkeit der Ehe erschafft, erzeugt auch dieser Glaube eine neue Realität.


Daher erscheinen gleich am nächsten Tag große Artikel in den Gazetten. Die Schlagzeilen sind augenfällig illustriert mit digitalen Bildern von der glänzenden Zukunft seines Fahrplans. Zukunft? Ja. Zukunft ist, was einem Menschen zukommt. Somit auch einer Stadt wie Pirmasens. Zukunft besteht aus Versprechen und Glaubensbekenntnissen.

Dennoch: Sowie alle Versprechen gehalten und gebrochen werden können, kann auch das der Versprechen der Deutschen Bahn über die Ankunft des Zuges am Samstag um 21.57 Uhr verunglücken. Vielleicht fällt ein Baum aufs Gleis, vielleicht streiken die Lokführer oder der Fahrdienstleiter erkrankt. Wennschon, dann verspätet sich der Zug. Wenn er gar nicht kommt, schickt die Deutsche Bahn einen Bus. Sodann kommen die Reisenden zwar später, aber trotzdem an ihr Ziel.

Die trügerische Magie

Doch an Theophil Meisterbergs Versprechen gibt es einen scharfen Haken. Denn damit er sein Versprechen wahr machen könnte, müsste erst die Deutsche Bahn ihr eigenes widerrufen. Also den Fahrplan am Bahnhof abhängen, um Platz für das 80 Millionen Euro schwere Unternehmen Theophils und der Investoren zu schaffen. Zweifelsohne wäre Theophil im Stande, auch die Deutsche Bahn zu überzeugen, die Züge nach Pirmasens aufzugeben. Zumal die DB gerade viel Geld in ihre schnellen Fernzüge steckt.

Bald schon kommt eine Schirmmütze aus Frankfurt nach Pirmasens. Der Bahnbedienstete nimmt den Fahrplan aus der Vitrine. Somit wäre das Versprechen der Ankunft des Zuges am Samstag um 21.57 Uhr nicht mehr gültig.

Wenn schließlich Theophil Meisterbergs Versprechen dem Missglücken anheim fiele, weil die Investoren den Glauben ans Renditeversprechen verlieren, stünde der kleine, frisch renovierte Bahnhof bald verwaist und nutzlos herum. Das wunderbare Restaurant müsste schließen. Dann würden die Drogenhändler die Herrschaft am Bahnhof übernehmen. Jedenfalls wäre Pirmasens wegen des Glaubens an die schönen Worte und das große Geld um diesen wundervollen Bahnhof ärmer.

Aber nein. Niemals würden Politiker, Journalisten und noch weniger die Manager der Deutschen Bahn der Magie unseres geschwätzigen Geistlichen glauben. Unmöglich könnte ein noch so begnadeter Redner diese Stadt mit schönen Worten und einem Computer von seinem Fahrplan überzeugen. Denn ihm fehlt, was die Deutsche Bahn besitzt: Mittel und Möglichkeit, samstags um 21.57 Uhr einen Zug in Pirmasens ankommen zu lassen. Ein Versprechen ist handeln mit Worten, damit Taten folgen müssen.

Ein Tag geht auf die Reise

Doch nun sitze ich hier am Bahnhof in Pirmasens und hänge meinen Gedanken nach. Mitten im verlöschenden Sommerlicht. Ehe der verlebte Tag so trüb auf die Reise geht, verliere ich mich darin.

Somit ist diese Geschichte nichts als die traurige Phantasie eines unglücklich zurückgewiesenen Liebenden. Unser Kolonie-Pfarrer Theophil Meisterberg würde in Wahrheit niemals ein falsches Versprechen geben. Schließlich ist Theophil Meisterberg ein Mann Gottes.

Bericht: Fetthans
Digitales Bild: Fetthans

Das könnte dich auch interessieren …